Wie der Stadtteil beim spektakulären „Auswärtsspiel“ des Theaters Bremen zur Festivalbühne wird

Blumenthal ist Fleurovalley

Bremen. Es ist eine Produktion der Superlative: An diesem und am kommenden Wochenende bespielt das Theater Bremen den Stadtteil Blumenthal. Geboten werden zauberhaft inszenierte Stadtrundgänge und realitätsnah angesiedelte Theaterdarbietungen, Lieder und Lesungen, Tanzvorführungen und Ausstellungen, Filme und Diskussionen, Kochkultur und Ringelpiez.
05.06.2016, 00:00
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Blumenthal ist Fleurovalley

Junge Akteure und florale Motive: In einem Zelt auf dem Blumenthaler Markplatz zeigen Nachwuchsschauspieler, was Besuchern blüht.

Jörg Landsberg, Theater Bremen / Jörg Landsberg

Bremen. Es ist eine Produktion der Superlative: An diesem und am kommenden Wochenende bespielt das Theater Bremen den Stadtteil Blumenthal. Geboten werden zauberhaft inszenierte Stadtrundgänge und realitätsnah angesiedelte Theaterdarbietungen, Lieder und Lesungen, Tanzvorführungen und Ausstellungen, Filme und Diskussionen, Kochkultur und Ringelpiez. Mehr als 200 Menschen aus allen Gewerken und Sparten des Hauses wirken mit, zudem 35 findige städtische Partner – vom City 46 bis zur Zwischenzeitzentrale. Sozialutopische Zielsetzung des aufwendigen wie gelungenen Spektakels: den augenfälligen Leerstand im ehemals betriebsamen Zentrum des Ortsteils mit Leben, Kreativität, Visionen zu füllen. Eine Chronologie des Eröffnungstages (wegen etlicher Parallelveranstaltungen notgedrungen lückenhaft).

14 Uhr: Landrat-Christians-Straße, vormaliges Ortsamt Blumenthal. Vor dem großen Andrang Inspektion eines alten Hauses mit wechselvoller Geschichte und vielfältiger Verwendbarkeit. Im Verbund mit Theater­machern haben regionale Künstler die ehemaligen Büros im Parterre zu Märkten der Möglichkeiten umgewidmet. Ein Raum ist stuhlstrotzende Liegewiese geworden, andere Zimmer sind Café, Ortsteil-Quiz-Forum, Wunsch-Zentrum; wiederum andere zeigen anhand von Bildern und anderen Exponaten Höhe- und Tiefpunkte der Stadtteilhistorie. Von guten Zeiten, schlechten Zeiten kündet besonders eindringlich der Keller des Gebäudes: Am Beginn des labyrinthisch anmutenden Areals, in dem es dezent modrig riecht (dafür aber schön kühl ist), steht ein Tisch mit dreierlei Proben jenes Stoffes, aus dem einst Blumenthals prosperierende Träume waren: Wolle. In den verwinkelten Kellerräumen – darunter ­extrem enge, fensterlose Gewahrsamszellen, in die kaum mehr als eine Pritsche passt – erzählen stimmungsvolle Fotoprojektionen von der Hoch-Zeit der Bremer Woll-Kämmerei, vormals ein Unternehmen mit Weltgeltung, nach ihrem Untergang verantwortlich für einen infrastrukturellen Kahlschlag, der seinesgleichen selbst in Bremen sucht, das – Berlin gleich – bekanntlich arm, aber sexy ist. Festivalleiterin Natalie Driemeyer, die mit ihrem Team seit Ostern die Revitalisierung des Ortsteils betreibt, weist mit ehrfurchtsvoll gesenkter Stimme auf den Waffenschrank der Blumenthaler Ordnungshüter im Souterrain des Ex-Ortsamtes hin. Er ist erwartungsgemäß leer. Und gewiss der einzige Ort, der im Zuge des löblichen Projekts nicht wiederbelebt werden soll. Gewalt ist nichts, was im erträumten Blumenthal Platz haben sollte. Der Schreckensherrschaft des Faktischen zum Trotz.

15 Uhr: Mühlenstraße, Mix-it (Eigenwerbung: „Die gemütliche Kneipe zum Wohlfühlen“). Ein kurioser Kunstdschungel aus Tarnnetzen und Wildtiernachbildungen. Links vom Eingang ein Daddelautomat, rechts ein Gemeinschaftssparschrank, mittendrin Thekenherrin und Tierfreundin Simone. Sinnliche Mix-it-Mixtur: Schaler Biergeruch, etwas Rauch, Gesprächsfetzen und „Stairway to heaven“ erfüllen den Raum. Über dem Tresen wirbt ein von Deutschland-Wimpeln flankiertes Plakat für die Spezialität des Hauses, einen Likör namens Ratten-Killer. Die meisten Theatertouristen lassen es zunächst – der Schwüle wegen – bei einem Softdrink bewenden. Am Tresen tummelt sich sozusagen menschliches Inventar: Stammgäste. Ihnen gegenüber lümmelt Schauspieler Alexander Swoboda. Im Ballonseidenanzug, vor sich ein Alster. Später noch eines. Gegen Ende seines 38-minütigen Monologs noch eines. Vandam (wie Jean-Claude Van Damme) heißt die Figur, die er gibt. Ein Maulheld mit viel Aggressionspotenzial. Ein Sprücheklopfer, wie er im Buche steht: Jaroslav Rudiš’ Roman „Nationalstraße“ ist die Vorlage für Swobodas geharnischtes Solo, integraler Bestandteil einer Inszenierung, die im Februar 2017 Premiere am Kleinen Haus hat (Regie: Theresa Welge). Es geht in diesem beeindruckenden Vorgeschmack um Frontverläufe eines inneren Krieges, um das gewaltförmige Verhältnis Vandams zu Frauen, zu Flüchtlingen, zu „Nudeltütensuppenscheiße“. Zudem gibt es rustikale Ressentiments (Sport, Fernsehen, Intimrasur). Swoboda, der zusehends in einen suggestiven Dialog mit dem Publikum tritt, gestaltet seinen Part in dieser Dittsche-für-Hartgesottene-Show bravourös: Er beißt in Glas, er rülpst, er ist zugleich penetrant und charmant. Und er versteht es auf raffinierte Weise, das in Kneipen übliche Lamento über die Fährnisse des ach so unbarmherzigen Lebens vorzuführen, ohne Existenzentwürfe zu denunzieren. Am Ende der beeindruckenden Entrüstungsrede öffnet Alexander, der Gernegroß, seinen Trainingsanzug. Zum Vorschein kommt die Rüstung eines Menschen, der sich für alle Fälle gewappnet hat.

16 Uhr: Zurück im Ex-Ortsamt. Offizielle Eröffnung ohne erkrankte Kulturstaatsrätin. Intendant Michael Börgerding, der die Strecke nach Blumenthal geradelt ist (dem Vernehmen nach in 75 Minuten), betont ebenso Vorlauf, Chancen und Potenzial dieses Großprojekts wie die engagierte Festivalleiterin Natalie Driemeyer. Ortsamtsleiter Peter Nowack dankt den Mitwirkenden im Blick auf das aufgerüschte Ortsamt wie auch auf den durch Umnutzung aufgehübschten Ortskern für die vielen bunten Mitbringsel und Einsprengsel für Blumenthal. Seine Rede kündet vom Wunsch nach Nachhaltigkeit. In der Tat ist dies das an diesem Tag wohl meistgeäußerte Begehren: Möge der Veranstaltungsreigen und die durch ihn gestiftete Gemeinschaft nachhallen. Mögen die hehren Texte, die an diesem Tag zwischen Mühlen- und Kapitän-Dallmann-Straße erklingen, Echo-Effekte erfahren.

16.20 Uhr: Zweierlei inszenierte Stadtteilspaziergänge gibt es, und idealerweise absolviert man beide (dann freilich an unterschiedlichen Tagen). Während Felix Reisel für die Jungen Akteure unter dem launigen Leitwort Fleurovalley ein kollektives Flanierstück zu bemerkenswerten Menschen und Schauplätzen ins Werk gesetzt hat, werden bei den sogenannten Bloomtag-Gängen, die Martin Thamm ausgeheckt hat, Zweierteams in Marsch gesetzt, um in Schnitzeljagd-Manier einen kulturdrallen Parcous durch das Ortszentrum zu absolvieren. Wer wie der Reporter einen theateraffinen Kompagnon seines Jahrgangs zur Seite gestellt bekommt, kann von Glück sagen: Guido Gallmann, seit anderthalb Jahrzehnten fest am hiesigen Theater engagiert, hat schon an Johann Kresniks apokalyptischer Bunker-Valentin-Bespielung „Die letzten Tage der Menschheit“ (1999-2005) mitge-
wirkt. Da dürften ihn Begegnungen mit ­real existierenden Einheimischen kaum verstören. Los geht es, der Schnitzeljagd-Anweisung folgend, mit einem schweißtreibenden Aufstieg von immerhin 83 Stufen. Ziel: die Kuppel des Wasserturmes, Kleinod des Backsteinexpressionismus. Tolle Akustik dort oben! Unter einfühlsamer Anleitung einer Gitarristin und Musiktherapeutin singen die Gäste integrative Lieder aus Afrika, Hawaii, Neuseeland. Hernach Stippvisite im Haus von Yvonne und Christian, die vor einem halben Jahr mit Söhnechen Theo aus der Neustadt nach Blumenthal gezogen sind. Sie haben so manches Klischee über ihre neue Heimat revidiert. Und hoffen darauf, dass die neue Bel(i)ebtheit des Stadtteils gekommen ist, um zu bleiben. Eine anrührende Darbietung bei der nächsten Station, der Bücherstube. Dort liest, drapiert auf einem Sessel im Schummerlicht, der elfjährige Erik aus seinem just entstehenden Fantasy-Roman. Später machen Gudio Gallmann und sein Mitläufer noch die Bekanntschaft von Kasım, einem Bewohner der virtuellen Welt, und Michael, der handgemachte ­Musik liebt. Aber das ist noch so eine ­Geschichte, die den Rahmen sprengen ­würde.

18.20 Uhr: Verschnaufpause am Marktplatz. Leckeren Eintopf gibt es. Wer über die Interimswährung Blumenthaler verfügt, isst besonders authentisch und genussvoll.

19.30 Uhr: Ex-Verwaltungsgebäude der Woll-Kämmerei. Gegeben wird an diesem Abend „Istanbul“, ein Sezen-Aksu-Liederabend. An diesem Ort ein emotional zusätzlich aufgeladenes Ereignis.

22 Uhr: Musikalischer Kehraus auf dem Marktplatz. Die Helden der neuen Nachbarschaftlichkeit haben den Premierentag mit Bravour bestanden. Bis in die Puppen feiern dürfen sie aber nicht. Wegen der Nachbarn.

Auswärtsspiel: Blumenthal: Am 5. sowie vom 10. bis 12. Juni. Programm unter www.theaterbremen.de. Karten gibt es im Festivalzentrum im Ortsamt.
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