Verleihung des Bremer Stadtmusikantenpreises 2011 Blaumeier-Atelier: die normal-verrückten Botschafter

Bremen. Egal ob sie malen, musizieren, schreiben, schauspielern oder nur mit einem bezirzenden Lächeln kleine süße Schweinereien verteilen - man wird sich an die Blaumeiers erinnern. Auch sie werden mit dem Stadtmusikanten-Preis ausgezeichnet.
15.08.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Peter Groth

Bremen. Egal ob sie malen, singen, musizieren, schreiben, fotografieren, schauspielern oder nur mit einem bezirzenden Lächeln kleine süße Schweinereien verteilen - man wird sich an die Blaumeiers erinnern. Wer einmal durch ein Spalier von schrillen und anrührenden Masken spazierte oder den Chor Don Bleu mit seiner Lobpreisung der blonden Inge vom Use Akschen-Grill hörte - diese Szenen prägen sich ein. Die Blaumeier sind Bremens Botschafter mit nachhaltiger Wirkung, keinen Formschwankungen wie Werder unterlegen und nicht wie die Stadt mit dem Makel der chronisch leeren Kassen behaftet. Kurzum: Das Blaumeier Atelier erhält in diesem Jahr aus gutem Grund den Stadtmusikantenpreis.

Die Auszeichnung geht auf Vorschlag von Bürgermeister Jens Böhrnsen, einem erklärten Blaumeier-Fan, an eine Institution von einigen hundert "RaucherInnen und NichtraucherInnen, anerkannt und unerkannt Verrückten, AnwältInnen und NichtanwältInnen, Frauen und Nichtfrauen" (Selbstbeschreibung). Hinter dieser ungewöhnlichen Darstellung verbirgt sich die Absicht, ja keinen Blaumeier namentlich herauszuheben.

Das war in der 25-jährigen Geschichte noch nie anders. Hier leistet jeder angestellte Mitarbeiter, jeder regelmäßige Besucher der Ateliers, jede Sängerin und jede Malerin, der Chorleiter und die Regisseurin, die Köchin und die Geldbeschafferin etwas Normales und zugleich etwas Besonderes.

Normal-besondere Vorbilder

Normal, besonders - ist das kein Widerspruch? Im Selbstverständnis der Blaumeier keineswegs, hier ist jeder Mensch, ob behindert oder nicht, etwas Besonderes. Und es ist völlig normal, dass sicher jeder Mitarbeiter und Besucher mit ganz eigenen Fähigkeiten in dem bundesweit so einmaligen Kulturprojekt engagiert. Wenn in den Schulen jetzt das hohe Lied der Inklusion gesungen wird, im Blaumeier Atelier ist diese Idee der Kooperation von behinderten und nichtbehinderten Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten seit 25 Jahren alltägliche Praxis.

Aus gutem Grund, denn am Anfang stand die Idee, den als "unheilbar" eingestuften Patienten der Anstalt Kloster Blankenburg eine menschen- und lebenswürdige Alternative zu den extrem entmündigenden Verhältnissen in der geschlossenen Psychiatrie zu bieten. Die Initiatoren des Blaumeier Ateliers haben von Beginn an eines vermieden, nämlich die Definition ihrer Angebote als Kunst- und Beschäftigungstherapie. Das hätte in der

Konsequenz zwar eine bessere wirtschaftliche Absicherung aller Aktivitäten als Teil des ambulanten psychiatrischen Versorgungsnetzes bedeutet. Damit wäre aber auch die Kategorie "Krankheit" zum Maßstab aller Aktivitäten geworden. Das ist aber für alle Blaumeier undenkbar, sie setzen auf Kunst und Kreativität und nehmen dafür in Kauf, dass sie sich die notwendigen finanziellen Mittel zur Sicherung Jahr für Jahr "erbetteln" müssen.

Das ist bei einem Jahresetat im höheren sechsstelligen Bereich kein Zuckerschlecken. 30 Prozent der Kosten decken öffentliche Zuwendungen, 70 Prozent müssen jedoch von Institutionen wie der Aktion Mensch, von Stiftungen, von den 300 Fördermitgliedern und von einigen Firmen-Sponsoren eingeworben werden, um Gehälter, Honorare, Mieten und andere Sachausgaben bezahlen zu können.

Das Einwerben von Spenden ist umso leichter, je überzeugender und attraktiver die kreative Arbeit der Blaumeiers, die stetige Balance von normalen und besonderen Produktionen ist. Das in Walle in der Travemünder Straße ansässige Atelier hat fulminante Theateraufführungen, bezaubernde Maskenspektakel, anrührende und mitreißende Konzerte und beeindruckende Ausstellungen erzeugt, hat Menschen in Bremen, auf deutschen und europäischen Festivals überrascht.

Die Blaumeier agierten in Kinofilmen, waren und sind auf Tagungen von Moskau bis Brüssel gesuchte Referenten, wenn es um die Kooperation von behinderten und nichtbehinderten Menschen geht. Und manche etablierte Kultureinrichtungen schmückt sich gern (und erfolgreich) mit dem Etikett "Partner des Blaumeier Ateliers". Selbst die Politik hat die Blaumeiers als herausragende Botschafter der Bremer Kulturszene entdeckt - die Auftritte beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit 2010 werden den Teilnehmern nachdrücklich in Erinnerung bleiben.

Bernd Neumann, Staatsminister für Kultur und Medien im Bundeskanzleramt, hat seine Bewunderung einmal so ausgedrückt: "Sie sind so beispielhaft, weil sie zutiefst die Überzeugung von der Freiheit der Kunst verdeutlichen, alle Wege gehen zu dürfen, keine Barrieren akzeptieren zu müssen und sich keiner fremden Definitionsmacht zu unterwerfen".

Bei so viel Bewunderung war es keine Überraschung, dass die Wahl von Jens Böhrnsen für den Stadtmusikantenpreis auf die Blaumeier fiel. Für ihn sind dessen Akteure normal-besondere Vorbilder. Der Bürgermeister kann sicher sein, dass die Blaumeier die Festveranstaltung in irgendeiner Form für einen ungewöhnlichen Auftritt nutzen werden. Auch wenn im Atelier bewusst auf das Herausheben einzelner Persönlichkeiten verzichtet wird - die Zahl der "Rampensäue", die den Beifall des Publikums hemmungslos und aus vollstem Herzen genießen, ist nicht eben klein.

Der Stadtmusikantenpreis wird am Sonnabend, 20. August, um 19 Uhr im Theater am Goetheplatz vergeben. Die Karten für die Gala kosten 99 Euro (mit Menü) und können beim Theater per Mail unter der Adresse iktb@theaterbremen.de reserviert werden.

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