Film der Woche: Geoffrey Enthovens „Hasta la Vista“ meistert mit Leichtigkeit ein schwieriges Thema

Behindert ins Bordell

Filme über junge Männer, die sich nach ihrem ersten Sex sehnen, gibt es Dutzende. Doch so ungewöhnlich und warmherzig wie in der auf Tatsachen basierenden belgischen Tragikomödie "Hasta la Vista!" wurde das Thema nur selten beleuchtet. Denn jene Jünglinge, die darin ihr Begehren ausleben wollen, leiden an diversen Gebrechen. Das führt zu jenen Problemen, die sich in allen Filmen einstellen, die Behinderte in den Blick nehmen.
12.07.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Peter Claus

Filme über junge Männer, die sich nach ihrem ersten Sex sehnen, gibt es Dutzende. Doch so ungewöhnlich und warmherzig wie in der auf Tatsachen basierenden belgischen Tragikomödie "Hasta la Vista!" wurde das Thema nur selten beleuchtet. Denn jene Jünglinge, die darin ihr Begehren ausleben wollen, leiden an diversen Gebrechen. Das führt zu jenen Problemen, die sich in allen Filmen einstellen, die Behinderte in den Blick nehmen.

UND HENDRIK WERNER

Bremen. Junge Männer, die Mädchen hinterherhecheln, gibt es im Kino oft. So liebevoll wie in der belgischen Tragikomödie "Hasta la Vista" wurden sie selten gezeigt. Erzählt wird eine so spritzige wie anrührende Geschichte um drei Behinderte, die nach dem ersten Mal gieren und schließlich mehr als Spaß am Sex entdecken.

Philip (Robrecht Vanden Thoren) ist vom Hals an abwärts gelähmt, Jozef (Tom Audenaert) blind und Lars (Gilles de Schryver) nach einer überstandenen Krebserkrankung an den Rollstuhl gebunden. Als die drei Über-Zwanzigjährigen von einem Bordell in Spanien erfahren, das auf behinderte Kunden spezialisiert sein soll, machen sie sich auf den Weg. Doch die Reise konfrontiert die Jünglinge mit sehr viel mehr Hindernissen als zuvor gedacht.

Jenseits von Klischees

Die auf Tatsachen beruhende Geschichte klingt – um bloß Stichworte zu nennen – nach zahlreichen Klischees, noch mehr Schmuddelwitz und jeder Menge schnöder Oberflächlichkeit. Doch Regisseur Geoffrey Enthoven und sein gut aufgelegtes Darstellerteam lassen den gängigen Fäkalwitz links liegen und segeln ohne Abstürze auf den Höhen intelligenten Humors voller Herzenswärme. Nie lacht das Publikum über die Figuren, sondern stets mit ihnen.

Gelegentlich bleibt dem Publikum das Lachen im Halse stecken. Die starken Sprüche etwa, mit denen die Behinderten sich selbstironisch aufs Korn nehmen, wollen verdaut sein. Durch sie und durch einige deutliche Szenen zum Thema aber wird jede Sentimentalität umschifft. Gerade die drastische Sprache und die schonungslose Darstellung von körperlichen Schwierigkeiten geben dem Film eine staunenswerte Authentizität. Der Spaß und die Spannung werden davon jedoch nicht beeinträchtigt.

"Hasta la Vista" setzt die nun schon beachtlich lange Serie von Spielfilmen über den Alltag von Behinderten mit Witz, Charme und Einfallsreichtum fort. Wie im deutschen Kinohit "Vincent will Meer" oder zuletzt im französischen Welterfolg "Ziemlich beste Freunde" steht auch hier das Nachdenken über Möglichkeiten der Selbstverwirklichung und der Persönlichkeitsentwicklung im Mittelpunkt. Über den Spaß hinaus kann also auch dieser Film einiges zum unverkrampften Miteinander von Behinderten und Nicht-Behinderten beitragen.

Fernab von Betroffenheitsrhetorik

Etliche weitere in dieser Hinsicht pädagogisch besonders wertvolle Kinowerke verzeichnet die Filmgeschichte. Werke, deren Macher sich – mal hintergründig, mal plakativ – das auf die Fahnen schreiben, was heutzutage in öffentlichen Debatten gern mit dem Modewort Inklusion bezeichnet wird. Dabei sind diese Einschlussverfahren in Kinosälen deshalb besonders gut aufgehoben, weil sie dem Thema idealerweise jene Schwere, vor allem aber jene Betroffenheitsrhetorik nehmen können, von der es im gesellschaftspolitischen Diskurs üblicherweise umflort und überformt wird.

Maßstäbe hat in diesem Zusammenhang beispielsweise "Rain Man" gesetzt, eine als Meilenstein der Filmgeschichte gehandelte Autismus-Fallstudie von Barry Levinson aus dem Jahr 1988, die im Jahr darauf vier Oscars einstrich. Dustin Hoffman spielt in dem gleichermaßen anrührenden wie aufklärerischen Werk Raymond, den sein Bruder Charlie (Tom Cruise) aus einer Klinik auf eine Reise durch die USA mitnimmt. Auch in diesem Film, der das Krankheitsbild schildert, ohne es zu verkitschen, darf gelacht werden. Und auch "Rain Man" zeigt, "Hasta la Vista" vergleichbar, dass Behinderungen Sonderbegabungen bergen können, ohne dass dieser Begriff nur eine Beschönigung im Jargon politisch überkorrekter Gutmenschen wäre.

Das gilt auch für "Forrest Gump" (1994) über einen liebenswürdigen Geistesschwachen (Tom Hanks) und für "A Beautiful Mind" (2002) über ein der Paranoia verfallendes Genie (Russell Crowe). Nicht zu vergessen der grandiose Bremer Beitrag zu diesem Thema, der gleichfalls im Jahr 2002 entstand: "Verrückt nach Paris" (von Eike Besuden und Pago Balke) schickte ein bewegendes Blaumeier-Atelier-Trio auf bewegte Fahrt. Und leistete damit wesentlich mehr für die soziale Integration von Behinderten als jede politische Sonntagsrede.

Den WESER-KURIER-Kinoblog und Videos zu den Kinostarts der Woche gibt es unter www.weser-kurier.de/freizeit

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