Axel Petermann im Interview "Angehörige klammern sich an jeden Strohhalm"

Axel Petermann war Ermittler bei der Bremer Mordkommission und hat bis zu seiner Pensionierung im Oktober 2014 über 1000 Fälle bearbeitet. Im Interview spricht er über sein neues Buch "Der Profiler – ein Spezialist für ungeklärte Morde berichtet".
13.09.2015, 11:30
Lesedauer: 8 Min
Zur Merkliste

Axel Petermann (62) war Ermittler bei der Bremer Mordkommission und hat bis zu seiner Pensionierung im Oktober 2014 über 1000 Fälle bearbeitet. Noch während seiner aktiven Zeit bildete er sich weiter als sogenannter Profiler. Jetzt hat er sein drittes Buch veröffentlicht: „Der Profiler – ein Spezialist für ungeklärte Morde berichtet“. Wir treffen Axel Petermann in seinem einsam gelegenen Haus in Oyten. Als er die Tür öffnet, ist er gerade dabei, den Flur zu wischen. „Meine Frau sagt, ich soll vorher noch sauber machen, wenn Besuch kommt.“

Herr Petermann, Sie sind pensioniert. Dennoch ermitteln Sie weiter, wie man Ihrem neuen Buch entnehmen kann. Haben Sie eigentlich keine Hobbys?

Axel Petermann: Doch Hobbys hab ich viele. Ich mag gern Kunst, insbesondere den Jugendstil. Und viel Freude machen mir meine Bienen, die mir meine Kinder zur Pensionierung geschenkt haben.

Also gibt‘s Honig aus dem Hause Petermann.

Hoffentlich. Aber der erste Versuch ging ein bisschen schief, weil ich beim Honigschleudern noch zu unerfahren war. Aber ich hab daraus gelernt.

Meine Frage zielte natürlich darauf, dass Sie weiter ermitteln und als Privatperson in ungeklärte Mordfälle einsteigen. Warum tun Sie das?

Es war schon nach meinem ersten Buch so, dass ich mehrfach angesprochen worden bin, etwa bei Lesungen, ob ich mich nicht mal um diesen oder jenen ungeklärten Todesfall kümmern kann. Da musste ich dann sagen: Solange ich noch im Dienst bin, geht das nicht. Aber wenn ich pensioniert bin, gerne.

Das ist noch keine Erklärung dafür, dass Sie es tun, obwohl Sie es nicht müssen.

Es hat auch damit zu tun, dass sich in meinem engeren Freundeskreis etwa Dramatisches ereignet hatte. Und ich mitbekommen habe, was es bedeutet, wenn einen der eine oder andere Ermittler nicht richtig ernst nimmt. Man fühlt sich so allein gelassen. Ich hätte das nicht so gedacht. Schließlich bin ich ja selber Ermittler gewesen. Die Angehörigen klammern sich an jeden Strohhalm. Sie wollen eine Erklärung dafür bekommen, wie und warum ihre Tochter, ihr Sohn, ein naher Angehöriger ums Leben gekommen ist. Allein, dass ich es tue, ob nun mit Erfolg oder nicht, allein das hilft den Angehörigen. Ich kümmere mich um deren Sorgen, denn die Beziehung zwischen den Ermittlern und der Familie, die geht irgendwann verloren.

Aber Sie sind ja Profiler und nicht Sozialarbeiter.

Sicher. Aber ich muss auch zugeben: Der Reiz in der Arbeit besteht auch darin, ein Rätsel zu entschlüsseln.

Womit wir beim ersten Fall Ihres neuen Buches wären. Es geht um den Fall Heike Rimbach. Das 19-jährige Mädchen aus dem Harz wird bestialisch ermordet. Ein Fall, der 20 Jahre zurückliegt. Wie sind Sie dazu gekommen?

Der Anwalt der Mutter hat mich kontaktiert. Ich habe mir den Fall dann zunächst im Internet angesehen. Und dann erinnerte ich mich, dass ich mit Dr. Thomas Müller (namhafter Fallanalytiker aus Österreich, d. Red.) vor Jahren fallanalytische Schulungen gemacht habe. Die Teilnehmer konnten immer einen Fall vorstellen. Einer davon war der Mord an Heike Rimbach. Insofern war schon eine gewisse Nähe zum Fall da.

Sie sind schließlich eingestiegen, haben sich den Tatort angeguckt, mit der Mutter gesprochen, mit Ermittlern und Zeugen von damals. Sind Sie jetzt so etwas wie ein Privatdetektiv, der dann eine Rechnung schreibt?

Nein, ich mache das pro bono. Ich will da nichts für haben. Die Kosten für Fahrt und Übernachtung trage ich selbst.

Alles ohne Gegenleistung?

Nein, ich habe einige wenige Bedingungen gegenüber den Angehörigen: Wenn ich mich um die Fälle kümmere, dann bin ich nicht der Anwalt, der deren Interessen verfolgt. Ich möchte herausfinden, was genau passiert ist, möchte wissen, weshalb gerade dieses Opfer gestorben ist Aber ich möchte mir unvoreingenommen meine eigenen Gedanken machen. Und was ich zudem noch möchte, ist, dass ich darüber schreiben darf, ohne dass eine Zensur stattfindet. Die Verbrechen und die Opfer sollen nicht vergessen werden; der Täter soll sich nicht in Ruhe wähnen.

Wenn Sie so einen Fall übernehmen, wie kommen Sie dann an das Aktenmaterial von damals heran? Gehen Sie zu den Ex-Kripo-Kollegen und fragen?

Nein, im Fall Heike Rimbach habe ich die Akten über den Anwalt bekommen. Und über die Mutter war es dann möglich, mir den Tatort anzuschauen, weil sie mit Polizei und Staatsanwaltschaft darüber gesprochen hatte.

Aber Sie haben mit den damals ermittelnden Beamten gesprochen, oder?

Ja, die waren am Tatort dabei. Und hinterher, bevor das Buch erschien, bin ich bei den Ermittlern gewesen und hab denen gesagt, was ich über den Fall recherchiert habe. Sie sollten das nicht erst aus dem Buch erfahren.

Aber wie war denn das Verhältnis zu den Beamten? Denken die nicht vielleicht: Ah guck mal, jetzt kommt so ein Ober-Schlaumeier und löst den Fall?

Nein, es hieß sogar, es sei bereichernd, dass ich da sei. Sie hätten ohnehin vorgehabt, eine externe Fallanalyse in Auftrag zu geben. Deswegen passte das ganz gut. Es war ein offenes Miteinander-Umgehen. Aber um generell mit einem Missverständnis aufzuräumen: Ich bin nicht dazu da, die Arbeit der Kollegen zu kontrollieren und zu sagen, dass die da Fehler gemacht haben.

Sie haben sich das Zimmer des Mordopfers angesehen. Hier fließt Blut. Anschließend wird die junge Frau über den Flur geschleift, um dann auf dem Dachboden bestialisch erwürgt, erstochen, erschlagen, erdrosselt zu werden. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie sich den Tatort ansehen?

Ich versuche, mich in die Situation von damals hineinzudenken. Wie hat wer reagiert? Was war das Motiv und warum wurde gerade dieser Mensch Opfer? Ich möchte jetzt hier nicht rumspinnen, aber ich versuche, mir Bilder über den Tatablauf zu verschaffen, ein wenig wie der Täter zu sein.

In Ihrem Buch kann der Leser schon mitraten, wer als Täter infrage kommt. Sie sind noch an dem Fall dran. Haben Sie inzwischen eine Theorie?

Ja. Aber ich kann leider noch nichts Konkretes sagen. Aber ich gehe davon aus, dass Opfer und Täter sich gut kannten, dass es eine Tat der Nähe war. Ich konnte in dem Buch nicht sagen, wen ich für den Täter halte. Aber ich konnte sagen: Der Name steht in den Akten.

Mal naiv gefragt: Gab es denn keine DNA-Spuren, die den Täter hätten überführen können?

Um es vorsichtig zu sagen: Die Kollegen damals haben Fehler gemacht. Das sehen die heutigen Ermittler genauso. Manche Spuren sind gar nicht gesichert worden. Man hat sich sehr schnell auf die Familie fixiert. Man hatte Fingernägel und andere Asservate, die man heute noch hätte untersuchen können. Aber sie sind verschwunden. Und die Tatwerkzeuge hat man unsachgemäß gesichert und so wichtige DNA-Spuren zerstört. Gut, damals war die Entschlüsselung des DNA- Codes für die Kriminalistik noch relativ neu.

Aber welche Chance gibt es dann noch, den Täter zu überführen, außer einem Geständnis?

Es sollen noch Asservate da sein. Der Täter wird keine Ruhe finden.

Sie waren ja auch mal selber in der Bremer Mordkommission tätig, wo es heute ja leider auch noch immer offene Mordfälle gibt. Ich erinnere beispielsweise an die beiden Frauenmorde in der Nacht vom 4. auf den 5. September 1991. Reizt es Sie vielleicht, auch da noch mal hinterher zu gehen?

Schon, das Kapitel ist auch für mich noch nicht zu Ende. Meine Kollegen und ich haben damals ja eine Analyse zu dem Fall gemacht. Die Ergebnisse sind dann ans Kommissariat gegangen. Und ich denke, dass diese dort sehr aufmerksam gelesen wurden. Trotzdem gilt, dass ich mich um alte Bremer Fälle ausdrücklich nicht kümmere. Da wäre der Ärger mit den Ex-Kollegen programmiert – und den möchte ich nicht.

Mit dem Wissen, das Sie heute haben, würden Sie heute – wie etwa im Fall der Frauenmorde – jetzt etwas anders machen?

Früher in der Mordkommission hat man vor allem auf der Spur gearbeitet. Das heißt: Man fuhr zum Tatort, fragte im Verwandten- und Freundeskreis des Opfers nach. Man sicherte Spuren am Tatort und versuchte auf diesem Weg, auf den Täter zu kommen. Heute würde ich einen anderen Ansatz wählen und mehr darüber nachdenken, was hier passiert ist, wer ein Motiv haben könnte. Ich würde versuchen, dem Tatablauf so nah wie möglich zu kommen: durch Nachahmen, durch Rekonstruieren, um das Motiv des Täters zu erkennen. In der Fallanalyse werden unterschiedliche Versionen geprüft, die zunächst gleichberechtigt nebeneinander stehen. Jede Version vergleicht man dann mit den objektiven Spuren, die man vom Tatort und vom Opfer hat.

Ist die Methodik der Operativen Fallanalyse heute weit verbreitet? Wird das gelehrt an den Polizeihochschulen?

An den Hochschulen nicht direkt. Da erfahren die Studenten, dass es das gibt und wie die Vorgehensweise ist. Aber diejenigen, die Fallanalytiker werden möchten, haben einen weiten Weg mit mehrjähriger Ausbildung vor sich.

Aber hält die Methode wirklich Einzug in den Polizeialltag, oder wird sie nicht doch eher als Spökenkiekerei verachtet?

Nein, überhaupt nicht. Denn wenn neue Ideen gebraucht werden, sind wir gut. Im Übrigen: Ursprünglich war die Operative Fallanalyse eingeführt worden, um reisende Serienmörder zu finden, die in ganz Deutschland und dem Ausland morden. Doch so etwas findet zum Glück nur selten statt. Deswegen haben wir irgendwann damit angefangen, alte sexuell motivierte Taten zu analysieren. Heute geht der Trend jedoch dahin, dass Fallanalytiker von vorn herein eine Fallbegleitung machen. Sie arbeiten abgesetzt von der Mordkommission, erarbeiten eigene Vorstellungen über das Tatgeschehen und das Motiv des Täters, erstellen dessen Profil und sind beratend tätig.

Noch mal zu Ihrem Buch. Dort wird auch der Bremer Fußnägel-Fall beschrieben. Ein Häftling, dem die Fußnägel gezogen wurden, angeblich von Mithäftlingen. Dann finden Sie heraus: So war es nicht, um nicht zu viel zu verraten. Unvorstellbar eigentlich. Sie haben sich das Szenario vorgestellt. Wie macht man das?

Da kommen wir zum Grundlegenden bei der Fallanalyse. All das, was Menschen denken, glauben, annehmen, vermuten, soll dich bei deiner Meinungsbildung nicht beeinflussen. Deswegen arbeitete ich nur mit Sachinformationen: Spuren am Tatort, Verletzungen des Opfers, die Art und Weise des Tötens, Verhalten nach der Tat, die Frage nach der Opferpersönlichkeit zum Beispiel.

Und wie war das im Fußnägel-Fall?

Ich habe beispielsweise einen Hautarzt kontaktiert. Der sprach von einer OP und sagte, wie lange er dafür brauchen würde. Es war irgendwo zwischen einer halben und einer Stunde. Genauso lange dürfte auch ein Täter für die Verstümmelung benötigt haben. Nächste Frage war: Wie würde ich mich verhalten, wenn zwei, drei Mitgefangene kämen und versuchen würden, mir zum Beispiel mit einer Kneifzange meine Fußnägel zu ziehen. Ich würde mich doch wehren. Und: Kann das überhaupt ohne Begleitverletzungen vor sich gehen? Wir haben es selbst ausprobiert, wie man sich als vermeintliches Opfer verhält. Und es kam heraus, dass es kaum möglich ist, einem gegen seinen Willen die Nägel zu entfernen; es sei denn, man war wehrlos. So nähert man sich dem Phänomen.

Bei all diesen Fällen, die Sie ja nicht im Buch lesen, sondern die es real gegeben hat und mit denen Sie sich beschäftigen, sind Sie trotzdem noch psychisch stabil?

Ich hoffe doch (lacht). Aber ich versuche, das Geschehene zu versachlichen. Ich will nicht wissen, was das Opfer gedacht hat, als der Täter mordete, als es eng wurde, ich will den Schmerz gar nicht wissen, den es hatte. Ich guck mir einfach an, was da passiert ist. Ich denke, das kann ich ganz gut. Aber trotzdem räume ich ein: Auch beim Schlafengehen gehen mir die Fälle durch den Kopf. Wie jetzt gerade der Fall Heike Rimbach.

Und was sagt eigentlich Ihre Frau, wenn Sie ständig unterwegs sind?

Ich hab immer gesagt, dass ich das nach meiner Pensionierung machen werde. Da haben auch die Bienen nichts dran geändert. Meine Familie weiß doch auch: Nur Rentner sein und sich um den Garten kümmern, da würde ich verrückt werden. Ich brauche die Affinität zum Bösen; zum Glück auf der richtigen Seite.

Das Gespräch führte Peter Voith

Axel Petermann: Der Profiler. Heyne, München. 304 Seiten, 9,99

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+