Eröffnung von "Poetry on the road" im Theater am Goetheplatz Autoren wie Popstars gefeiert

Bremen. Dreieinhalb Stunden haben Zuhörer am Freitagabend im Theater am Goetheplatz neun Autoren gelauscht, die zum Auftakt vom "Poetry on the road"-Festival Gedichte und Gedanken vorgetragen haben.
24.05.2014, 13:00
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Autoren wie Popstars gefeiert
Von Iris Hetscher

Dreieinhalb Stunden lauschten die Zuhörer am Freitagabend im Theater am Goetheplatz neun Autoren, die Gedichte und Gedanken vortrugen: Die offizielle Eröffnungsveranstaltung des 15. „Poetry on the road“-Festivals präsentierte Prominenz und eine atemberaubende Vielfalt.

Hat man das schon mal erlebt? Moderatorin Silke Behl bittet alle Autoren, sich von ihren Plätzen zu erheben – und das Publikum klatscht so frenetisch, als hätte erneut ein deutscher, womöglich sogar ein Bremer Autor den Nobelpreis für Literatur gewonnen. Das war zu Beginn der offiziellen Eröffnungsveranstaltung des Literaturfestivals und setzte geich den Maßstab für die folgenden dreieinhalb Stunden. Jeder der neun Autoren, die im Theater am Goetheplatz die Bühne erklommen, tat dies inmitten warmer Beifallswogen.

Auch das zeigt: Alles Unken über den Niedergang der Schreibkultur in Zeiten multimedialer Dauerberieselung ist Zeitverschwendung. Solange 850 Menschen ganz unterschiedlichen Alters sich versammeln, um die Wortkunst anderer Menschen anzuhören, muss einem nicht bange sein. Und es wollten sogar noch viel mehr kommen, wie Festivalleiterin Regina Dyck geradezu glückstrunken in ihrer Begrüßung sagte – nicht zu vergessen die ebenfalls ausverkaufte Lesung mit Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller am Mittwochabend (wir berichteten).

Sorgen machen muss man sich auch überhaupt nicht, was den Stand der derzeitigen Literaturproduktion angeht, das zeigte der Abend sehr eindrücklich. Die Organisatoren hatten ein Programm zusammengestellt, das Formenvielfalt ebenso spiegelte wie die unterschiedliche Verarbeitung essentieller Themen: Liebe, Trauer, die Bestimmung der eigenen Identität, Heimatlosigkeit.

Michael Augustin, der das Festival mitorganisiert, oblag es, als Erster etwaiges Eis zu brechen, was er mit „einer Handvoll Gedichte“ tat – eines hat er aus einem deutsch-russischen Wörterbuch zusammencollagiert, das während des Zweiten Weltkriegs an Wehrmachtssoldaten verteilt wurde. Höflichkeitsfloskeln prallen da auf Anweisungen wie „Stiefel putzen“.

Ben Okri, der in London lebt und nigerianische Wurzeln hat, entwirft mit klarer Sprache kräftige Bilder in seinen Werken, die von einer gewissen unterschwelligen Wut durchzogen sind. Ulla Hahn, eine der großen alten Damen der deutschen Lyrik und ehemalige Radio-Bremen-Redakteurin, trug ihre fein gebauten und von einem luftigen Humor durchzogenen Liebesgedichte in einer Art Sprechgesang vor.

Paul Maar ist den meisten Lesern vor allem durch sein unverwüstliches Kinderbuch über das „Sams“ bekannt – bei „Poetry on the road“ bekam das Publikum Gelegenheit, ihn als Meister hochhumoriger Petitessen im Stil Robert Gernhardts zu erleben. Schmunzeln konnte man ebenfalls bei Hans Magnus Enzensberger, der das Publikum mit einer Art bubenhafter Koketterie amüsierte – und mit seinen Gedanken über „ahnungslose Gesundheitsminister“ oder die hundert verschiedenen Arten von Gästen.

Der zweite Teil nach der Pause kam schwerblütiger daher. Die Niederländerin Connie Palmen las schmerzhaft klare Notizen aus ihrem „Logbuch eines unerträglichen Jahres“, in dem sie sich mit der Trauer nach dem Tod ihres Ehemanns auseinandersetzt – „Notizen gegen den Abschied des Vergessens“, so Palmen. Die artifiziellsten Zeilen des Abends kamen von dem in Berlin lebenden Chinesen Yang Lian: diffizile Konstruktionen, die man schwer zu durchdringen vermag. Die brachialsten Zeilen lieferte Franz Xaver Kroetz: derbe Verse über den Verfall, den das Alter mit sich bringt.

Den Schlusspunkt inmitten der Starriege durfte dann die wunderbar unbekümmerte Julia Engelmann setzen – eine schöne Enscheidung. Klar, dass sie ihren mehr als sechs Millionen Mal angeklickten Youtube-Hit „One Day/Reckoning“ zum Besten gab über all die verpassten Chancen und das Dopamin, das man ständig anspart. Am Freitagabend dürfte allerdings ganz viel von den Gückshormon ausgeschüttet worden sein.

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