Wie die Documenta 13 in Kassel die Grenzen zwischen Kunst und Natur erkundet

Auch der Wind ist einer Betrachtung wert

Bienen und Schmetterlinge als Kulturproduzenten, Erdboden als Währung, nachgebildete Flussfelsen als Kunstwerke: Die Weltkunstausstellung Documenta 13 hinterfragt die Grenzen zwischen Natur und Kultur. Selten bot eine Documenta so viele Gedankenwelten im Grünen.
12.07.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Auch der Wind ist einer Betrachtung wert
Von Sara Sundermann

Bienen und Schmetterlinge als Kulturproduzenten, Erdboden als Währung, nachgebildete Flussfelsen als Kunstwerke: Die Weltkunstausstellung Documenta 13 hinterfragt die Grenzen zwischen Natur und Kultur. Selten bot eine Documenta so viele Gedankenwelten im Grünen.

Kassel. Die Documenta 13 begann in diesem Jahr mit einem Baum aus Bronze, in dessen Krone ein Stein ruht. "Ansichten eines Steins", ein Werk von Giuseppe Penone. Zwei Steine sind auch im Zentralbereich der Documenta 13 ausgestellt: Der eine wurde vom Fluss, der andere vom Menschen geformt. Beide ähneln sich. Dazu passt, dass durch die Eingangshallen der Kunstschau Wind weht. Ihn erzeugt der Künstler Ryan Gander durch verborgene Ventilatoren. Wind als Kunst? Schon ist man bei einem Zentralthema der Schau, die das Verhältnis von Natur und Kunst abtastet – und die Grenze zwischen beiden aufheben will.

Die Documenta 13 werde von einer ganzheitlichen Vision angetrieben, schreibt die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Barkagiev. Sie respektiere die "Formen des Wissens aller belebten und unbelebten Produzenten der Welt, Menschen inbegriffen". Die Documenta will nicht Tiere und Umwelt schützen, sondern sie als aktive Weltbewohner zeigen. Sie will daran erinnern, dass der Mensch nur eine Spezies unter vielen ist. Die Welt aus der Perspektive eines Meteoriten betrachten, so etwas gefällt der Documenta-Chefin. "Der Mensch ist nicht der Mittelpunkt", ist eine ihrer Botschaften. Diese Botschaft lässt sich mal plakativ und mal feinsinnig verborgen an vielen Stellen der Schau wiederfinden.

Sehr bildlich hat sie der Künstler Pierre Huyghes aufgegriffen: Sein Werk liegt in der Karlsaue, Kassels zweitgrößtem Park. Internationale Kunst wird flankiert von prachtvollen alten Bäumen. Huyghe hat in der Kompostierungsanlage gearbeitet, mit allem, was normalen Gärtnern als Abfall gilt. Daraus hat er einen Garten gestaltet, in dem alles wuchern und verwesen darf.

"Unkultiviert" heißt sein Werk. Das mag banal wirken. Doch heute ist fast jeder Wald geformte Kulturlandschaft. In der Karlsause liegt bei Huyghes zwischen Pfützen und hohen Brennesseln die Skulptur einer Frau: Der Mensch ist im Zentrum, aber er ist dennoch nur Publikum. Der Kopf der Statue ist bevölkert von Bienen. Die Frau kann nichts sehen und sich nicht äußern, es sei denn durch die Bienen.

Wie sieht die Welt aus, durch die Biene gedacht? Jenseits der Provokationen der Documenta-Chefin, die im Vorfeld der Schau gar Wahlrecht für Hunde forderte, kann die Documenta 13 zum Perspektivwechsel anregen. Flugzeugkonstrukteure lernen heute von Kolibris, Pinguine inspirierten den U-Bootbau, Klettpflanzen standen Pate, als der Klettverschluss entstand. Warum tun wir uns schwer, Tiere und Pflanzen als Wissensproduzenten zu betrachten? Inspiriert von der Documenta ließe sich fragen: Wer hat den Klettverschluss erfunden – der Schweizer Ingenieur Georg de Mestral oder die Klettpflanze?

Architekten und Apfelexperten

Ingenieure sind übrigens an der Documenta 13 ebenso beteiligt wie Physiker, Saatgut-Aktivisten, Architekten oder Apfelexperten. Apfelbäume sind zentraler Bestandteil des Werks von Dorfpfarrer Korbinian Aigner. Er weigerte sich, Kinder auf den Namen Adolf zu taufen und kam ins Konzentrationslager Dachau. Dort wurde er zur Zwangsarbeit in der Landwirtschaft eingeteilt. In vier Jahren Gefangenschaft züchtete er vier Apfelsorten, die er KZ-1, KZ-2, KZ-3 und KZ-4 nannte. Eine poetische Form des Widerstands im Angesicht des Völkermords, die zugleich zeigt, dass kein Bereich des Lebens unberührt vom Faschismus bleiben konnte. Die Documenta zeigt Aigners feine Apfel-Aquarelle.

Meist ist Natur in Kassel eng verbunden mit sozialen und politischen Krisen der Gesellschaft. Die Kunst in dem Gebäude Ottoneum befasst sich vorrangig mit Samen. Künstlerin Claire Pentecost führt vor, dass Firmen sich Saatgut patentieren lassen. Sie schlägt ein neues Wertesystem vor, das analog zum Petro-Dollar lebendigen Ackerboden als Währung benutzt. Wie so oft mischt sich die Documenta ein und hinterfragt vermeintliche Gewissheiten. Etwa Amy Balkin, die Politiker in 186 Unesco-Ländern angeschrieben und aufgefordert hat, die Erdatmosphäre als Weltnaturerbe anzuerkennen. "Eine kreative Idee", antwortet das deutsche Umweltministerium. Eine Unterstützung sei aber leider nicht möglich.

Besonders beeindruckend zeigt ein kleines Objekt die gewaltsame Verbindung von Politik, Natur und Kultur. Im "Gehirn", dem Zentrum der Documenta, ist ein seltsames Objekt aus dem libanesischen Nationalmuseum ausgestellt. Im Bürgerkrieg geriet das Museum in den Bombenhagel. Mehrere Ausstellungsstücke verschmolzen zu einem neuen Objekt. Selbst Wissenschaftlern gelingt es nicht mehr festzustellen, woraus es entstand. Man kann die Documenta als Schauplatz für Utopien betrachten. Oder als einen Ort für Gespräche über Zukunftsentwürfe. Das nimmt sehr für das diesjährige Konzept ein.

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