Ausstellung im Wilhelm-Wagenfeld-Haus

Schnelllebige Ehrlichkeit

Sie sind mal politisch, mal informativ, mal rätselhaft, mal eindeutig: Plakate. 100 besonders gelungene Exemplare zeigt das Wilhelm-Wagenfeld-Haus nun in der Ausstellung „100 beste Plakate“.
14.05.2020, 05:00
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Schnelllebige Ehrlichkeit
Von Alexandra Knief
Schnelllebige Ehrlichkeit

„Jeder ist seines Glückes Schmied“
von Janni Froese und Hannah Englisch.

100 Beste Plakate e.V./ Janni Froese, Hannah Englisch

Ein riesenhafter roter Mensch schaut traurig und etwas zweifelnd auf einen winzig kleinen Hammer in seiner Hand. Über ihm die Worte „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Ist das wirklich so? Das haben sich die beiden Kommunikationsdesign-Studentinnen Janni Froese und Hannah Englisch der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle gefragt, als sie dieses Siebdruck-Plakat zum Thema Chancengleichheit entwarfen. Es ist eines von insgesamt 100 prämierten Plakaten, die aktuell im Rahmen der Wanderausstellung „100 beste Plakate“ im Bremer Wilhelm-Wagenfeld-Haus zu sehen sind. Zuvor hat die Ausstellung bereits in Berlin, Wien, Zürich und Seoul Station gemacht.

1966 wurden in der DDR erstmals herausragende Plakate geehrt. Seit 1980 trägt der Wettbewerb den Titel „100 beste Plakate“. Der Verband der Grafik-Designer setzte sich dafür ein, dass er auch nach der Wende weitergeführt wurde – und nicht nur das: Er wurde sogar ausgeweitet. Seit 2002 werden Plakate aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in den Contest einbezogen. Mehr als 2350 im Jahr 2018 entstandene Plakate wurden im nun ausgestellten Wettbewerbsjahrgang eingereicht. Berücksichtigt wurden Arbeiten sowohl von Studierenden als auch von professionellen Gestaltern.

Die 100 Sieger der Ausschreibung bestechen durch knallige Farben, extravagante Grafiken, ernste Botschaften, auffällige Schriften oder spielen mit unseren Sehgewohnheiten. Mal sind sie auf den ersten Blick rätselhaft, mal ist ihre Aussage direkt klar. So unterschiedlich sie aber auch sein mögen, eines haben sie alle gemeinsam: Ihr Ziel ist es, unsere Aufmerksamkeit zu erregen. Sie wollen uns auf etwas hinweisen. Ein Event, ein Produkt, einen Ort oder eine (politische) Botschaft. „Plakate und die Auseinandersetzung mit ihren sind meiner Meinung nach ein unterschätztes Thema", sagt Julia Bulk, Direktorin des Wilhelm-Wagenfeld-Haus. Plakate seien – anders als Gemälde – schnelllebige Medien, die in der Regel für den Moment und nicht für die Ewigkeit gemacht werden. "Vielleicht sind sie gerade deshalb noch ehrlicher und sagen viel über unsere aktuelle Gesellschaft aus."

Mal politisch, mal innovativ

Im Wagenfeld-Haus hat man sich dafür entschieden, die Plakate thematisch und formal zu gliedern. So beschäftigt sich ein Raum mit dem Thema Körper, ein anderer stellt all die Arbeiten ins Zentrum, bei denen die Bildsprache im Mittelpunkt steht. Der erste Ausstellungsraum versammelt Werke, die politisch motiviert sind. Die Künstlerin Laura Markert spielt zum Beispiel in ihrer im Rahmen eines Greenpeace-Wettbewerbs entstandenen Arbeit „ALDI – #wenigerisstmehr“ mit dem Wiedererkennungswert von Firmen- und Markenlogos. Sie nimmt das Logo des Discounters, streicht allerdings das zentrale Element, sodass nur noch ein hellblaue, quadratische Rahmung auf dunkelblauem Grund mit rot-orange-gelber Umrandung bleibt. Das leere Quadrat wird zur Anklage: „Der Lebensraum für eines unserer Schweine“ steht darunter und weißt so auf die schlimmen Bedingungen von Tieren aus Massentierhaltung hin, deren Fleisch beim Discounter günstig verkauft wird.

Ein weiterer Themenraum stellt Werke in den Mittelpunkt, die die Grenzen zwischen analogem und digitalem Plakat verschwimmen lassen. Mithilfe der App „Artivive“ beginnen die gezeigten Plakate sich zu bewegen. Da tanzen die Buchstaben auf einem Poster, das auf ein Konzert der Jazzband This is Pan hinweisen soll, plötzlich im Rhythmus von Bass und Trompete; an anderer Stelle werden die Stills auf einer Ankündigung eines Kurzfilmfestivals wieder zu bewegten Szenen.

Gleich drei Ausstellungsräume widmen sich unterschiedlichen Facetten des Themas Schrift. „Der Trend geht in den vergangenen Jahren eindeutig zum Buchstaben“, sagt Bulk. Dafür hat sie zwei Erklärungen: Zum einen gebe es mittlerweile neue Techniken zur Schriftentwicklung und Bearbeitung, „zum anderen sehe ich das als eine Gegenbewegung zu unserer visuell geprägten Kultur“. Auf vielen der ausgestellten Plakate wird die Schrift zum zentralen Element und selbst zum Bildträger, nicht immer ist sie auf den ersten Blick lesbar.

So zum Beispiel in einem Plakat von Stefan Hürlemann für das vierte Arab Film Festival Zürich. Auf den ersten Blick scheinen sich in weiß gehaltene, arabische Schriftzeichen über das dunkelblaue Plakat zu ranken. Erst bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass es sich um lateinische Schrift handelt. Stark verschnörkelt und vertikal ausgerichtet.

Damit die Besucher die Plakate im Wilhelm-Wagenfeld-Haus auch sicher genießen können, führt sie ein Leitsystem durch die Ausstellung. Außerdem informieren Hinweisschilder an den Wänden über die maximale Personenanzahl in jedem Raum.

Weitere Informationen

„100 beste Plakate 18. Deutschland, Österreich, Schweiz“ ist bis zum 27. September im Wilhelm-Wagenfeld-Haus, Am Wall 209, zu sehen. Dienstags, 15 bis 21 Uhr, mittwochs bis sonntags 10 bis 18 Uhr.

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