Die Ausstellung „Sichten“ Kunst am Straßenrand

Museum? Geht gerade nicht. Darum bringt Initiator Pio Rahner nun etwas Fotokunst in den öffentlichen Raum. Die Ausstellung „Sichten“ ist ab dem 5. Mai in Schaukästen entlang der Bahn- und Buslinien zu sehen.
04.05.2020, 11:53
Lesedauer: 3 Min
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Kunst am Straßenrand
Von Alexandra Knief

Bremen. Der Blick durch das eigene Fenster ist etwas, was der eine oder andere gerade sicher gerne gegen eine abwechslungsreichere Aussicht eintauschen würde. Dass dieser Blick aber durchaus spannend sein kann, wenn er von jemand anderem festgehalten wurde, zeigt nun eine Ausstellung, die sich Bremer und Bremerinnen ab Dienstag anschauen können – ganz ohne Museum und garantiert unter Einhaltung aller Distanzgebote.

„Sichten“ heißt die Ausstellung, die in rund 250 der insgesamt knapp 400 beleuchteten Schaukästen entlang des Bremer Bus- und Straßenbahnnetzes zu sehen sein wird. Organisiert hat sie Pio Rahner, Bildender Künstler aus Bremen. Rahner betreibt seit 2015 den Ausstellungsraum Erlkönig. Immer wieder versucht er in diesem Zusammenhang Ausstellungen zu konzipieren, die sich von anderen unterscheiden. Die Idee zu „Sichten“ kam ihm erst mit Beginn des Shutdowns vor einigen Wochen bei einem Gang durch die Stadt. „Veranstaltungen, Reisen – alles hängt voll mit Werbung, die nicht mehr gilt“, sagt Rahner. Also hat er sich gefragt: Warum den öffentlichen Raum und die vorhandenen Werbeflächen nicht selbst für eine Veranstaltung nutzen?

Die zehn Fotografien im Posterformat stammen von Künstlern aus Bremen, dem Ruhrgebiet, dem Rheinland. Eine Fotografie wurde in Australien aufgenommen. Die Hälfte der Werke ist extra für das Projekt entstanden, der Rest stammt aus den Archiven der beteiligten Künstler. Sie alle haben sich auf ganz unterschiedliche Weise mit einem Thema beschäftigt, das schon in der Romantik ein beliebtes Motiv in der Kunst war und heute hinsichtlich der Distanz, die es zu bewahren gilt, aktueller den je ist: dem Blick aus dem Fenster. „Und jeder Fotograf hat sich dabei aber noch viel tiefer mit ganz anderen Themen auseinandergesetzt“, so Rahner weiter.

Die titellose Arbeit aus der Serie „Raum 125“ von Anja Engelke zum Beispiel suggeriert durch einen Spalt zwischen zwei gelben Vorhängen den Blick nach draußen. Schaut man allerdings genauer hin, sieht man, dass es im vermeintlichen Draußen nichts weiter zu sehen gibt als eine Raufasertapete. Jana Kölmel spielt mit ihrer Fotografie „Frau am Fenster“ auf das gleichnamige Gemälde von Caspar David Friedrich aus dem Jahr 1822 an, spielt mit der Spannung zwischen Vertrautheit und Ungewissheit.

In Christopher Mullers Bild „Nachts“ fungiert das Fenster nicht als Schwelle zwischen dem Privaten und dem öffentlichen Raum. Blickt man durch die Scheiben hindurch, sieht man nichts als Dunkelheit, fast so, als ende aktuell mit den eigenen vier Wänden die Welt. Mit „Patenschaften und Gooz“ hat Ausstellungsmacher Rahner auch eine eigene Arbeit zum Projekt beigesteuert. Es ist zudem das einzige Bild in der Zusammenstellung, das eindeutig den Blick aus einem Bremer Fenster zeigt. Davor zu sehen: zwei Platanen, die unter normalen Umständen als dekoratives Element dienen würden, hier aber im Rahmen der Debatte um ihre Abholzung am Deich zu einem hochpolitischen Element werden – ausgestellt in einer wiederum hochpolitischen Zeit. Rahner will mit seiner Arbeit auf die Wichtigkeit von Demokratie aufmerksam machen.

Weitere Arbeiten stammen von Björn Behrens, Axel Braun, Javier Gastelum, Anne-Lena Michel, Stefanie Pluta und Hannah Wolf. Welche Bilder ab Dienstag wo zu sehen sein werden, kann Rahner zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht sagen. „Ich bin aber zuversichtlich, dass man bei einem Spaziergang durch die Stadt alle Bilder erfassen kann“, sagt er. Das Schönste: Auch die Uhrzeit sei egal, durch die Beleuchtung der Kästen, könne man auch nachts auf Entdeckungsreise gehen. Nachts im Museum quasi, ganz ohne Museum.

Unterstützt wird das Projekt von der Wall GmbH, die für die Schaukästen zuständig ist, sowie vom Senator für Kultur und der Karin-und-Uwe-Hollweg-Stiftung. Zu sehen sein werden die großen Fotografien bis zum 25. Mai. Ob dies der Auftakt einer ganz neuen Ausstellungsreihe sein könnte? Pläne in diese Richtung gebe es zwar bisher nicht, „wenn es auch langfristig genügend Unterstützer gibt, kann dies aber sehr gerne der Auftakt einer Reihe sein“, sagt Rahner. „Es wäre auf jeden Fall ein adäquates Format für die Situation, die wir alle gerade aushalten müssen.“

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