Musikfest Bremen: L‘Orfeo schwungvoll interpretiert

Berückende Klänge für bekannten Mythos

Bremen. So langsam geht das 27. Musikfest Bremen in die Zielgerade und setzt mit europäischen Barockopern einen weiteren Schwerpunkt.
05.09.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Wolfgang Denker
Berückende Klänge für bekannten Mythos

Startenor Rolando Villazón.

CARMEN JASPERSEN, dpa

Bremen. So langsam geht das 27. Musikfest Bremen in die Zielgerade und setzt mit europäischen Barockopern einen weiteren Schwerpunkt. Frankreich und England ­stehen mit Werken von Jean-Philippe Rameau und „The Indian Queen“ von Henry Purcell noch bevor, Italien war mit „L’ Orfeo“ von Claudio Monteverdi am Sonnabend vertreten. Das 1607 anlässlich des ­Geburtstages des Herzogs Francesco Gonzaga in seinem Palast in Mantua uraufgeführte Werk gilt als erste Oper (Monteverdi nannte sie „Favola in musica“) der Musikgeschichte.

Der Orpheus-Mythos ist mannigfach vertont worden und hinlänglich bekannt. Orpheus verliert seine ihm gerade angetraute Eurydike durch einen Schlangenbiss. Er steigt in den Hades hinunter, um sie zurückzuholen. Das scheint zu gelingen. Sie darf ihm folgen, er darf sich aber nicht nach ihr umdrehen. Ein Geräusch verführt ihn aber genau dazu. Eurydike ist endgültig verloren, Orpheus kehrt allein und verzweifelt in die irdische Welt zurück. Für den Schluss gibt es verschiedene Versionen. Bei Gluck sorgt der Liebesgott Amor für ein glückliches Ende und Eurydike kehrt doch noch zu Orpheus zurück.

Bei Monteverdi hingegen führt Apollo, der Vater des Orpheus, ihn in den Himmel, wo er Eurydikes Schönheit im Glanz der Sterne erkennen und preisen kann. Es gibt in der antiken Mythenwelt noch einen besonderen Aspekt für diesen Schluss. Pluto, der Herrscher der Unterwelt, hat an Eurydikes Freigabe die Bedingung geknüpft, dass seine Gattin Proserpina nicht mehr in die irdische Welt dürfe, wo sie aber als Fruchtbarkeitsgöttin wirkte. Eurydikes Rückkehr hätte also das Ende der Menschheit bedeutet.

Die Oper beginnt mit einer von Trompeten geschmetterten Fanfare (Gonzaga-Fanfare), dem klingenden Wappen der Familie Gonzaga. Ein hübscher Einfall war es, dieses Thema vor Beginn der Aufführung im Treppenhaus der Glocke von den Bläsern des L’Arpeggiata-Ensembles – statt des Einklingelns – spielen zu lassen.

Zu bewundern ist die kunstvolle Instrumentierung Monteverdis, der die heitere Welt der Schäfer und Nymphen vor allem mit Streichern und Flöten, die dunkle des Hades vorwiegend mit Posaunen, Trompeten, Zinken und Orgel zeichnet. Zu bewundern ist aber auch, wie Christina Pluhar am Pult des von ihr gegründeten Ensembles L’Arpeggione diese Musik zum Leben erweckt. Da werden feinste Nuancen herausgearbeitet. Die einzelnen Instrumente oder Gruppen musizieren sehr differenziert und blitzsauber.

Pluhars Interpretation ist von solcher Lebendigkeit und hat teilweise so viel Schwung, etwa in dem immer schneller gesteigerten Finale, das man der Musik ihr Alter kaum glaubt. Das heißt aber nicht, dass Pluhar den tieftraurigen Momenten keinen Atem lässt. Die Verzweiflung und Trauer von Orpheus wird mit breitem Tempo und großer Ernsthaftigkeit eindringlich umgesetzt. Pluhar und ihre Musiker sind anerkannte ­Spezialisten – und das ist in jedem Moment der Aufführung zu hören. Hier wird ein bekannter Mythos berückend und vital zum Klingen gebracht.

Elf Sängerinnen und Sänger werden aufgeboten. Einige davon teilen sich die kleineren Solopartien oder fügen sich als Chor zusammen. In der Titelrolle ist der gerade mit dem Preis des Musikfestes ausgezeichnete Tenor Rolando Villazón zu erleben. Aber es sind zwei Welten, die da aufeinander treffen: Die strenge, klar strukturierte Musik Monteverdis und das Temperament Villazóns, das diesmal, wohl weil er aus den Noten singt, einigermaßen gezügelt ist. Blutarm ist Villazóns Zugang zu dieser Musik trotzdem nicht. Stimmlich kann er (trotz einiger „Kratzer“) vor allem mit seiner bronzefarben timbrierten Mittellage und seiner emotionalen Gestaltung überzeugen.

Magdalena Kožená sorgt als Messagiera, die die Nachricht von Eurydikes Tod ­überbringt, für stimmlichen Balsam. Sie hat einen Mezzo, der wie Samt und Seide klingt und den sie stilsicher einsetzt. Die relativ kleine Partie der Eurydike ist bei Giu­seppina Bradelli, die auch die allegorische Figur der Hoffnung verkörpert, gut aufgehoben. ­Besonders hervorzuheben ist Céline Scheen, die als La Musica und Prosperina mit ihrem schönen Sopran und ihrer Ausstrahlung ­sofort bezaubert. João Fernandes hat für den Fährmann Caronte fahle, geisterhafte Töne zur Verfügung, und Dingle Yandell trumpft als Pluto mit satt-schwarzem Bass auf.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+