Premiere im Theaters Bremen Auf den Spuren des Mondmanns

Entertainer und Performance-Künstler Andy Kaufman ließ auf der Bühne die Grenze zwischen Realität und Kunst verschwimmen. Darum geht es Alexander Giesche bei seinem neuen Projekt „World of Reason“, das am Sonnabend Premiere im Theaters Bremen hat.
12.03.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von MARTIN MÄRTENS

Was ist Wirklichkeit? Was Illusion? Entertainer und Performance-Künstler Andy Kaufman (1949–1984) ließ auf der Bühne die Grenze zwischen Realität und Kunst verschwimmen. Darum geht es Alexander Giesche bei seinem neuen Projekt „World of Reason“, das am Sonnabend Premiere im Kleinen Haus des Theaters Bremen hat: um die Demonstration der Möglichkeit, in andere Welten zu flüchten.

Die Bühne ist schwarz, kahl – und nur durch ein Absperrband vom Zuschauerraum getrennt. Stampfende Techno-Beats erklingen, als ein in Schwarz gekleideter Akteur in Zeitlupe die Bühne betritt. Er schwingt eine schwarze Fahne und rammt sie in den Boden. Es ist die erste Probe auf der Hauptbühne, die Sequenz dauert kaum mehr als ein paar Momente – dennoch wird sofort klar: Es geht um Bilder. Ist das noch Schauspiel oder schon Tanz? „Es ist Theater“, antwortet Alexander Giesche, ohne lange nachzudenken.

Giesche, der mit „Der perfekte Mensch“ sowie „Lost“, damals noch als Artist in Residence am Theater Bremen, zwei Publikumserfolge verzeichnen konnte, orientiert sich auch bei seiner dritten Arbeit an Film und Fernsehen. Dienten zunächst ein Kurzfilm sowie eine US-Serie als Basis, so verdingt sich der Regisseur dieses Mal an Miloš Formans Filmbiografie „Man on The Moon“ („Der Mondmann“), welches sich dem Leben des höchst umstrittenen Performancekünstlers und Komikers Andy Kaufman widmet. Giesche bringt aber kein Stück über das Leben des 1984 verstorbenen US-Komikers auf die Bühne, vielmehr versucht er, dessen Ansätze theatral weiterzudenken. Es geht um die Frage, wie es möglich ist, der Welt der Vernunft mit all ihren Widersprüchen zu entfliehen.

Der Entertainer Andy Kaufman stand für das Unerwartete – im richtigen Leben wie auf der Bühne. Er war lustig, indem er gar nicht lustig sein wollte. Mittels ständiger Grenzüberschreitungen wusste das Publikum schließlich nicht mehr, was es glauben sollte und was nicht. Das ging so weit, dass man den Tod des Komikers am Ende für seinen größten Witz hielt.

Bilder, Töne und Gerüche spielen die essenziellen Rollen in dem „Visual Poems“, wie der Performancekünstler seine Art der Inszenierung selbst bezeichnet. Dem sowieso spärlichen Text kommt dabei eine untergeordnete Rolle zu und dient in erster Linie der Unterstützung der entstandenen Bilder. Für ihn ist die Bühne ein Raum, in dem alles möglich sei. Die Zuschauer sollen die Stücke sinnlich erfahren – sehen, hören, fühlen und riechen – können.

In seiner Performance schickt Giesche Schauspielerin Nadine Geyersbach und Tänzer Andy Zondag mittels großer poetischer Bilder auf eine Reise zu den Spuren des Mondmanns. Beide ließ er zuvor in einer Gravitationszentrifuge im Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum mit Tempo und Schwerelosigkeit experimentieren.

„Ich finde, dass wir uns in extrem zynischen Zeiten befinden, in denen man manchmal einfach nur noch den Kopf in den Sand stecken möchte. Es geht mir darum, wie man dem Ganzen ein Bein stellen und aus dem neoliberalen System ausbrechen kann“, so Giesche zu seiner Idee der Stückentwicklung. Dabei gehe es unter anderem um die Frage nach den Ambivalenzen gesellschaftlichen Lebens, zwischen Funktionen im System, Vernunft, Unvernunft und Weltfluchtphantasien. „Wir brauchen mehr Spielverderber, um aus dem System ausbrechen zu können.“ Die Lust nach Grenzüberschreitungen sowie das Verschwimmen von Realität und Illusion gelten hier als Voraussetzung.

Giesches Stücke entstehen aus einer ersten Idee und werden als Gemeinschaftsproduktionen im Team weiterentwickelt, wie der 32-Jährige betont. Über das Ziel des Stückes meint der Regisseur, dass es jeder für sich selbst finden müsse. Es gehe darum, möglichst viel offen lassen, damit das Publikum sich sein Stück des Mondes selbst erobern kann – mit oder ohne Fahne.

Aufführungen: Sonnabend, 14. März, um 20 Uhr (Premiere) im Kleinen Haus. Weitere Vorstellungen am 25. März und am 16. April.

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