Vorletzte „Tatort“-Episode aus Bremen

Blut ist ein ganz besonderer Saft

Mit einem schockierenden Mord müssen sich an diesem Sonntag Inga Lürsen und Nils Stedefreund in der Episode „Blut“ befassen (ARD, 20.15 Uhr). Die Tote weist Spuren auf, die Vampirismus nahelegen.
26.10.2018, 13:44
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Blut ist ein ganz besonderer Saft
Von Hendrik Werner
Blut ist ein ganz besonderer Saft

Nein, der Hals des Opfers bietet keinen schönen Anblick: Inga Lürsen und Nils Stedefreund am Tatort.

Christine Schröder/dpa

Rechtzeitig zu Halloween lehrt die jüngste „Tatort“-Folge aus Bremen empfindsame Zuschauer das Fürchten. „Blut“ lautet der prosaische Titel der aktuellen Folge der Kriminalfilmreihe an diesem Sonntag um 20.15 Uhr, und mit diesem laut Goethes „Faust“ ganz besonderen Saft geizt die kleinste Anstalt des ARD-Verbunds wahrlich nicht. Wie auch? Schließlich geht es im vorletzten Fall für das Ermittlergespann Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) mit dem prosaischen Titel um Vampirismus.

Für Menschen mit dünnem Nervenkostüm, die kein Blut sehen können, ist das nichts. Umso weniger, als sich der von dem 36-jährigen Philip Koch geschriebene und inszenierte Thriller in ästhetischer und überwältigungsdramaturgischer Hinsicht reichlich beim Horrorfilm-Genre bedient. Und doch hat das Werk mehr zu bieten als die handelsüblichen Schock-Elemente. Dies deshalb, weil hinter dem vordergründigen Verstörungskonzept ein Mordmotiv durchschimmert, das durchaus von dieser Welt ist: ein Familiendrama um Vater, Mutter, Kind, das dem vermeintlich unstillbaren Blutdurst der Täterin eine soziale Komponente zugesellt, die unwahrscheinlich sein mag und doch Realitätsnähe beanspruchen darf. So oder so dürfte dieser Bremer „Tatort“ die Fernsehnation spalten. Plakativ, werden manche monieren. Brutal, werden andere kritteln. Doch wer sich auf die Binnenfiktion einlässt, wird mit einem überraschend stimmigen, ja passagenweise herausragenden Krimi belohnt.

Schmatzendes Saugen

Und das kommt so: Bei der Bremer Polizei geht in einer besonders düsteren Nacht ein Notruf ein, der minutenlang gellende Hilfeschreie beinhaltet, aber auch ein obskures Geräusch, das sich in einer späteren Tonanalyse als schmatzendes Saugen herausstellen wird, vielleicht auch als saugendes Schmatzen. Zunächst aber sind Lürsen und Stedefreund am Tatort, der in einem Park liegt, ratlos. Denn die Leiche der jungen Frau, die den Notruf abgesetzt hat und dann gemeuchelt wurde, weist am Hals massive Bissverletzungen auf. Erst eine kaum vernehmungsfähige Zeugin des unheimlichen Nocturnos liefert den Hinweis auf das schier Unglaubliche: eine als Joggerin getarnte Vampirin.

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Dass Blutsauger, die in der Überlieferungsgeschichte zumeist von edlem Geblüt sind, auch einen kleinbürgerlichen Hintergrund haben können, zeigt eine Szene, in der Alexander Swoboda, Schauspieler am Theater Bremen, als Paketbote auftritt, der in einem verkommen anmutenden Haus eine Sendung auszuliefern hat. In dem Haus leben Wolf Harding (Cornelius Obonya), ein älterer und kranker Mann, und seine Tochter Nora (Lilith Stangenberg). In dem Paket befindet sich – zumindest laut Etikett – jede Menge Rinderblut (in verbraucherfreundlichen Literflaschen). Sollte Nora, die der zwischen Farce und Tragödie mäandernde Film ziemlich rasch als Täterin mit Blutdurst preisgibt, an einem Substitutionsprogramm teilnehmen, oder handelt es sich um einen Etikettenschwindel?

Dank fabelhafter Rollenbesetzung nie albern

Zu dieser Fachfrage könnte gewiss die bizarrste Figur dieser „Tatort“-Folge Fachkundiges und Sachdienliches beitragen, aber der Auftritt eines Bremer Germanistikprofessors mit dem cineastisch sprechenden Namen Syberberg (den ausgerechnet ein Akteur namens Stephan Bissmeier verkörpert) gerät denkbar kurz. Syberberg, der von der Bissattacke gelesen hat – die Bremer Medien berichten mit gepflegtem Gruseln –, will Stedefreund nämlich nur sein Standardwerk über Vampirismus vorbeibringen. Der Kommissar liest sich fasziniert fest, und tut sich nach der Lektüre zusehends schwer, Realität und Phantasmagorie auseinanderzuhalten. Das verwundert nicht. Denn auch seinem Hals wird sich die Vampirin widmen.

Die Besetzung ihrer horrenden Rolle ist ein Glücksgriff. Der fabelhaften Schauspielerin Lilith Stangenberg ist es zu danken, dass dieser „Tatort“ trotz seiner fantastischen Komponenten selten bis nie ins Alberne abdriftet, sondern nur und immerhin ins Unappetitliche. Stangenberg, die dank des Nicolette-Krebitz-Kinofilms „Wild“ (2016), in dem sie in gewissermaßen wilder Ehe mit einem Wolf zusammenlebt, über einige Erfahrung auf dem schmalen Grat zwischen Zivilisation und Wildnis, Plausibilität und archaischem Mythos verfügt, spielt ihren komplexen Part mit einer körperlich überragenden Präsenz: als Mixtur aus sprödem Vamp, verletztem Kind und athletischer Catwoman.

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Wenn Philip Koch, der schon die überaus gelungene sozialkritische Bremer „Tatort“-Episode „Im toten Winkel“ (2018) verantwortete, die Leidensgeschichte hinter ihrem Drang nach Blut erzählt, wirkt die Motiv-Gemengelage der jungen Frau zwar weniger hanebüchen, sondern darf psychologische Plausibilität beanspruchen. Gleichwohl fragt sich, ob alle Zuschauer bis zu dieser Auflösung durchhalten. Denn schwere Kost ist die Geschichte allemal.

Umso mehr dürften sich Sympathisanten des scheidenden Bremer Teams wünschen, dass „Wo ist denn nur mein Schatz geblieben?“, der unwiderruflich letzte Fall des verdienten Duos, der im Frühjahr 2019 zur Ausstrahlung gelangt, einen würdigen Abgang einschließt. Zwar hat Oliver Mommsen in der aktuellen Folge einige gute Szenen. Sabine Postel aber dürfte vor allem dadurch in Erinnerung bleiben, dass sie ihrem frisch angeknabberten Kollegen mit einem situativ sehr komisch anmutenden Satz beispringt: „Stedefreund – kriegste Luft?“

Tatortschnack: Im interaktiven Live-Talk sind um 21.45 Uhr Philip Koch, Oliver Mommsen und der Historiker Thomas Bohn ansprechbar.

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