Heinrich Zille

Bildchronist des „Milljöhs“

Er ist vor allem als humorvoller Kommentator und Zeichner des kleinbürgerlichen-proletarischen Milieus in Berlin an der Wende zum 20. Jahrhundert bekannt. Dabei war Heinrich Zille auch ein bemerkenswerter Fotograf, der das Berliner Stadtleben in eindrucksvollen Bildern festgehalten hat.
04.01.2015, 00:00
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Bildchronist des „Milljöhs“
Von Uwe Dammann
Bildchronist des „Milljöhs“

Heinrich Zille fotografierte in der Hirtenstraße 9 in Berlin diesen Umzugskarren im Sommer 1901. Die Aufnahme stammt aus dem neuen Bildband zum Leben und Werk des Berliner Fotografen und Zeichners.

Schirmer & Mosel

Er ist vor allem als humorvoller Kommentator und Zeichner des kleinbürgerlichen-proletarischen Milieus in Berlin an der Wende zum 20. Jahrhundert bekannt. Dabei war Heinrich Zille auch ein bemerkenswerter Fotograf, der das Berliner Stadtleben in eindrucksvollen Bildern festgehalten hat.

In Berlin braucht man niemandem zu erklären, wer Heinrich Zille ist. Der Chronist des Berliner Stadtlebens, der mit dem Zeichenstift und mit dem Fotoapparat das kleinbürgerliche Arbeitermilieu meisterhaft festgehalten hat, ist hier auch gut 85 Jahre nach seinem Tod im Jahre 1929 allgegenwärtig. Seine Fotos aus dem alten Berlin werden als Postkarten am Kiosk verkauft, die Zeichnungen zieren Werbeplakate oder Kneipenschilder. Im Rest der Republik sieht es allerdings schon etwas anders aus, obwohl sogar die Deutsche Bundespost einst eine Postkarte mit einem Zille-Motiv herausgab. Doch das ist lange her, in der Zwischenzeit ist Zille vor allem außerhalb Berlins ein wenig in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht: Seine Milieustudien aus dem alten Berlin sind nach wie vor sehenswert. Jetzt erinnert ein neuer großformatiger Bildband an den Pionier der Straßenfotografie. Die Autoren Jeff Wall, Roy Arden – beide ebenfalls renommierte Fotokünstler der Gegenwart – und Wolfgang Kemp, kommentieren die Ästhetik der Zille-Fotografien aus heutiger Sicht, ordnen sie ein und bewerten sie.

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Heinrich Zille war vor allem ein genauer Beobachter – er nahm in seinen Bildern auf, was der flüchtige Blick übersieht oder lieber ausblendet: die Zustände in den Berliner Armenvierteln, Hinterhöfen, Bretterzäune und Müllhalden. Zille fotografierte die Destille an der Straßenecke, im Schlamm spielende Kinder, die Latrinen auf dem Rummelplatz und Abbruchszenarien. Die Kinder auf seinen Bildern sind fast alle barfuss, sie posieren nicht, sondern werden in der Regel in lebendigen Spielsituationen festgehalten. Die Prunkbauten des wilhelminischen Berlins – Ausnahmen bestätigen die Regel – sucht man bei ihm vergebens, genau wie die sogenannten malerischen Winkel, der damals schon boomenden Millionenstadt.

Dass Heinrich Zille selbst fotografisch tätig gewesen ist, wurde erst gegen Ende der 1960er-Jahre bekannt und dokumentiert. In Zilles Nachlass fanden sich „418 Glasnegative, einige Glaspositive und über 100 Fotografien, von denen keine Negative mehr aufzufinden sind.“

Die Entstehungsgeschichte des fotografischen Œuvres wird auf das Jahr 1890 zurückgeschätzt und reicht bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs.Zille hat zweifelsfrei einen besonderen Rang in der Weltgeschichte der Fotografie und gilt als ihr erster „Straßenfotograf“. Dazu trägt nicht nur die außergewöhnliche Themenwahl seiner Fotografien bei, sondern auch die Handhabung der Kamera und die Aufnahmetechnik. Zille brachte die damals in der Regel „statische und schwere Kamera“ in körperliche Bewegung, sodass er wie ein Fotoreporter – ohne, dass es dieses Wort damals schon gab – mit der Kamera seine Motive umkreiste und festhielt. Bei der Fotografie von den drei Leuten, die ihren Hausstand auf einen Karren umziehen, hat man den Eindruck, dass sich nicht nur die abgebildeten Personen bewegen, sondern auch der Fotograf wie bei einer Kamerafahrt im Film – obwohl Zille, den Apparat vermutlich nicht bewegt hat. Aber die Neigung der Kamera vermittelt diese Illusion. Berlin um 1900, wie es heutige Betrachter auf diesen Bildern sehen, ist in den meisten Fällen eine große, morastige, halb fertige Baustelle. Man sieht der Stadt an, dass sie rasant wächst, ohne Rücksicht auf Ästhetik. Heinrich Zille fertigt Bilderfolgen von der Stadt an: Passanten in Bewegung, die Reisigsammlerinnen, die Müllhalden, Menschen auf dem Jahrmarkt – viele Fotografien waren gleichzeitig Anregungen für seine Zeichnungen, die ihn zu einem der berühmtesten Berliner seiner Zeit machten. Als er 1929 starb, bekam er ein Ehrenbegräbnis von der Stadt Berlin und wurde 1970 posthum als „Bildchronist des Milljöhs“ durch den Berliner Magistrat zum 80. Ehrenbürger Berlins ernannt.

„Das alte Berlin“. Photographien von Heinrich Zille, 1890–1910. Schirmer/Mosel München, 208 Seiten, 29,80 Euro.

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