Kunstschau Lilienthal Ausstellung über Flucht und Vertreibung

Die Kunstschau Lilienthal zeigt in ihrer neuen Schau Bilder aus drei Jahrhunderten, die sich mit Flucht und Vertreibung beschäftigen. Gemälde, Fotos und eine aktuelle Installation sind zu besichtigen.
14.03.2017, 17:10
Lesedauer: 3 Min
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Von Peter Groth

Lilienthal. Der Unterschied ist augenfällig: Maler des 19. und frühen 20. Jahrhundert zeigen das Thema Auswanderung eher idyllisch, sind von der Größe der Auswandererschiffe beeindruckt. Die künstlerische und fotografische Darstellung von Flucht und Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkrieges und in der Gegenwart stellt dagegen die Dramatik, die Not der Flüchtenden in den Mittelpunkt. „Wohin?“ nennt die Kunstschau Lilienthal ihre aktuelle Ausstellung, die einmal nicht regionale Künstler, sondern ein Thema ins Zentrum rückt.

Hans A. Cordes, Stifter und seit 2004 Betreiber des Ausstellungshauses, hätte gern, wie üblich, Bilder von Malern aus der Region zum Thema Migration präsentiert – die hat er trotz zweijähriger Recherche nicht finden können. Einzige Ausnahme ist ein 1894 gemaltes Bild des aus Lilienthal stammenden Christian Ludwig Bokelmann, der in Karlsruhe und Berlin an Kunsthochschulen lehrte. Im großformatigen Ölbild „Auswanderer“ hält er in naturalistischer Manier den Aufbruch einer Großfamilie mit Pferd und Wagen fest. Fündig wurde Cordes jedoch in den Depots des Deutschen Schifffahrtsmuseums Bremerhaven, im Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg und in den Bildarchiven der Deutschen Presse Agentur.

Die obere Etage der Kunstschau wird von der Darstellung der Auswanderung im 19. und frühen 20. Jahrhundert dominiert. Die wirtschaftliche Not, die vor allem Menschen aus Mitteleuropa zur Emigration nach Amerika trieb, wird von den Malern jedoch nicht thematisiert. Ulrich Hübner, Claus Bergen, der junge Däne Antonio Jacobsen und andere Maler zeigen vor allem die großen Schiffe, deren Abfahrt und Ankunft. Einzig Jakob Fischer rückt in seinem Auswanderer-Bildnis, das auf die 1920er Jahre datiert ist, Menschen verschiedener Generationen ins Zentrum, bringt deren Hoffnungen und Sorgen zum Ausdruck.

Die untere Etage der Ausstellung, die von einem reich illustrierten Katalog begleitet wird, ist der bildnerischen Darstellungen der Fluchtbewegungen am Ende des Zweiten Weltkriegs und in der Gegenwart vorbehalten. Medien sind hier insbesondere die Druckgrafik und die Fotografie. Für die vorwiegend an der Königsberger Akademie ausgebildeten Grafiker und Zeichner Lieselotte Plongger-Popp, Gertrud Lerbs, Gerhard Bondzin und Eduard Bischoff sind die unmittelbar nach dem Krieg entstandenen Zeichnungen, Holzschnitte und Lithografien offenkundig ein probates Mittel, die eigenen Fluchterlebnisse zu verarbeiten. Besonders eindrucksvoll ist hier die winzige, auf 1945 datierte Tinten-Zeichnung von Eduard Bischoff mit dem Titel „Ermüdet“ – sie zeigt in wenigen Strichen auf liniertem Papier einen Mann, der mit seinem Koffer am Tisch hockt und seinen Kopf erschöpft auf die Platte gelegt hat. Alle diese in den ersten Nachkriegsjahren entstandenen Grafiken und auch die erst vor einem Jahrzehnt gefertigten Holzschnitte Gerhard Bondzins sind einzigartige Zeugnisse des von diesen Künstlern erfahrenen Leids.

Die Deutsche Presse-Agentur stellte für diese Schau historische Schwarz-Weiß-Fotografien aus den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs und farbige Bilder zu den jüngsten Fluchtbewegungen aus dem Nahen Osten und Afrika zu Verfügung. Hier agieren Fotografen nicht als Betroffene, sondern als Beobachter, halten Situationen auf dem Mittelmeer und an den Grenzbollwerken des Balkans fest. Die Not der Auswanderer im 19. Jahrhundert und deren Hoffnungen auf ein besseres Leben in der Fremde waren vermutlich ähnlich groß wie die der heutigen Flüchtlinge. Verändert haben sich lediglich die Fluchtrouten und die künstlerisch-mediale Wahrnehmung.

Mitten in die Fotografien der Agenturfotografen hat Maryam Motallebzadeh, die Bremer Künstlerin mit iranischen Wurzeln, ihre Installation „inja va anja – Hier und Da“ platziert. Aus einem kleinen Ruderboot wachsen Papierbahnen mit persischen Schriftzeichen, die das freiwillige und unfreiwillige Reisen als ein ständiges Thema der Menschheitsgeschichte behandeln.

Kunstschau Lilienthal, Trupe 6; bis 24. September. Geöffnet: dienstags bis sonnabends 14-18 Uhr, sonntags 10-18 Uhr.
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