Max Raabe zu Gast in Bremen "Bitte keine Gefühlsausbrüche"

Bremen. Ein feiner Herr - vom akkurat gelegten Haar bis zum blitzeblank polierten, edlen Schuhwerk. Auch beim Interview trägt Max Raabe Manschettenknöpfe und Einstecktuch, ist ganz der pointiert und erhaben formulierende Gentleman, als er uns der Bühne begegnet.
04.03.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Christoph Forsthoff

Bremen. Ein feiner Herr - vom akkurat gelegten Haar bis zum blitzeblank polierten, edlen Schuhwerk. Auch beim Interview trägt Max Raabe Manschettenknöpfe und Einstecktuch, ist ganz der pointiert und erhaben formulierende Gentleman, als der uns der Meister des guten alten deutschen Schlagers auf der Bühne begegnet - wie nun mit seinem neuen Programm "Küssen kann man nicht alleine" am 3. und 4. März im Bremer Musical-Theater.

Er ist ein Künstler, dem seine distinguierte Rolle längst zum eigenen Ich geworden ist - beherrscht bis in die Augenbrauen. "Was soll ich den Leuten mit meinen Emotionen auf die Nerven gehen? Wenn ich ins Konzert gehe, möchte ich auch keine Gefühlsausbrüche erleben von Leuten, die mir persönlich nicht bekannt sind". Übrigens solle doch, bitte schön, jedem Besucher Raum bleiben für seine eigenen Gedanken und Emotionen.

Kaum zu glauben, dass dieser Herr von aristokratischer Ausstrahlung einst auf einem westfälischen Bauernhof groß wurde - selbst wenn justament diese Frage den sonst so verhaltenen Menschen dann doch zu einem kleinen Gefühlsausbruch bewegt: "Nur weil man auf einem Bauernhof aufwächst, heißt das ja nicht, dass alle die ganze Zeit in der Nase bohren und sich nicht zu benehmen wissen." Doch schon im nächsten Augenblick hat der 48-Jährige sogar seine Augenbraue wieder im Griff, als er von der Erziehung im Hause Raabe erzählt: "Meine Eltern haben immer auf Selbstverständlichkeiten geachtet: Dass man aufsteht, wenn man Leute begrüßt, die Tür aufhält und schaut, ob man irgendwo mit anfassen kann, dass man erst anfängt zu essen, wenn alle etwas haben und auch den Tisch erst wieder verlässt, wenn alle aufgegessen haben."

Raabe bedient Sehnsüchte

Das sind nur scheinbare Selbstverständlichkeiten in einer Zeit, die vom allzu lockeren Umgang mit Manieren geprägt ist - und deren ach so antiautoritäre und fortschrittliche Genossen doch insgeheim eine Sehnsucht pflegen nach eben jenem Stilbewusstsein, das Raabe und sein Palastorchester bei ihren Auftritten in Frack und Smoking an den Tag legen.

"Meine Onkels und Opas sind sonntags immer mit Krawatte, Anzug und Weste zum Mittagessen oder zum Tee erschienen." Das hat bei dem kleinen Max offenbar einen tiefen Eindruck hinterlassen, denn statt Jeans trug der schon in frühen Jahren Cordhosen mit Sakko und band sich abends eine Krawatte um, wenn er aus dem Haus ging. "Als ich dann in die Stadt gezogen bin, habe ich diesen Stil noch ein wenig verfeinert. Das Einstecktuch etwa ist hinzugekommen, als ich nach Berlin gegangen bin." Dass selbiges auch jetzt wie mit einem Maßband gezogen in der äußeren Anzugtasche steckt, bezeichnet indes auch sein Träger mit einem ganz leichten

ironischen Unterton als "eine der komischen modischen Schrullen, die sich jeder irgendwie leistet - man kann gut darauf verzichten". Um aber sogleich auf die Vorzüge dieses Accessoires hinzuweisen, denn wenn der begleitenden Dame ein Missgeschick passiere, "ihre Tusche verrutscht oder gar Tränen fließen - wohlgemerkt: der Rührung -, kann ich ihr dieses Taschentuch reichen und sie nimmt es dann mit nach Hause. Bei passender Gelegenheit bekomme ich es, sofern sie denn wirklich eine Dame ist, gewaschen und gebügelt zurück".

Über die Zahl der auf diesem Wege gebügelten Einstecktücher schweigt der Gentleman naturgemäß, doch vermutlich wird keines aus dem Hause Annette Humpes darunter gewesen sein - auch wenn es ausgerechnet die Neue Deutsche Welle-Ikone gewesen ist, die Raabe die Titelzeile seines neuen Programms und Albums beschert und damit den Grund für eine der originellsten Kooperationen dieses Musikfrühjahres gelegt hat. Elektrisiert habe ihn diese Zeile, erzählt Raabe, man habe sich am Klavier getroffen - und dann sei alles ganz schnell gegangen. "Das war ein enormer Spaß, denn mit jemandem gemeinsam zu ringen oder nach Formulierungen zu suchen, das ist schon eine besondere Lust."

Musikalischer Lustgewinn

Ein Lustgewinn, der sich musikalisch indes eher in melancholischen Klängen äußert, auch wenn das entstandene Lieddutzend Liebe, Leid und Leidenschaft in wunderbare Geschichten voll fein dosierter Zwischentöne fasst - und dabei ganz im Stil der 20er-Jahre den Sinn für Ironie und Raabes lakonischen Vortragsstil wahrt. Hat sich die Pop-Frau von "Ich + Ich" musikalisch sehr zurückgehalten? Nein, sagt der Sänger, keiner von beiden habe sich "verbiegen" müssen. "Dann wären wir schon bei der ersten Nummer aneinander geraten, weil da schon klar war, wie man arbeitet." Gut möglich, dass ihnen dabei die gemeinsame westfälische Herkunft zugutegekommen ist.

Handelt es sich also um eine Art Seelenverwandtschaft in puncto Dickköpfigkeit. Diese Frage lässt den Künstler tatsächlich einmal etwas lauter auflachen. Durchaus - "eine Unaufgeregtheit und vielleicht auch eine gewisse Sturheit, an Ideen festzuhalten, aber letztlich war das gut". Wie auch der Umstand, dass der Gesangsstudent vor 25 Jahren auf jene Musik gesetzt hat, die "wir in dem Moment machen wollten: Musik aus den 20er-Jahren, die wir reduziert und orthodox auf die Bühne gebracht haben - aus irgendeinem Grund habe ich schon damals geahnt, dass man diese Musik wie das Vorbild aufführen muss, weil sie dann ihre größte Stärke hat". Man dürfe sich nicht verrückt machen lassen, müsse seinem eigenen Geschmack vertrauen.

Womit dann ja nur noch eine einzige Frage bliebe: Wen küsst denn nun eigentlich Max Raabe? "Da müssen Sie sich keine Gedanken machen", entgegnet der Sänger. "Ich bin in den besten Händen."

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+