Der Mix macht´s Barbara Lison zur kulturpolitischen Bedeutung von Büchereien

Ein verstaubter Ort, an dem viele trockene Romane lagern – das ist das Bild, das immer noch viele Menschen von einer städtischen Bücherei haben. Dass Bibliotheken dagegen zu den besucherstärksten Kultureinrichtungen in Deutschland überhaupt gehören, dürfte dagegen weniger bekannt sein.
23.04.2016, 00:00
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Ein verstaubter Ort, an dem viele trockene Romane lagern – das ist das Bild, das immer noch viele Menschen von einer städtischen Bücherei haben.

Dass Bibliotheken dagegen zu den besucherstärksten Kultureinrichtungen in Deutschland überhaupt gehören, dürfte dagegen weniger bekannt sein. Barbara Lison will dabei helfen, das Image der Bibliotheken aufzupolieren. Im Moment ist sie leider krankheitsbedingt vorübergehend nicht arbeitsfähig, aber das hält Barbara Lison nicht davon ab, zum Welttag des Buches die Situation der Bibliotheken im Land zu erläutern.

Und in der Tat gibt es derzeit keinen kompetenteren Gesprächspartner im Land für dieses Thema. Die Direktorin der Stadtbibliothek Bremen ist seit März Bundesvorsitzende des Deutschen Bibliotheksverbandes. Sie wurde von den Vertretern der 2100 Mitgliedsbibliotheken mit großer Mehrheit gewählt. Lison tritt damit die Nachfolge von Frank Simon-Ritz von der Universitätsbibliothek Weimar an. „Ich wurde gefragt, ob ich kandidiere. Ich habe Ja gesagt, und nun bin ich die Bundesvorsitzende“, so lapidar und gleichsam bescheiden erläutert Lison ihre Wahl zur höchsten Vertreterin des Verbandes.

Turnusmäßig werde alle drei Jahre der Vorsitz gewechselt, der abwechselnd aus den Mitgliedern der wissenschaftlichen Universitätsbibliotheken und den öffentlichen Bibliotheken der Städte und Kommunen ausgewählt wird. Lison war vorher sechs Jahre im Bundesvorstand des Verbandes, und nun hat man eben sie gefragt. Dabei will sie wahrlich nicht bescheiden auftreten. „Die Bibliotheken müssen bei dem allgemeinen Spardiktat in den Kommunen viel stärker ihre Stimme erheben“, betont Lison und verweist darauf, „dass in den Bibliotheken große Chancen für die Zukunft einer digitalisierenden Gesellschaft liegen“. Neben der traditionellen Sammlung vorwiegend schriftlichen Materials und dem Informations- und Kulturauftrag, hätten Bibliotheken eine wichtige Zukunftsfunktion in der Vernetzung von Menschen, sagt Lison.

Auch bei der gesellschaftlichen Integration, beispielsweise jetzt bei den Flüchtlingen, seien Bibliotheken unverzichtbare Partner. Lisons Arbeitsmotto an der Spitze des Verbandes lautet folgerichtig: „Bibliotheken bieten die Chance für Innovation und Integration“. Der Verband vertritt die Interessen der rund 2100 Bibliotheken mit mehr als 30 000 Beschäftigten. Dazu gehören die öffentlichen Bibliotheken, die wissenschaftlichen Bibliotheken, aber auch die kirchlichen Bibliotheken, die über ihre eigene Organisation wiederum Mitglied im Deutschen Bibliotheksverband sind. Dieser äußert sich zur Reformation des Urheberrechts oder zur Integration der Flüchtlinge. Erstaunlicherweise sind Bibliotheken trotz der zunehmenden Digitalisierung in der Gesellschaft, wo man per Mausklick im Internet so gut wie alle Informationen finden kann, immer noch die besucherstärksten Kultur- und Bildungseinrichtungen in Deutschland. 2014 – eine aktuellere Zahl gibt es noch nicht – wurden 216 Millionen physische Besuche im Jahr in allen Bibliotheken des Landes gezählt.

Für Barbara Lison ist die hohe Zahl aber dennoch keine Überraschung. „Es ist eben der Mix, der die Bibliotheken ausmacht“, sagt Lison. Sie bieten Inhalte in traditioneller Art in Form von Büchern an, aber auch über digitalisierte Datenbanken. Allein in der Stadtbibliothek Bremen werden zwei Millionen Besucher gezählt, davon rund eine Million, die tatsächlich physisch über die Schwelle treten und vor Ort im Bestand Medien auswählen, andere, die über den Onlinekatalog ihre Ausleihen verlängern oder Lernsoftware für Schüler abrufen. Manche schauen sich digitale Zeitschriften an, und obendrein verfügt die Stadtbibliothek Bremen über 40 000 E-Books, die online ausgeliehen werden können. Auch kommen sehr viele Schüler- und Studentengruppen zum gemeinsamen Lernen und nutzen hier das Medien- und Raumangebot als Treffpunkt. „Die öffentlichen Bibliotheken sind keine stillen Orte, sondern Orte der Kommunikation“, erklärt Lison.

In der Stadtbibliothek habe man für die Schüler Lerninseln und Lernstudios eingerichtet, in denen sie sich auch unterhalten können. Treffpunkt seien die Bibliotheken auch für die Flüchtlinge im Land. Gerade Deutsche, die eine Patenschaft für einen Flüchtling übernommen haben, nutzen die Räume als Treffpunkt, aber gleichzeitig als Lernort sowie Zugang zum Internet. „Damit leisten Bibliotheken einen wichtigen Beitrag zur Teilhabe und Chancengleichheit von geflüchteten Menschen an unserer Kultur und Gesellschaft“, erläutert Lison.

Der Besuch von Bibliotheken sollte als fester Bestandteil in die Lehrpläne von Deutschlern- und Integrationskursen aufgenommen werden, fordert der Verband. In Bremen habe man außerdem, um den Flüchtlingen die Ankunft zu erleichtern, in Übergangswohneinrichtungen zweisprachige Medienboxen mit neuen Büchern und Spielen als Dauerleihgabe übergeben, die von den Bewohnern unbürokratisch und ohne Bibliotheksausweis genutzt werden können. Ähnliche Angebote gebe es für sozial Schwache.

Ungeachtet dessen sind Innovation, Qualität und Zukunftsfähigkeit der Bibliotheken aufgrund der laufend gekürzten Budgets in den öffentlichen Haushalten gefährdet. Die Finanzlage sei allgemein angespannt. Vor allem in kleinen Kommunen werden immer mehr Sparmaßnahmen zulasten der Bibliotheken realisiert. „Das hat natürlich große Auswirkungen auf die Kernbereiche der Arbeit“, sagt Barbara Lison. Der Rotstift wirke sich insbesondere auf die Veranstaltungsarbeit aus. Wichtige Angebote für Zielgruppen wie Bildungsbenachteiligte, Senioren und Menschen mit Behinderungen könnten nicht mehr realisiert werden. Lison fordert deshalb gesetzliche Grundlagen in den einzelnen Bundesländern, die den Bestand und eine sachgerechte Ausstattung der Bibliotheken sichern.

In mehr als 20 Ländern der Europäischen Union gebe es Bibliotheksgesetze, in Deutschland würden dagegen keine Mindeststandards für die öffentlichen Büchereien vorgeschrieben. Lison verweist auf Beispiele im europäischen Ausland. Dänemark ist dabei aus ihrer Sicht vorbildlich – was auch ein statistischer Vergleich belegt: In Dänemark werden über 50 Euro im Jahr pro Kopf der Bevölkerung für die Bibliotheken ausgegeben, während das in Deutschland lediglich zwischen zehn und 20 Euro sind. Bei den Hochschulbibliotheken dagegen führe die Hochschulautonomie dazu, dass es auf Ebene der Bundesländer kaum noch eine übergreifende Bibliothekssteuerung gebe. „Dabei können viele der aktuellen Herausforderungen nur noch gemeinschaftlich und länderübergreifend gelöst werden“, sagt Lison.

Zu tun gebe es deshalb für den Deutschen Bibliotheksverband auch in den nächsten Jahren reichlich. Grundsätzlich gelte es, den Stellenwert der Bibliotheken im öffentlichen Bewusstsein zu stärken. „Der bibliothekarische Beruf ist eher ein Beruf der Bescheidenheit. Das ist aber kontraproduktiv, um die Unterstützung für die Bibliotheken zu erhöhen. Deshalb müssen wir mehr auf unsere Leistungen für die Gesamtgesellschaft verweisen“, so Barbara Lison.

Bremen feiert mit Liebenswert lesenswert: Bücher haben international einen hohen Stellenwert. Darum wird am 23. April auch in diesem Jahr der Unesco-Welttag des Buches gefeiert – und Bremen feiert mit. Dazu laden die Leseförderungs- und Literatur-Institutionen sowie das Instituto Cervantes und die Bremer Shakespeare Company an diesem Tag von 11 bis 15 Uhr auf den Marktplatz ein. Dort wollen sie allen Leseratten eine Freude machen und, entsprechend einer katalonischen Tradition zum Namenstag des heiligen Georg, Schmökerstoff verschenken. Die Buchgeschenke dafür kommen vom Carl Schünemann Verlag und dem WESER-KURIER. Für all die lesenswerten Lieblingsbücher wird der Marktplatz um 12 Uhr außerdem zur großen Bühne. Die Stadtbibliothek ruft unter dem Motto „Gib Deinem Lieblingsbuch eine Bühne!“ zu einem Flashmob auf, bei dem möglichst viele Menschen gleichzeitig aus ihrem Lieblingsbuch vorlesen sollen.
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