Musikfest Bremen: Teodor Currentzis und Musicaeterna erhellen Rameau Barock mit Groove

Bremen. Wer ein Konzert des im sibirischen Perm beheimateten Orchesters Musicaeterna mit seinem Dirigenten Teodor Currentzis besucht, kann sich auf viel gefasst machen. Currentzis selbst nennt die Auftritte „ceremony“, also Feierlichkeit, das tut er auch am Ende von „The Sound Of Light“ am Donnerstag in der Glocke, und er hat recht.
10.09.2016, 00:00
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Barock mit Groove
Von Iris Hetscher

Bremen. Wer ein Konzert des im sibirischen Perm beheimateten Orchesters Musicaeterna mit seinem Dirigenten Teodor Currentzis besucht, kann sich auf viel gefasst
machen. Currentzis selbst nennt die Auftritte „ceremony“, also Feierlichkeit, das tut er auch am Ende von „The Sound Of Light“ am Donnerstag in der Glocke, und er hat recht. Denn das Orchester spielt nicht einfach nur ein Programm mit diversen Stücken des wohl innovativsten französischen Komponisten seiner Zeit, Jean-Philippe Rameau (1683-1764). Zu erleben ist eine Inszenierung.

Vom Orchester ist zunächst einmal nicht viel zu sehen. Das Licht ist komplett
heruntergedimmt, ein Trio aus Flöte, Violine und Cembalo leitet den Abend in dieser Fast-Dunkelheit mit der leichten, tänzelnden Melodie namens „La Cupis“ ein – ein Abend, der dem Licht gewidmet ist. Im Booklet zu der CD „The Sound Of Light“, die vor zwei Jahren für viel Furore in der Klassikszene gesorgt hat, erklärt Teodor Currentzis, er habe seine Anthologie von Rameau-Stücken für Hörer gemacht, die nach einer neuen Klarheit über sich selbst suchen. Das mag überhöht klingen. Doch wer diesen Gedanken in den kommenden zwei Stunden auf sich wirken lässt, der erfährt viel über die schiere Kraft von Musik und welche inneren Prozesse sie in Gang setzen kann. Currentzis, der mit seinem Ensemble bereits im vergangenen Jahr einen Kurzauftritt bei der Großen Nachtmusik hatte, schleicht sich im Dunkeln auf die Bühne, wie üblich in Jeans und schwarzem Rüschenhemd und ohne Taktstock. Licht an, und dann geht es so richtig los. Die Violinen und Bläser spielen im Stehen, alle sind irgendwie immer in Bewegung, und zwar nicht nur, weil die Fagotte und Oboen an unterschiedlichen Orten spielen. Currentzis ist tief eingetaucht in die Stücke aus den diversen Opern und Balletten Rameaus, und zaubert mit seinen Musikern einen wunderbar stimmigen Gesamtklang in die Glocke. Dabei scheren sie sich nicht darum, ob man Barockmusik so spielen darf oder nicht und sind deshalb genau auf dem richtigen Weg. Tänze und Ouvertüren sind herrlich groovy, Currentzis lässt extrem expressiv spielen, in oft waghalsigem Tempo, quecksilbrig, die Läufe wie Salven, mit stark betontem Rhythmus, den die Musiker gerne auch mitstampfen.

Die lyrischen Stücke und Arien erhellt das Orchester mit einem ungemein zarten Flow, der die Stimme von Robin Johannsen sensibel umrahmt. Johannsen, ebenfalls 2015 beim Musikfest zu Gast als Konstanze in der „Entführung aus dem Serail“, singt klar, kräftig, strahlend und ist außerdem die Richtige für den stets humorvollen Unterton, der viele Kompositionen Rameaus und daher das gesamte Konzert durchzieht, vor allem bei den Stücken aus der Oper „Platée“, die es als Zugaben gibt. Das Publikum jubelt schon zur Pause unbändig, zum Schluss stehen alle, und Currentzis greift selbst zur Trommel. Dies war der erste Streich von Musicaeterna beim Musikfest, übertroffen werden kann er nur durch den zweiten: Purcells „The Indian Queen“ am Sonnabend.

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