Kunstsammlungen Böttcherstraße Ausstellung über die Kunst des Reisens

Bremen. Die Kunstsammlungen Böttcherstraße widmet eine Ausstellung ganz den Reisebildern der über die Bremer Stadtgrenzen hinaus bekannten Familie Haase. Dabei verschränken sich Reise-Kunst und Kunst des Reisens.
08.07.2011, 16:48
Lesedauer: 3 Min
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Ausstellung über die Kunst des Reisens
Von Sara Sundermann

Bremen. Mit endlosen Dia-Abenden konnte so mancher Urlaubsheimkehrer schon früher ungeliebte Familienfreunde in die Flucht schlagen. Wenn sich allerdings gleich eine ganze Künstlerfamilie auf Reisen begibt, trägt sie besondere Eindrücke von ihren Welterkundungen heim: Das Paula Modersohn-Becker Museum widmet eine Ausstellung ganz den Reisebildern der über die Bremer Stadtgrenzen hinaus bekannten Familie Haase.

Fritz und Sibylle Haase kennt man in Bremen als Designer-Ehepaar – und als Gestalter zahlreicher Briefmarken. Die Briefmarke, die als künstlerisches Miniatur-Medium ohnehin dazu bestimmt ist zu reisen, befördert auf Urlaubspostkarten das Fernweh der Daheimgebliebenen. Fernweh weckt auch die Ausstellung der Haases, die unter dem Titel „Wohin die Reise geht“ Urlaubsrückkehrer und Postkarten-Erwartende dazu einlädt, die Blicke wandern zu lassen. Zum Beispiel zu diesem kleinen Platz vor dem italienischen Café, wo sich die jungen Männer mit ihren Motorrollern treffen. Zu dem in der Sonne trocknende Badeanzug. Zu den Schattenspielen auf dem Gesicht des unbekannten Mädchens hinter der tropischen Bambuswand.

Manche ihrer Reisen haben die Haases gemeinsam unternommen. Dennoch unterscheiden sich ihre Eindrücke auf erstaunliche Weise voneinander – in dem, was den jeweiligen Menschen am Auslöser oder mit dem Pinsel interessiert hat, wie er arbeitet, was er festhält. Die Ausstellung des Paula-Modersohn-Becker-Hauses lebt von diesen Kontrasten: Neben den Fotografien von Fritz Haase und den Aquarellen und Zeichnungen von Sibylle Haase sind auch die Bilder ihrer beiden Töchter zu sehen.

Spuren der Bewegung

Die eine – Judith Haase – lebt als Architektin in Berlin, entwirft aber auch Gebäude in New York. Sie stellt als Fotografin die Architektur ins Zentrum und den Mensch lediglich dazu. Sie liebt die klaren Linien und den Lichteinfall. Die andere – Esther Haase – arbeitet zwischen Hamburg und London und fotografiert für die Titelseiten internationaler Modemagazine. In temperamentvoll inszenierten Fotografien hält sie Spuren der Bewegung fest und schafft Bilder voller Spannungsbögen und Geschichten.

Am stärksten von den vier Künstlern bringt Esther Haase internationales Flair, lebhafte Theatralik und einen Hauch Glamour in die Bremisch verwurzelte Reisekunst ihrer Familie. Als künstlerische Zugabe fotografierte sie in den alt ausstaffierten Räumen des angrenzenden Roselius-Hauses, drapierte schmale und üppige Modelle nackt vor schweren Wandteppichen. Ein Extra, das Frank Laukötter als Direktor der Kunstsammlungen Böttcherstraße stolz präsentiert. Dazu brachte die Modefotografin, die ähnlich wie eine Filmregisseurin arbeitet, jede Menge Requisitien mit: Ihr Zubehör für die Szenen füllte einen ganzen Raum im Roselius-Haus. „Wenn Esther Haase kommt, dann bringt sie ihr Theater im Auto mit“, sagt Laukötter.

Die Fotografin, die von sich sagt, sie habe diesen Beruf gewählt, weil sie schon als Baby auf dem Vergrößerungstisch gewickelt worden sei, arbeitet heute anders als ihr Vater. Er war nicht nur daheim, sondern auch im Studium an der Bremer Hochschule für Künste als Professor ihr Lehrer. Fritz Haase harrte noch mit der Hand am Drücker aus, bis das Segelboot unter dem Gipfel des spitz zulaufenden Vesuvs angekommen war, ehe er abdrückte: Warten auf den perfekten Moment. Bis heute verzichtet er prinzipiell auf Nachbearbeitung.

Intime Momente

Die Tochter hingegen retuschiert hemmungslos ein Spiegelbild Venedigs in den abfahrenden Zug–Waggon hinein. Sie nimmt die Welt als Bühne und inszeniert gezielt den Augenblick, den sie braucht. Dabei entstehen keine glatten Modewelten, sondern aufregende Augenblicke, die Fragen beim Betrachter aufwerfen. Denn trotz aller Inszenierung hat man immer wieder das Gefühl, einen intimen Moment der Modelle mitzuerleben und würde nur zu gern das Vorangegangene erraten.

Reisen verbinden wie kaum eine andere Form gemeinsam verbrachter Zeit: Das Licht, der Berg, das Lieblingscafé und die Unsicherheit an der Weggabelung. Das gemeinsam überlebte Ärgernis, das sich spätestens im Nachklapp in ein Abenteuer verwandelt. Von Abenteuern erzählen auch die Bilder von Esther Haase.

So manches schelmische Aquarell der Mutter oder formal perfekte Foto des Vaters erinnert im Vergleich dazu doch eher an die Familienerinnerungen, die jeder kennt. Dieses Zusammenspiel von Professionellem und Privatem gehört allerdings gerade zum Charme der Ausstellung. Der Vergleich zwischen den Generationen und mit den eigenen Reisebildern macht dem Besucher den Zugang leicht.

Die Ausstellung wird morgen um 11.30 Uhr eröffnet und ist bis zum 2. Oktober im Paula Modersohn-Becker Museum zu sehen.

Die Ausstellung wird am Sonntag um 11:30 Uhr eröffnet und ist bis zum 2. Oktober im Paula-Modersohn-Becker-Museum zu sehen.

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