Sonntagskolumne „Müßiggang“

Bildbruch, Sprachsalat, Luxemburg

Sprache ist ein weites Feld mit vielen Fallstricken. Vor allem dann, wenn Menschen, die sie benutzen, in einen Metaphernrausch verfallen. Das komische Potenzial schiefer Bilder inspiziert Hendrik Werner.
14.12.2018, 14:46
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Bildbruch, Sprachsalat, Luxemburg
Von Hendrik Werner
Bildbruch, Sprachsalat, Luxemburg

Rushhour (auf gut Deutsch: Hauptverkehrszeit) in der Überseestadt. Der Individualverkehr ruht. Stoßstange an Stoßstange, wie es im Journalistenjargon heißt. Mit Chancen und Risiken der Mobilität beschäftigt sich Chefreporter Hendrik Werner in einer neuen Folge seiner Sonntagskolumne.

Frank Thomas Koch

Wissen Sie, was eine Katachrese ist? Nein? Da stellen wir uns ganz dumm – und sagen so: Eine Katachrese ist ein dunkles, ein rätselhaftes Bild, das gleich an mehreren Stellen geborsten, ja gebrochen ist. Beispiele gefällig? Na gut, Sie haben es so gewollt: Das schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht. Morgenstunde hat Blech im Munde. Auch ein blindes Huhn legt mal ein Ei. Geh doch dahin, wo die Harke hängt. Der Affe fällt nicht weit vom Stamm. Das Smartphone ist der Schnuller des kleinen Mannes (der kleinen Frau). Zwar bewältigte der Pianist leichtfüßig alle komplizierten Sätze, doch mit der Handhabung der Pedale hatte er Probleme. Nicht zu vergessen: Man soll den Morgen nicht vor der Arbeit loben.

Speck lass nach, dürften auf Ordnung erpichte Zeitgenossen angesichts dieses Sprachsalats mit Quatschdressing ausrufen. Einerseits. Andererseits ist die Katachrese, diese drollige rhetorische Figur, ein starkes Stilmittel. Vor allem zur Erzeugung von Komik. Zu den notorischen Nutzern dieses Kniffes, der schon die Dichter der griechischen Antike beseelte, zählte der österreichische Dramatiker Johann Nepomuk Eduard Ambrosius Nestroy, aus dessen Bleistift unter anderem ein Stück mit dem programmatischen Titel „Einen Jux will er sich machen“ floss. Unter den Gegenwartskünstlern, die widersinnige Sprachbilder in Witze umwidmen, ist der Kabarettist Piet Klocke. Der Mann wurde nicht von ungefähr in Bremen geboren: Dessen Einwohner lieben umständliche Satzkonstruktionen unter Aufbietung aberwitziger Präpositionen so sehr, weil sie der Mitteilungsfunktion von Sprache misstrauen („Komm mal bei mich bei“).

Und nun zu etwas völlig anderem: Der Müßiggänger ist zwar nicht nachtragend, muss aber dennoch ein Postskriptum zur vorigen Kolumne setzen, die sich – die Älteren mögen sich erinnern – mit der Utopie einer autofreien Zukunft und dem Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs befasste. Nun hat Luxemburgs Premier Xavier Bettel angekündigt, die Bürger könnten Busse und Bahnen ab dem Jahr 2020 kostenlos nutzen. Luxemburg ist das erste Land weltweit, das diesen löblichen Schritt geht. Ein kleines Land, dessen Einwohnerzahl (590.000) frappierend an die des kleinsten deutschen Bundeslandes erinnert, dem mehr Pioniergeist nicht schaden würde – aus gegebenem Anlass. „Ihr steht nicht im Stau“, sagt meine Oma. „Ihr seid der Stau.“

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+