Wolfgang Niedecken blickt mit seiner Band BAP auf vier Jahrzehnte Rockmusik zurück Angekommen in der Zeitlosigkeit

Bremen. Zum 40-jährigen Band-Geburtstag könne man sich mal ein Best Of-Programm gönnen, findet Wolfgang Niedecken und befürchtet: Würde er das zur Regel machen, sei seine Band wohl längst zur Bierzelt-Combo heruntergekommen. So aber spielen BAP in der bestuhlten Halle 7, das ursprünglich eingeplante Pier 2 wäre zu klein gewesen.
29.05.2016, 00:00
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Bremen. Zum 40-jährigen Band-Geburtstag könne man sich mal ein Best Of-Programm gönnen, findet Wolfgang Niedecken und befürchtet: Würde er das zur Regel machen, sei seine Band wohl längst zur Bierzelt-Combo heruntergekommen. So aber spielen BAP in der bestuhlten Halle 7, das ursprünglich eingeplante Pier 2 wäre zu klein gewesen. Der bekannt mangelhaften Raumakustik wirkt die Tontechnik so gut es eben geht entgegen, in den durchaus vorhandenen lauteren Momenten gelingt das nur bedingt.

Optisch präsentiert sich die Band vor einer aufwändigen Leinwand aus 40 Kacheln, für jedes Bandjahr eine, was ein wenig an eine Computer-Benutzeroberfläche erinnert. Davor breitet Niedecken sein Lebenswerk erstaunlich wenig nostalgisch aus. Er hat seiner Gruppe wieder seinen Nachnamen vorangestellt, es ist ein wenig wie in den Anfangstagen: Der Songschreiber mit wechselnden Begleitern, weit mehr als zwei Dutzend sind es über die Jahrzehnte gewesen. Dennoch erscheint es merkwürdig, wenn ein Bandmitglied wie Percussionist Rhani Krija – vor wenigen Tagen noch mit BAP auf der Bühne – fehlt, und dieser Umstand komplett unkommentiert bleibt. Mit der finalen Zugabe des dreistündigen Programms, „Et letzte Leed“, thematisiert Niedecken die verlorene Romantik des Rockmusiker-Daseins, die schon für ihn nicht mehr stimmte, als das Stück 1983 erschien.

Bis dahin spielen die fünf anwesenden Musiker und der Sänger moderat modernisierte Versionen dessen, was sich wohl von den 18 Studio-Platten am tiefsten im kollektiven Gedächtnis festgesetzt hat. Bei der Menge der möglichen Lieder gibt es immer Streitpotenzial, beispielsweise kann man diskutieren, wieso mit „Rövver noh Tanger“ eines der zupackendsten Rockstücke jüngerer Genese fehlt, das reichlich redundante „Rita, mir zwei“ aber auf nahezu jeder Tour immer wieder gespielt wird.

Im Endeffekt unterscheidet sich das Programm der als „Jubiläumstour“ bezeichneten Konzertreise gar nicht so sehr von sonstigen, denn mit „Lebenslänglich“ gibt es auch ein aktuelles Studioalbum, von dem immerhin die Hälfte der Stücke zu hören sind. Und in der Tat zeigen sie, dass Wolfgang Niedecken noch immer ein großer Songschreiber sein kann, der mit mittlerweile 65 Jahren und einem ohne Spätfolgen überstandenen Schlaganfall andere Zugänge zu Themen findet als der singender Kunststudent Ende der 70er-Jahre. Wiederholungen sind dabei wohl unvermeidbar, auf manche Zusammenhänge kommt er immer wieder zurück.

„Dä Herrjott meint es joot met mir“ kündigt er als die Fortsetzung von „Wenn et Bedde sich lohne däät“ von 1982 an, im Grunde ist es aber eine Relativierung, die seine Kritik am Konstrukt Glauben zurücknimmt. Sicher ist Niedecken auch heute nicht gottesfürchtig, aber in seinem heiligen Zorn scheut er nicht mehr vor einem „Kyrie eleison“ zurück. Das kommt vor in „Absurdistan“, einem weiteren neuen Song, der deutlich macht, dass der Sänger und Songschreiber alles andere als altersmilde geworden ist. Niedecken erzürnt sich weiter an gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten, nur nicht mehr mit dem Sturm und Drang früherer Jahre.

So etwas findet auch musikalisch seinen Ausdruck; insbesondere Gitarrist Ulrich Rode und Multiinstrumentalistin Anne de Wolff gestalten mit großer Stilsicherheit die Vorgaben zeitlos und auch altersgemäß. Radikal gehen sie dabei selten vor, lediglich „Unger Krahnebäume“ bauen sie mit einem akustischen Einstieg komplett um. Manches kölsche Liedgut klingt nun nach Americana, was nicht unpassend wirkt. Dennoch stimmt auch der Satz von „der Band, die immer noch rockt“. Natürlich spielt sie „Verdamp lang her“, so nahe am Original wie schon lange nicht mehr gehört, und vor allem „Kristallnaach“, das Wolfgang Niedecken nach mehr als drei Jahrzehnten zu recht noch immer „brandaktuell“ nennt. Eine düstere, surreale Alptraum-Vision von Verfolgung, Hetze und Gewalt, die sich als relevanter erweist, als es sich der Autor einst wohl wünschte. Mit „Visionen von Europa“ setzt er diesem sehr deutschen Thema die afrikanische Perspektive entgegen, die nicht weniger hoffnungslos ist. Auch wenn das Publikum lieber die alten Hits feiert: Gerade dieses Stück zeigt, wie sehr es weiterhin jemanden wie Wolfgang Niedecken braucht, der seine Stimme dort erhebt, wo es nötig ist.

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