4000 Teilnehmer angemeldet Bibliothekartag gestartet

Bremen. Am Dienstag startete in Bremen unter dem Motto „Wir öffnen Welten“ der 103. Bibliothekartag. Bis Freitag sind 348 Vorträge geplant; 150 Aussteller aus 14 Ländern beschicken den Messebereich.
04.06.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Bibliothekartag gestartet
Von Hendrik Werner

Mehr als 4000 Teilnehmer sind für den 103. Bibliothekartag angemeldet, der am Dienstag im Messe und Congress Centrum Bremen unter dem Motto „Wir öffnen Welten“ begonnen hat. Bis Freitag sind 348 Vorträge geplant; 150 Aussteller aus 14 Ländern beschicken den Messebereich. Am Donnerstag tanzt der Kongress bei einer Party im Weserstadion. Ernster ist der „Bremer Appell“, den die zusehends digitale Branche an die Politik richtet.

Mit Forderungen an die Politik ist der europaweit größte Kongress der Bibliotheks- und Informationsbranche eröffnet worden: Um im Zeitalter der Digitalisierung eine zeitgemäße Wissensvermittlung gewährleisten zu können, müssten die Rahmenbedingungen entsprechend überarbeitet werden, sagte Klaus-Rainer Brintziger, Vorsitzender des Verbands der Bibliothekare vor Journalisten. Zu diesem Zweck sei es nicht ausreichend, den ermäßigten Umsatzsteuersatz von gedruckten Medien auf Hörbücher auszudehnen, wie von der Berliner Koalition beschlossen. Vielmehr müsse die ermäßigte Besteuerung auch für elektronische Bücher und Zeitschriften gelten. Bislang werden für Printmedien sieben, für E-Medien hingegen 19 Prozent Umsatzsteuer veranschlagt. Diese Differenzierung, die in Bibliotheken zu deutlich erhöhten Ausgaben vor allem im Segment wissenschaftlicher Zeitschriften führe, sei unzeitgemäß, sagte Brintziger. Er forderte die Bundesregierung auf, sich im Rat der Europäischen Union für eine Änderung der EU-Umsatzsteuerrichtlinie einzusetzen.

Kirsten Marschall, Vorsitzende des Berufsverbands Information und Bibliothek, monierte wiederum, dass der Anpassung der Vergütung für Bibliothekare auf Bundesebene bislang keine entsprechende Änderung auf Länder- und Kommunalebene gefolgt sei. Marschall verwies auf den medialen Strukturwandel, der die Vermittlungsarbeit der Bibliothekare zu einem besonders wichtigen Feld werden lasse. Kulturpessimisten, die an der Zukunftsfähigkeit der Büchereien insgesamt zweifeln, hielt sie entgegen: „Bibliotheken werden trotz Internet, E-Medien und elektronischer Dienstleistungen nicht aussterben, sondern sich neu definieren.“

Dass besagte Neudefinition in Bremens Buchzentralen bereits so etwas wie eine gelebte Tatsache ist, machte die Direktorin der hiesigen Staats- und Universitätsbibliothek (SuUB), Maria Elisabeth Müller, deutlich, als sie vom jüngsten regionalen „Scan Bang“ ihres Hauses berichtete: SuUB und Staatsarchiv haben historische Bremer Adressbücher digitalisiert und im Internet zugänglich gemacht – kostenlos. Mehr als 120 000 Seiten aus Adressbüchern der Jahre 1794 bis 1955 sind aufrufbar, die Einblicke in städtische Besitzstände und Infrastruktur sowie deren Wandel gewähren.

Ein weiteres spannendes Transformationsunternehmen, das im Mai 2013 angelaufen ist und bis April 2015 abgeschlossen sein soll, betrifft die mediale Migration von Printmedien: Im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts werden Zeitungen des 17. Jahrhunderts digitalisiert, katalogisiert, elektronisch erschlossen und hernach auf dem SuUB-Portal „Digitale Sammlungen“ online zur Verfügung gestellt. Wer also wissen möchte, welchem Ketzer oder welcher Hexe aus welchem Grund der Prozess gemacht wurde und wie stark der holländische Einfluss auf die sogenannte Bremer Tracht war, wird dank digitaler Strategien in nicht allzu ferner Zukunft detailliert über die Vergangenheit informiert.

Apropos Information: Weil sich Bibliothekare entgegen hartnäckigen Vorurteilen keinesfalls nur an der sittsamen Lektüre von Büchern im stillen Kämmerlein ergötzen, haben die Bremer Bibliotheken auf dem Tagungsareal einen schmucken Messestand errichtet, an dem zumal die auswärtigen und ausgehwilligen Besucher – in Papierform! – Wissenswertes über aktuelle Veranstaltungen im Bereich der schönen Künste erfahren. Kulturkiosk nennt Jirka Wolff seinen poppigen Papp-Pavillon, dessen aus dem nämlichen Material gefertigten Hocker zum Verweilen laden. Der 32-jährige Designer hat den markanten Treffpunkt für eine Semesterarbeit an der Bremer Hochschule für Künste entworfen.

Und noch zwei sinnliche Aspekte bietet dieser Bibliothekartag neben all den Diskussionsforen, Workshops und Vorträgen zu Medienkonvergenz, Systematisierungssoftware und E-Book-Ausleihverhalten: Am Donnerstag tanzt der Kongress im Weserstadion, und den Tagungstaschen ist ein analoges Lesezeichen beigefügt, auf dem eine durch den medialen Paradigmenwechsel unbeschadete Weisheit des Schriftstellers Mark Twain steht: „Wer ein gutes Buch nicht liest, hat keinen Vorteil gegenüber jemandem, der nicht lesen kann.“

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