Eindrücke vom Podium „Geraubte Bücher in deutschen Bibliotheken“ der Heinrich-Böll-Stiftung Auf den Spuren der Gestapo

Bremen. In einigen Büchern finden sich am Ende Einträge wie „N.N.
04.03.2017, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Alexander Schnackenburg

Bremen. In einigen Büchern finden sich am Ende Einträge wie „N.N.“ oder auch „Unbekannter Zugang“. In anderen ist von einem „Geschenk“ die Rede. Nur selten aber erscheint der Fall so klar wie dann, wenn der Vermerk „Geschenk der Gestapo“ oder „Reichstauschstelle“ auftaucht. Die Suche nach nationalsozialistischem Raubgut in deutschen Bibliotheken gestaltet sich als aufwendiges Unterfangen. Entsprechend weit gehen die Meinungen darüber auseinander, inwiefern die Bibliotheken überhaupt zur kostspieligen Bestandsanalyse verpflichtet sind. Uneinigkeit diesbezüglich herrschte auch bei einer Podiumsdiskussion der Heinrich-Böll-Stiftung am Donnerstagabend in der Villa Ichon unter dem Titel „Geraubte Bücher in deutschen Bibliotheken: eine unerledigte Aufgabe?“

Für frischen Wind in der Debatte sorgt seit vorigem Herbst ein spektakulärer Fund in der Stadtbibliothek Bautzen: jener von 20 Kisten aus der Büchersammlung des jüdischen Warenhaus-Besitzers Georg Tietz („Hertie“). Die Kisten sind indes nicht zufällig aufgetaucht. Mit Robert Langner hat sie ein externer Wissenschaftler nach zweijähriger Recherche gefunden: im Rahmen eines durch das „Deutsche Zentrum Kulturgutverluste“ geförderten Forschungsprojekts. In der Villa Ichon vertrat Langner die These, dass alle öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken Deutschlands schon aus moralischen Gründen dazu verpflichtet seien, ihre Bestände ebenso sorgfältig nach NS-Raubgut zu durchforsten, wie er es in Bautzen halte.

Barbara Lison, Vorsitzende des Deutschen Bibliotheksverbandes und Direktorin der Stadtbibliothek Bremen, teilt Langners Meinung nur bedingt. Zwar wünscht auch sie sich ein stärkeres Bewusstsein für die Raubgut-Problematik in Deutschlands Bibliotheken. Allerdings seien die Ressourcen der Büchereien so knapp bemessen, dass sie ihre Bestände keinesfalls allein aus eigenen Mitteln aufarbeiten könnten. Im Übrigen verfüge der Großteil der öffentlichen Bibliotheken, zumindest im Westen Deutschlands, gar nicht mehr über Bücher aus der Nazi-Zeit.

Anders liegen die Dinge in den rund 750 wissenschaftlichen Bibliotheken der Bundesrepublik, von denen nahezu alle über verdächtige Bestände verfügten, erklärte der Historiker Volker Cirsovius-Ratzlaff in der Villa Ichon. Wie Robert Langner in Bautzen, so durchforstet Cirsovius-Ratzlaff die Bestände der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen nach geraubten Büchern. Etwa 20 000 Verdachtsfälle untersucht er im Zuge dessen seit dem Jahr 2015 auf ihre Herkunft. In etwa 200 Fällen, schätzt der, werde sich der Verdacht, dass es sich um Raubgut handele, letztlich bestätigen. Für das einst von den Nazis geraubte Buch „Richard Wagner an Mathilde Wesendonk“ konnte Cirsovius-Ratzlaff gar die rechtmäßigen Erben ausfindig machen. Kommende Woche wird er es ihnen übergeben.

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