Ungarischer Regisseur in Bremen Belá Tarr erhält Filmpreis

Bremen. Der ungarische Regisseur Belá Tarr ist einer der eigenwilligsten Künstler des europäischen Kinos. Seine Filme kommen fast ohne Handlung aus – und erzählen doch Geschichten biblischen Ausmaßes. Am Donnerstag erhält er im Rathaus den Bremer Filmpreis.
17.01.2013, 05:00
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Belá Tarr erhält Filmpreis
Von Alexandra Albrecht

Bremen. Der ungarische Regisseur Belá Tarr ist einer der eigenwilligsten Künstler des europäischen Kinos. Seine Filme kommen fast ohne Handlung aus – und erzählen doch Geschichten biblischen Ausmaßes. Am Donnerstag erhält er im Rathaus den Bremer Filmpreis.

Vor seinem letzten Film "Das Turiner Pferd" hat Belá Tarr angekündigt, danach keinen weiteren Film mehr drehen zu wollen. Was könnte er nun auch noch erzählen, nachdem er uns den Untergang der Welt schon ausgemalt hat. Der 2011 mit dem Silbernen Bären der Berlinale ausgezeichnete Film setzt einen Schlusspunkt unter ein Werk, dessen Arbeiten von Endzeitstimmung durchtränkt sind und dabei auf jede Form von Dramatik und Larmoyanz verzichten.

Tarr hat ein sprödes, jede Gefälligkeit meidendes Werk geschaffen, das sich in der Nische des europäischen Kunstfilms entwickeln konnte. Dafür wird er am Donnerstag mit dem mit 8000 Euro dotierten Bremer Filmpreis ausgezeichnet, den das Kino City 46 in Kooperation mit der "Gut für Bremen"-Stiftung der Sparkasse Bremen vergibt.

Belá Tarr verstößt gegen alle Regeln des Unterhaltungskinos. Seine Filme sind völlig unzeitgemäß (fast alle) in Schwarz-Weiß gedreht, die Figuren sprechen kaum, die Kamera verharrt manchmal zehn Minuten in einer Einstellung. Sie dehnen die Zeit manchmal ins Unerträgliche, einige sind fünf, sechs Stunden lang. 2007 verfilmte Tarr ein Buch von Georges Simenon, "Der Mann aus London", und nicht wenige seiner Anhänger vermuteten, dass er sich nun wohl einem konventionelleren Erzählen zuwenden würde. Von wegen. Wieder tastete die Kamera zentimeterweise den Rumpf eines Schiffes ab, verblieb scheinbar endlos in einer Einstellung, ohne dass etwas passierte. Trotzdem ist der Film mit rund 140 Minuten Länge für Tarr fast schon ein Kurzfilm.

Monolith des Kinos

Handlung ist bei Béla Tarr nichts Äußerliches, sie vollzieht sich in den Personen. Dabei tragen sie ihr Herz nicht auf der Zunge, sie sind mehr oder weniger verstummt und erstarrt. Abgesehen von wenigen, meist verzweifelten Ausbrüchen bleiben sie still. Resigniert scheinen sie sich ihren ausweglosen Schicksalen zu fügen. Béla Tarr erzählt seine Geschichten vom Rande her, sein Augenmerk gilt der Umgebung seiner Personen, der Atmosphäre, in der sie leben und arbeiten. Regen und Sturm fegen durch die Stadt und über das Land hinweg, die Wohnungen und Häuser wirken schäbig und abgenutzt. Diese Tristesse findet im Seelenleben seiner Figuren ihre Entsprechung. So ist es in "Der Mann aus London", so ist es auch in "Verdammnis", einem Film aus den 80er-Jahren, in dem ein Mann einer Nachtclub-Sängerin hinterherläuft. Vergebens.

Belá Tarr ist ein Regisseur der Regisseure. Er selbst schätzt die Filmemacher der 20er-Jahre und die Arbeiten Tarkowskis, jüngere Kollegen wie Gus Van Sant loben wiederum die exzentrische Bildsprache des Ungarn. Mit "Das Turiner Pferd" hat Tarr ein apokalyptisches Drama über das Ende der Menschheit vorgelegt, das mit seiner Wucht und Kompromisslosigkeit wie ein Monolith aus dem Kino der Sensationen heraussticht.

Sturm tobt über die flache Puszta-Landschaft hinweg, lässt den Kutscher und sein Pferd kaum vom Fleck kommen. Blätter wehen wie verbranntes Papier durch die Luft. Auf seinem Hof angekommen, spannt die Tochter das Pferd aus, hilft dem Vater beim Entkleiden, kocht ihm eine Pellkartoffel, löscht das Licht, wenn sie sich schlafen legen. Ein Tag verläuft wie der andere.

Bis auf einmal das Wasser im Brunnen versiegt. Vater und Tochter packen ihren Hausrat auf die Kutsche und verlassen ihren Hof. Als sie wiederkommen, ist klar, dass sie keinen anderen Ort zum Leben gefunden haben. Als auch noch das Feuer im Ofen verlischt, kündigt sich das Ende an. Sie tragen es mit Fassung. "Was bedeutet das?", fragt die Tochter. Der Vater weiß es nicht. Sie gehen schlafen. Schnörkelloser, unsentimentaler kann man vom Ende der Welt nicht erzählen. Auch Belá Tarr hat keine Antworten, er bringt uns aber auf die richtigen Fragen.

Nach der Preisverleihung im Rathaus (nicht öffentlich) präsentiert Belá Tarr "Das Turiner Pferd" heute um 21 Uhr im City 46.

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