Neuer Krimi mit Bremen-Kommissar

Auf Hölzles Spuren

Die Krimi-Autorinnen Liliane Skalecki und Biggi Rist muten ihrem Bremer Ermittler in ihrem neuen Roman „Rabenfraß“ viel zu. Der WESER-KURIER hat sich im Harz auf Spurensuche begeben und einige Tatorte besucht.
10.02.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Auf Hölzles Spuren
Von Kristin Hermann
Auf Hölzles Spuren

Vom Dach des Zwingers kann man über ganz Goslar blicken.

Cora Sundmacher

Alles ist ganz furchtbar schief gelaufen. Eigentlich sollte Heiner Hölzle in seinen Flitterwochen an australischen Traumstränden spazieren gehen und durch bunte Fischschwärme schnorcheln. Stattdessen fährt er in den Harz. Dazu noch im November und frisch getrennt von seiner Verlobten Christiane. Hinzu kommt, dass den Kommissar ein Fall emotional sehr aufgewühlt hat und er sich Vorwürfe macht.

Die Krimi-Autorinnen Liliane Skalecki und Biggi Rist muten ihrem Bremer Ermittler in ihrem neuen Roman „Rabenfraß“ viel zu. Der WESER-KURIER hat sich im Harz auf Spurensuche begeben und einige Tatorte besucht, die Heiner Hölzle und die Leser in seinem neuen Fall erwarten.

Draußen ist es diesig und nasskalt. Man hat das Gefühl, dass über dem gesamten Harz ein grauer Schleier hängt. Wenn kein Schnee für die Skifahrer liegt und das Wetter schlecht ist, wirken die kleinen Orte verlassen und die Natur einsam. Doch das ist genau das, was Heiner Hölzle will, um runterzukommen, sagen Skalecki und Rist.

Abgeschieden und möglichst schnell zu erreichen von Bremen aus sollte das Ziel sein, in dem der Kommissar zur Ruhe kommen will. Im Buch steigt Hölzle in einem kleinen Gasthaus in einem Ort namens Maarode ab. In einer Umgebung, wo Orte tatsächlich Elend oder Sorge heißen, eigentlich denkbar, aber Maarode ist der einzige Schauplatz, der erfunden ist. „Wir wollten echten Dorfbewohnern nicht auf den Schlipps treten, indem wir ihnen eigenwillige Charakterzüge geben“, sagen Rist und Skalecki. Um für ihren vierten Krimi zu recherchieren, sind die beiden selbst einige Tage im Harz unterwegs gewesen.

Graue Schleier liegen bei diesem Wetter über dem Harz und lassen ihn so zur perfekten Kulisse für einen Krimi werden.

Graue Schleier liegen bei diesem Wetter über dem Harz und lassen ihn so zur perfekten Kulisse für einen Krimi werden.

Foto: Cora Sundmacher

Eigenwillig ist das treffende Wort für die Dorfbewohner von Maarode. Nachdem sie Hölzle warmherzig empfangen, entpuppen sich einige von ihnen nach und nach als äußert merkwürdig. Und dann wird ausgerechnet an Hölzles erstem Urlaubstag eine junge Frau aus Maarode enthauptet aufgefunden. Alle Indizien deuten darauf hin, dass der Ehemann der Mörder ist. Doch der Kriminalhauptkommissar hat Zweifel. Er beginnt selbst zu ermitteln und stößt dabei auf eine ganze Mordserie. Seit 20 Jahren treibt ein Mörder unbemerkt sein Unwesen und tötet seine Opfer nach mittelalterlichen Methoden.

Auf den Bezug zum Mittelalter kommt Hölzle nicht von Anfang an. Erst während seiner Ausflüge stößt er nach und nach auf Hinweise, die eine Verbindung schaffen. Im Roman ist Maarode in der Nähe von Blankenburg angesiedelt. Dort gibt das Opfer Fitnesskurse und auch Hölzle besucht diesen Ort. Das Große und das Kleine Schloss, ein Barockgarten – viele hübsche Gebäude und Plätze in der kleinen Stadt in Sachsen-Anhalt erinnern den Kommissar an das Mittelalter. Doch wer einige Gassen abseits der Touristenpfade nimmt, entdeckt alte Häuser mit einfach verglasten Fenstern und bröckelndem Putz. Es kommt einem fast so vor, als stehe dort die Zeit still. Kaum ein Mensch ist auf der Straße – man kann sich vorstellen, dass hier ein Kriminalroman spielen könnte. Mehrere solcher Hinweise bekommt der Bremer Ermittler auch bei seinem Besuch in Goslar. Wer über den Marktplatz spaziert, fühlt sich quasi ins Mittelalter zurückversetzt: Das gotische Rathaus mit seinen Arkaden, das mehr als 600 Jahre alte Gildehaus oder das Kämmereigebäude lassen Hölzle immer wieder an längst vergangene Zeiten denken. Viele der alten Fachwerkhäuser sind mit Holzschindeln verkleidet. Im Buch erinnert Hölzle das an ein weiteres Mordopfer, das von Beruf Dachdecker war.

Früher Abwehrturm, heute Museum: Im Zwinger in Goslar sind Folterinstrumente ausgestellt.

Früher Abwehrturm, heute Museum: Im Zwinger in Goslar sind Folterinstrumente ausgestellt.

Foto: Cora Sundmacher

Ganz in der Nähe der Innenstadt ragt der Zwinger in die Höhe. Der ehemalige Batterieturm ist seit Jahren in Privatbesitz und beherbergt heute ein Mittelalter-Museum. Dort finden Besucher außer Rüstungen allerlei Waffen und Folterinstrumente. Die meisten davon darf man im Zwinger anfassen und – wenn man denn möchte – sogar ausprobieren. Bei dem Blick auf Daumenschrauben, Schandmasken, Hieb- und Stichwaffen wird einem ganz anders zumute. Hölzle erinnern die Gegenstände an das Tagebuch eines Scharfrichters, das er während seiner Reise liest. Als Vorlage dafür haben die Autorinnen das Tagebuch des Nürnberger Henkers Franz Schmidt gelesen und einige Abschnitte für ihre Kapitel übernommen oder modifiziert. Im Zwinger, so Rist und Skalecki, bekommt Hölzle eine Idee davon, um welche Art von Verbrechen es sich handeln könnte.

Dass ihr Museum neuerdings in einem Krimi-Roman auftaucht, weiß Eigentümerin Birgit Mevers gar nicht. Wirklich verwundern, tut es sie aber nicht. „Wir bekommen immer wieder Besuch von Mittelalterfans oder Historikern, die sich bei uns inspirieren lassen“, sagt sie. So sehr sie die Arbeit im Museum schätzt, sie weiß auch, welche Wirkung die Exponate auf Besucher haben können. Als sie vor Jahren zusammen mit ihrem Mann die Ausstellungsstücke wegen einer Renovierung umräumen musste, habe sie in dieser Nacht nicht gut schlafen können. „Man möchte sich nicht vorstellen, was die Folterinstrumente erzählen würden, wenn sie sprechen könnten“, sagt Mevers.

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Immer wieder erlebt der Leser in einzelnen Kapiteln praktisch hautnah mit, wie der Serienmörder seine Opfer umbringt. Dafür wählt er meistens abgeschiedene Plätze. Davon hat der Harz ausreichend. Die Morde sind immer verschieden, doch eines ist immer gleich: Der Buß- und Bettag, an dem der Täter alle Jahre wieder zuschlägt. Neben Clausthal-Zellerfeld, Quedlinburg oder Wernigerode dient auch der Silberteich in der Nähe von Braunlage als Kulisse für „Rabenfraß“. Hier wird eine junge Frau brutal ertränkt. Es ist einer der wenigen Orte, wo aktuell im Harz Schnee liegt. Der See, nur zu Fuß über einen schmalen Pfad zu erreichen, könnte unter den schneebedeckten Tannen nicht stiller und abgeschiedener daliegen.

So drückend die Stimmung in einigen Orten auch wirkt, der Krimi sei eine Hommage an den Harz mit all seinen Stimmungen und Mythen, sagen die Autorinnen. Auf die Idee für Hölzles Ausflug in die Foltermethoden des Mittelalters sind Skalecki und Rist während der Criminale in Nürnberg gekommen, ein Treffen für Krimi-Autoren. Dort haben sie eine Ausstellung über Hinrichtungen im Mittelalter angeschaut. Um ihre Ideen umzusetzen, haben Rist und Skalecki etwa neun Monate benötigt. Nachdem die grobe Geschichte stand, teilten sie die Kapitel untereinander auf und setzten anschließend den Rotstift beim anderen an.

Hieb- und Stichwaffen im Museum geben Hölzle Hinweise auf den Mörder.

Hieb- und Stichwaffen im Museum geben Hölzle Hinweise auf den Mörder.

Foto: Cora Sundmacher

Eine Methode, die sich scheinbar bewährt. Nach dem Harz geht es für Hölzle wieder nach Bremen zurück. Mindestens noch einen Teil soll es geben, so viel ist sicher. Der soll zu Weihnachten 2017 erscheinen. Nebenbei schreiben die Frauen gerade auch an einem ganz neuen Krimi, in dem nicht Hölzle, sondern zwei Frauen ermitteln.

Die Premierenlesung aus „Rabenfraß“ findet an diesem Donnerstag, 11. Februar, um 19 Uhr in der Buchhandlung Leuwer, am Wall 171, 28195 Bremen, statt.

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