Overbeck-Museum zeigt in der Ausstellung „Achtung: Wald!“ zeitgnössische und historische Baum-Bilder

Baumstümpfe und Emotionen

Bremen. Der Wald in der Malerei – ein unendliches Thema. Seit der Romantik haben sich Generationen von Künstlern an den Mysterien des Waldes abgearbeitet, die Einsamkeit, die Pracht und Erhabenheit scheinbar unberührter Natur, in jüngerer Zeit auch deren Verletzlichkeit auf die Leinwand gebannt.
04.11.2016, 00:00
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Von Peter Groth
Baumstümpfe und Emotionen

Erst beim genauen Hingucken offenbart sich das Motiv: Konstantin Déry hat die „Tote Eiche“ 2015 gemalt.

Overbeck Musuem, Overbeck-Museum

Bremen. Der Wald in der Malerei – ein unendliches Thema. Seit der Romantik haben sich Generationen von Künstlern an den Mysterien des Waldes abgearbeitet, die Einsamkeit, die Pracht und Erhabenheit scheinbar unberührter Natur, in jüngerer Zeit auch deren Verletzlichkeit auf die Leinwand gebannt. Das Overbeck Museum konfrontiert jetzt in seiner Ausstellung „Achtung: Wald!“ zwei zeitgenössische Positionen mit den Wald- und Naturdarstellungen von Fritz und Hermine Overbeck – eine interessante Begegnung mit deutlichen Überschneidungen.

Der in Berlin lebende Ungar Konstantin Déry (Jahrgang 1976) und das ebenfalls in der Hauptstadt ansässige deutsch-britische Künstlerpaar Alice Stepanek und Steven Maslin sind den Geheimnissen des Waldes seit vielen Jahren auf der Spur. Im Gegensatz zu den vor mehr als 100 Jahren entstandenen Landschaftsbildern der Overbecks sind die Wald-Darstellungen von Déry und der stets gemeinsam malenden Stepanek/Maslin nicht zu verorten. Allen gezeigten Bildern in der von Museumsleiterin Katja Pourshirazi erneut mit Bedacht kombinierten Ausstellung ist eines gemeinsam: Die Maler inszenieren hier eine Landschaft zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten, sie transportieren ihre Gefühle und erzeugen durch die Motivwahl Stimmungen. Da hat sich seit den Zeiten von Caspar David Friedrich wenig geändert. Verstärkt werden diese Emotionen noch durch kleine literarische Texte von Rilke, Hausmann und der 2005 mit dem Förderpreis des Bremer Literaturpreises ausgezeichneten Antje Rávic Strubel, die die Kuratorin den Bildern zur Seite gestellt hat.

In ihrer starken Farbigkeit nehmen die großformatigen Werke des in Leipzig ausgebildeten Konstantin Déry eine Sonderstellung in der Ausstellung ein. Déry konzentriert sich motivisch auf den Waldboden. Gräser, Lichtflecken, Totholz, Steine und immer wieder der natürliche Zerfallsprozess von Bäumen wählt er als Sujets. Dabei zerlegt er seine Motive in beinahe abstrakter Manier in unendlich viele Farbfelder, ja, er aast geradezu mit pastos aufgetragenen Farben, die aus der Nahsicht das eigentliche Motiv verbergen. Erst mit angemessenem Abstand entsteht vor dem Auge des Betrachters das eigentliche Motiv.

Sehr viel näher an der Natur orientiert sich der Farbkanon, den Alice Stepanek und Steven Maslin für ihre Szenen wählen. Während Konstantin Déry seine Malweise über die Jahre kaum verändert hat, zeigen sich seine stets jedes Bild gemeinsam malenden Kollegen zumindest in der Motivwahl variabler. In den Neunzigerjahren entstanden hyperrealistisch gemalte Bilder von Zweigen vor grauem Himmel oder einem von Efeu völlig überwuchertem Baum. Diesen Realismus im Detail haben Stepanek/Maslin in ihren jüngeren Bildern nicht aufgegeben, aber eine mystische Komponente hinzugefügt. Mal sind ihre Waldszenen mit vereinzelten Menschen partiell in ein widernatürliches Licht gesetzt, mal versammeln sie Menschenmassen unter einem dräuenden Himmel auf einer Waldlichtung und lassen dabei Erinnerungen an surrealistische Szenen bei Richard Oelze aufkommen.

Ein weiteres Mittel der Verfremdung sind Verwischungen, die einem lichten Birkenwäldchen oder einem dichten Nadelwald eine unwirkliche Note verleihen. Wie auch immer Déry und Stepanek/Maslin ihre ­Ansichten vom Wald inszenieren, wie auch immer Fritz und Hermine Overbeck ihre ­heimische Umgebung, die Landschaften der Rhön und der Schweiz in ein besonderes Licht setzen – aus allen Bildern spricht die Demut und Neugierde der Künstler im ­Angesicht der Vielfalt und Schönheit des Waldes.

Overbeck-Museum im Kito Haus Vegesack, Alte Hafenstraße 30; bis 15. Januar. Geöffnet: außer montags täglich 11 bis 18 Uhr.
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