Literatur

Auf das Haustier gekommen

Mit kunstvollen Reflexionen über die besten Freunde des Menschen warten Jan Philipp Reemtsma und Joseph H. Reichholf auf. Beide Autoren wissen um Fluch und Segen der Domestizierung.
10.01.2018, 13:54
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Auf das Haustier gekommen
Von Hendrik Werner
Auf das Haustier gekommen

Kennt sich aus mit dem Hund in der Malerei: Jan Philipp Reemtsma.

Frank Thomas Koch

Sein jüngstes Buch hat der Hamburger Literatur- und Sozialwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma seinem verstorbenen Hund zugeeignet. „Für Franz“ lautet die lapidare Widmung in dem Insel-Bücherei-Bändchen „Einige Hunde“. Einst hatte der 65-Jährige Denker sogar zwei Hunde. Nun, da er ohne Haustier ist, dienen ihm offenbar dankbare Reminiszenzen sowie spielerische Reflexionen über den Stellenwert des Hundes in der Kunstgeschichte als Ersatz für das bewährte Miteinander von Mensch und Kreatur.

„Wer lange genug mit Hunden gelebt hat“, heißt es in dem brillanten Essay, „dem kommt eine Abwandlung dessen in den Sinn, was Montaigne von seiner Katze gesagt hat: er wisse nicht, ob er mit seiner Katze oder seine Katze mit ihm spiele. Hat der Mensch den Hund domestiziert oder der Hund den Menschen zum Hundehalter gemodelt?“

Diese so vergnügliche wie berechtigte Überlegung bildet den Ausgangspunkt zu elegant vorgetragenen Exkursionen in die Kunstgeschichte. Darin türmen sich laut Reemtsma zahlreiche Tier-Mensch-Mysterien. Warum, fragt der geübte Betrachter, bildet Rembrandt im Vordergrund seines berühmten Stiches „Der barmherzige Samariter“ (1633) nach dem Evangelisten Lukas (10, 25-37) einen Hund ab, der folglich in einem denkbar prominenten Bildausschnitt seine Notdurft verrichtet?

Auch auf anderen bekannten Gemälden hat Reemtsma Hunde identifiziert, die – zumindest auf den ersten Blick – keine Verbindung zum Kernmotiv des Kunstwerks unterhalten. Reemtsmas zwingende Interpretation lautet: „Der Hund ist ein Kommentartier.“ Anders als Schimpansen und andere Primaten könne er menschliche Gesten und Verhaltensweisen deuten. Dieser Umstand qualifiziere ihn zur probaten Projektionsfläche – und zum Pin-up der Kunst.

„Unsere nahen und doch so fremden Begleiter“ nennt der bekannte Biologe Joseph H. Reichholf alle nur erdenklichen Haustiere. Zu ihnen zählt er nicht nur Hund und Katze, Rind und Schwein, sondern zudem Marder und Waschbär, Haussperling und Schwalben, Schaben und Silberfische.

Reichholf beschreibt kenntnisreich Trennendes und Einendes – und plädiert für ein garantiertes Tierwohl. Doch dazu fehle es der Haltern „an einer guten Mitte“. Zu beklagen sei das „Extrem von Heimtieren, die verhätschelt und vergöttert werden“, wie auch „die extrem mitleidlose Haltung“, bei der Tiere „zu Fleischproduktionsmaschinen degradiert“ werden.

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