Countertenor als Professor an der HfK

Gar nicht alt

Benno Schachtner ist ein international gefragter Countertenor. Seit Kurzem lehrt er an der Hochschule für Künste Bremen Historischen Gesang.
19.11.2020, 05:00
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Von Iris Hetscher
Gar nicht alt

Benno Schachtner an seinem Arbeitsplatz in der HfK. Der Professor lehrt Gesang im Fachbereich Alte Musik.

Christina Kuhaupt

Der Name gefällt ihm nicht. Die Akademie für Alte Musik im Fachbereich Musik, das ist Bennos Schachtners Arbeitsplatz an der Hochschule für Künste Bremen. Doch um Alte Musik gehe es eigentlich gar nicht, sagt er; ein Trugschluss, viel zu kurz gedacht. „Was soll das sein?“ fragt er. Und liefert seine Definition gleich nach: Auf jeden Fall mehr als Renaissance und Barock. Schachtner sagt: „Für mich geht das bis 1920, bis zum Impressionismus.“

Seit dem Sommersemester ist Schachtner Professor an der Hochschule für Künste, doch er fühle sich erst jetzt, im Wintersemester, richtig angekommen, erzählt er. Corona hat den üblichen Einstieg verhindert, das Kennenlernen der Hochschule, der Kollegen, der Studenten, der Stadt. Das ändert sich auch jetzt nur langsam – 14 Studentinnen und Studenten sind derzeit bei ihm eingeschrieben, dürfen zu Schachtner in die Dechanatstraße kommen. Und lernen, ja was denn jetzt eigentlich? „Historischen Gesang, so musizieren, dass es den Epochen gerecht wird“, sagt Schachtner. Die HfK habe, was das angeht, ein sehr großes Renommee, sei bundesweit ein „Flaggschiff“ auf diesem Gebiet. Weshalb er sich außerordentlich freue, zum Team gehören zu dürfen.

Benno Schachtner lehrt nun also in Bremen Gesang, mit einer halben Stelle. Und er ist ein international gefragter Countertenor, also jemand, der eine Falsett- und Kopfstimmentechnik perfektioniert hat und in Sopran- oder Altlage singt. Auf seiner aktuellen CD „Clear and cloudy“ sind Werke von John Dowland und Henry Purcell zu hören, er hat in der New Yorker Carnegie Hall gesungen, an der Pariser Oper, in Seoul, Wien, Toronto, Brüssel und natürlich landauf landab in Deutschland. Am vergangenen Wochenende hat er mit dem Concertgebouw Orchester in Amsterdam sein erstes live gestreamtes Konzert gegeben.

Den Countertenor habe er sich gewissermaßen antrainiert, sagt er. Die Basis war da, er war Knabensopran im Chor. Seine eigentliche Stimmlage sei aber der Bariton. „Das war eher Zufall, dass ich entdeckt habe, dass ich auch im hohen Tenorbereich über Talent verfüge“, erzählt Benno Schachtner.

Ein Talent, das seit einigen Jahren stark gefragt ist. Seit sich immer mehr Menschen für die Musik der Renaissance und der Barockzeit interessieren, gibt es Countertenöre, die sogar zu Klassikstars aufgestiegen sind wie der Franzose Philippe Jaroussky. Benno Schachtner ist es vor allem wichtig, kein Klischee zu bedienen: „Ich möchte nicht klingen wie eine Frau, ich habe meine eigene Stimmfarbe entwickelt.“ Auch das Androgyne, Ätherische, mit dem andere Countertenöre kokettierten, liege ihm fern: „Meine Physis passt auch gar nicht dazu“.

Nah dagegen ist ihm das Unterrichten, einen „Hang zum Pädagogischen“ habe er schon an sich entdeckt, als er selbst Musik studierte. Kirchenmusik war zunächst sein Fach, 2009 hat Schachtner an der Hochschule für Musik Detmold abgeschlossen, das Gesangsstudium in Detmold und Basel beendete er drei Jahre später. Die vergangenen vier Jahre hat er in Mannheim gelehrt, historische Aufführungspraxis. Diese Zweiteilung seines Lebens und seiner Karriere setzt er nun in Bremen fort. Wichtig ist ihm, seinen Studenten nicht nur Atem- und Artikulationstechniken zu vermitteln, sondern auch ihre Passion zu wecken für den historisch fundierten Ansatz, der genaues Hinhören und Wissen um Zusammenhänge erfordert. Wann sollte ein Hammerklavier eingesetzt werden, wann eignen sich Darmsaiten? Da sei vieles noch nicht ausgereizt, findet Schachtner, auch in der Vermittlung – „die Hörer sollen die Werke ja gemeinsam mit uns entdecken“.

Der Sänger Benno Schachtner plant derweil das Jahr 2021. Ende November beginnen in Mannheim die Proben zu Händels „Il Trionfo“, das Bachfest, die Schwetzinger Festspiele, eine Tournee mit dem Niederländischen Kammerorchester stehen im Kalender. Und am 4. Juli ein Konzert im Bremer Sendesaal. Da Benno Schachtner wegen der Pandemie kein Antrittskonzert an der HfK geben konnte, wird das sein Einstand sein in Bremen. Hoffentlich.

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