Filme aus Bremen bei der Berlinale "Aufbruch in die Utopie" in Berlin

Nur zwei Produktionen der in Bremen und Niedersachsen tätigen Filmförderanstalt Nordmedia haben es ins Programm der Berliner Filmfestspiele geschafft.
11.02.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Seidel

Nur zwei Produktionen der in Bremen und Niedersachsen tätigen Filmförderanstalt Nordmedia haben es ins Programm der Berliner Filmfestspiele geschafft. Weitere Werke, die mit Beteiligung der Nordmedia, des Filmbüros oder Bremer Filmemacher und Schauspieler entstanden sind, sind in den vielen Sektionen des Festivals zu sehen. Auch ein Dokumentarfilm über eine Ausstellung in der Kulturkirche St. Stephani ist darunter.

Während sich bei der Berlinale in diesem Jahr Stars wie Nicole Kidman und Juliette Binoche die Klinke in die Hand geben, mussten die Scorpions mit einem roten Teppich außerhalb des Festivals Vorlieb nehmen. Der Dokumentarfilm „Forever and a day“, der die 50-jährige Geschichte der Hannoveraner Rockband auf die Kinoleinwand bringt, hatte von der Berlinale keine Einladung erhalten. Die Weltpremiere fand daher parallel in der Kulturbrauerei statt. Trotzdem wurden die Musiker wie Filmstars gefeiert: beim Berlinale-Empfang der Filmförderanstalt Nordmedia in der Niedersächsischen Landesvertretung. Die Scorpions seien „niedersächsische Kronjuwelen“, sagte Ministerpräsident Stephan Weil (SPD).

Warum im Programm der Berlinale in diesem Jahr nur zwei Produktionen Premiere feiern, die von der Nordmedia gefördert und somit von den Steuern und Rundfunkgebühren der Bremer und Niedersachsen mitfinanziert wurden, darüber kann lediglich spekuliert werden. Reiner Zufall sei das, argumentieren die einen. Es hänge eben davon ab, wann die Filme fertiggestellt würden und ob sie den Festivalmachern gefielen. Zufall sei das keineswegs, behaupten die anderen. Denn bei der Vergabe der Fördermittel hätten die Fernsehsender zu viel Einfluss. Und diese würden ihre Serien und Fernsehfilme bevorzugen – und die seien für die Berlinale oft zu mutlos.

Tatsächlich ist der Premierenfilm „Wanja“, der in der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ läuft, ohne Mithilfe eines Fernsehsenders enstanden. Er zeichnet das feinfühlige Porträt einer jungen Frau, die zur Bewährung aus dem Gefängnis entlassen in Sulingen (Landkreis Diepholz) wieder Fuß zu fassen versucht. In ihrer lieblosen Wohnung hält sich Wanja als Haustiere ein paar Wildenten in der Wanne. Ein Praktikum auf einem Pferdehof soll die einstige Bankräuberin und Drogenabhängige in den Arbeitsmarkt bringen. Doch beim Ausmisten der Ställe trifft sie vor allem auf halbstarke Jugendliche. Wanja freundet sich mit einem Mädchen an, das sich in Drogen verliert, wird zur Ersatzmutter, aber bringt sich damit selbst in Gefahr. Der Film der jungen Berliner Regisseurin Carolina Hellsgard lebt von der beeindruckenden Präsenz seiner Hauptdarstellerin Anne Ratte-Polle, den leisen Zwischentönen im Miteinander der Figuren und dem morbiden Charme der Einöde Sulingens. Auf der Berlinale heißt es nun für die Produzenten einen Verleiher zu finden, der „Wanja“ ins Kino bringt.

Eine Herausforderung, vor der auch der zweite von der Nordmedia geförderte Premierenfilm steht: „Nena“ in der Jugend-Sektion „Generation 14plus“. Auch hier steht eine junge Frau im Zentrum. Während Nena ihre erste Sommerliebe erlebt, konfrontiert ihr querschnittsgelähmter Vater (Uwe Ochsenknecht) sie mit seinem Todeswunsch. Gedreht wurde überwiegend in Ostfriesland, wo die niederländische Regisseurin Saskia Diesing acht Jahre ihrer Kindheit verbrachte. Weitere vier Filme mit Nordmedia-Beteiligung laufen in der Nebensektion „Lola at Berlinale“: Produktionen, die schon woanders zu sehen waren und nun für den Deutschen Filmpreis, die Lola, nominiert sind. Von derlei Auszeichnungen sind die Arbeiten im European Film Market noch weit entfernt. Bei jener Börse nur für das Fachpublikum treffen Produzenten auf Kinoverleiher und Fernseheinkäufer. Neun weitere Nordmedia-Filme sind hier zu finden. Einer davon ist der Kurzfilm „Warum hast Du kein Taxi genommen“ der Bremer Produzenten Mike Beilfuß und Matthias Greving. Bremer Bezüge gibt es aber auch anderswo auf der Berlinale: In der „Perspektive Deutsches Kino“ ist der Schauspieler Radik Golovkov aus der Hansestadt in dem Spielfilm „Ein idealer Ort“ zu sehen. Und als ein Vorfilm in der Sektion „Kulinarisches Kino“ läuft der kurze Berliner Animationsfilm „Automatic Fitness“, der unter anderem vom Bremer Filmbüro gefördert wurde. Der gebürtige Bremer Peter Roloff promotet ebenfalls im European Film Market seinen anderthalbstündigen Dokumentarfilm „Aufbruch in die Utopie“, bei dem er selbst Regie führte. Ein Herzensprojekt, das Roloff zwölf Jahre lang beschäftigt hat. Es ist die filmische Adaption jener gleichnamigen Ausstellung, die in der Kulturkirche St. Stephani zu sehen war.

Roloff geht sowohl hinter als auch vor der Kamera auf Spurensuche nach einem abseitigen Kapitel deutscher Geschichte: Im Jahre 1834 bestiegen rund 500 Menschen in Bremen zwei Schiffe, um in den USA einen eigenen deutschen Staat zu gründen. Peter Roloff trifft bei seinen Recherchen auf Archivare, Nachfahren der Auswanderer und Menschen, die sich noch heute von der Bewegung begeistert zeigen. Ein lohnenswerter Dokumentarfilm ohne enges künstlerisches Korsett, der sein Publikum finden dürfte.

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