Umjubelte Uraufführung am Theater Bremen

Auf der Suche nach Erlösung

Alize Zandwijk präsentiert am Goetheplatz ein vorzügliches Läuterungslehrstück namens „Auferstehung“ - in einer Bühnenfassung von Armin Petras nach dem Roman von Leo Tolstoi.
09.03.2019, 15:30
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Auf der Suche nach Erlösung
Von Hendrik Werner
Auf der Suche nach Erlösung

Sind wir nicht alle ein bisschen Jekaterina Maslowa? Protagonistin Fania Sorel (rechts) und ihre drei Abbilder (von links: Annemaaike Bakker, Nihan Devecioglu, Mirjam Rast).

Jörg Landsberg

Bremen. Was für ein Trumm, diese düstere Schuld-und-Sühne-und-Läuterungsprosa aus dem Jahr 1899 mit dem sinnigen Namen „Auferstehung“: 716 Seiten umfasst die jüngste Übertragung des dritten und letzten Romans (nach „Krieg und Frieden“, 1867, und „Anna Karenina“, 1877) von Leo Tolstoi (1828-1910) ins Deutsche. Barbara Conrad hat sie vor zweieinhalb Jahren im Carl-Hanser-Verlag vorgelegt – und die Brisanz des Stoffes, der Veganismus und andere naturgefällige Lebensweisen in seltener Radikalität propagiert, auch für das 21. Jahrhundert unterstrichen.

In der justiziablen Geschichte des Fürsten Dmitri Nechljudow und der von ihm vergewaltigten Jekaterina Maslowa hat Tolstoi jede Menge geharnischte Zivilisationskritik, Bergpredigt-Besessenheit und individualpsychologische Exzesse untergebracht, überdies Dutzende von Nebenhandlungen (und noch mehr Nebenfiguren), eine partielle Abkehr vom realistischen Erzählen zugunsten mystischer Momente, vor allem aber: eine irritierend intensive Imitatio Christi des Protagonisten, der sozusagen auf Teufel komm raus Vergebung, ach was: Erlösung von seinen Sünden sucht.

Hausregisseur Armin Petras, den russische (Revolutions-)Romanciers nicht zuletzt wegen seiner DDR-Sozialisation faszinieren, hat für Alize Zandwijks als Uraufführung apostrophierte Inszenierung eine Fassung erarbeitet, die etliche epische Elemente beibehält – und doch dramatisch, lies: zugespitzt genug ist, um hinreichend spielbares Material für eine Dauer von drei Stunden abzuwerfen (eine Pause inbegriffen). So lange, freilich ohne Pause, dauert auch die populärste Adaption des Romans in jüngerer Vergangenheit: ein Film der Taviani-Brüder aus dem Jahr 2001 mit Stefania Rocca und Timothy Peach in den beiden biografisch und moralisch heillos ineinander verkeilten Hauptrollen.

Subtile Komik

Was das Theater dem Kino – im Idealfall – an unmittelbarer Vitalität voraus hat, zeigt Schauspielspartenleiterin Zandwijk in bewährter Manier in gleich zwei smart miteinander verflochtenen Anfangstableaus: einer überschäumenden Kneipenszene mit ausgelassenem Tanz, Alkohol und Mandolinensalven und einem umso nüchterneren Justiztermin mit einer verratenen, verkauften, verlassenen und am Ende ins sibirische Arbeitslager verbannten Angeklagten.

Die vom gefallenen Mädchen zur Prostituierten avancierte Jekaterina Maslowa, von der glänzend aufgelegten Fania Sorel abwechselnd ohnmächtig und geduckt, verführungsmächtig und stolz angelegt, muss sich wegen Giftmordes vor Gericht verantworten und wird schuldig gesprochen. Das dauert naturgemäß ihren einstigen Ausbeuter Nechljudow, der sich für ihren deprimierenden Lebensweg verantwortlich wähnt – und dessen Häutungen vom gefühlskalten Dandy über den notorischen Zweifler zum empfindsamen Konvertiten Manolo Bertling mit beredter Gestik, kraftvoller Stimme und ein ums andere Mal mit subtiler Komik verkörpert.

Thomas Rupert hat einen enormen Raum geschaffen, einen gediegenen Salon, dessen Höhe überlebensgroße Portale unterstreichen, die so sehr ins Surreale und Numinose streben wie die Inszenierung mit zunehmender Dauer. Gottes Haus hat viele Türen, und so wundersam vielfältig die Bekehrungswege des Menschen sein mögen, so wunderbar sind die Bewegungsarten, die Alize Zandwijk dem ausnahmslos agilen und höchst motivierten Ensemble in dieser wunderlichen Mär einer Umkehr aufgibt: elegante Zeitlupen und Rückwärtsläufe, filigrane Synchronisationsarbeiten für Lippen und Augen, Hände und Füße, polyphone Prozessionen, wispernde Geister- und Gottesbeschwörungen mit Klosterfilm-Furor und Schauder-Faktor.

Jeder der sechs Nebendarsteller – Annemaaike Bakker, Alexander Swoboda, Bastian Hagen, Ferdinand Lehmann, Deniz Orta und Mirjam Rast – kann sich unter dem dezent unterverkauften Leitwort „diverse Rollen“ gleich in mehreren szenischen Miniaturen profilieren; komischen wie tragischen, schrillen wie grüblerischen. Dass an diesem affektgeladenen, thematisch reichen Premierenabend zudem Weltfrauentag und glückendes Werder-Heimspiel ineinsfallen, mag man daran merken, dass das flüssige, ja passagenweise virtuose Spiel mit entwaffnenden Emanzipationsweisheiten grundiert ist, die im Zeichen christlicher Nächstenliebe stehen.

Nicht zu unterschätzen für die Güte dieser Inszenierung ist – nicht zum ersten Mal im Bremer Schaffen der niederländischen Theatermagierin Alize Zandwijk – die Rolle der Musik als Agens der Handlung: Liedermacher Beppe Costa, der auch ihre früheren Goetheplatz-Großproduktionen „Der gute Mensch von Sezuan“ (Brecht), „Die Ratten“ (Hauptmann) und „Der Schimmelreiter“ (Storm) mit eingängigen Klangteppichen unterlegte, wächst in dieser Produktion erneut über sich hinaus.

Großartiger Soundtrack

Nicht so sehr, weil es dem Italiener gelingt, eine hünenhohe Tür zu öffnen; vielmehr deshalb, weil er russische Folklore, liturgische und mystische Elemente zu einem stimmigen, dynamischen, kurz: großartigen Soundtrack verbindet. Kongeniale Ergänzung erfährt er durch den anrührenden Gesang und die verblüffende Geräuschkunst von Nihan Devecioglu, deren wandlungsfähige Stimme sich berührend Bahn aus Gefangenenchören und anderen Verdammten-Kollektiven bricht.

Das Publikum bedankt sich für die poetische, bildmächtige und gravitätische Inszenierung mit starkem Applaus und Jubel, der zuallererst den beiden Hauptdarstellern gilt.

Weitere Informationen

Weitere Aufführungen: 14. und 29. März, 24. April sowie 11. und 28. Mai, jeweils um 19.30 Uhr.

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