Auszeichnung der Stiftung Lesen

Bremen holt Titel als Vorlesehauptstadt 2015

Für ihr besonderes Konzept zum Vorlesetag im November ist die Stadt Bremen jetzt ausgezeichnet worden. Für die Veranstalter der Lohn jahrelanger Arbeit.
15.12.2015, 16:05
Lesedauer: 3 Min
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Bremen holt Titel als Vorlesehauptstadt 2015
Von Carolin Henkenberens
Bremen holt Titel als Vorlesehauptstadt 2015

Beim Vorlesetag im November hatte unter anderem Schauspieler Christian Bergmann Kinder mit Geschichten fürs Lesen begeistert.

Christina Kuhaupt

Für ihr besonderes Konzept zum Vorlesetag im November ist die Stadt Bremen jetzt ausgezeichnet worden. Für die Veranstalter der Lohn jahrelanger Arbeit.

Esel, Hund, Katze und Hahn: Die Bremer Stadtmusikanten sind nicht nur ein Erfolgsgarant für den Tourismus. Nein, sie bescheren auch einem Vorlesetag enorme Aufmerksamkeit – und somit der Idee, dass Lesen wichtig ist für Bildungschancen von Kindern. Und weil die Resonanz auf Bremens Vorlesetag so groß war, ist die Stadt nun von der Stiftung Lesen aus Mainz mit dem Titel „öffentlichkeitswirksamste Vorlesehauptstadt 2015“ ausgezeichnet worden. Ebenso ausgezeichnet wurden das sächsische Dresden und Selm in Nordrhein-Westfalen für den außergewöhnlichsten und den aktivsten Aktionstag.

Am 20. November war in vielen Bremer Flüchtlingsunterkünften, Schulen und an öffentlichen Orten vorgelesen worden. Im Fokus stand dabei das Märchen der Gebrüder Grimm „Die Bremer Stadtmusikanten“. Dieses werbe „wie kein zweites für Toleranz“, befand die Jury. Sie würdigte den Bremer Schwerpunkt, der in der Öffentlichkeit großen Anklang fand. „Ein toller Erfolg“, freut sich der Schirmherr der Aktion, Bürgermeister Carsten Sieling (SPD), über den Titel. „Ich danke allen, die dazu beigetragen und sichtbar gemacht haben, wie viel Lesebegeisterung in unserer Stadt steckt.“ Sieling hatte selbst ein Buch genommen und Grundschülern vorgelesen.

Mehr als 100 Ehrenamtliche taten es ihm gleich – ob auf dem Spielplatz, im Krankenhaus oder in der Schule. Bundesweit lasen mehr als 110 000 Personen vor. In Bremen organisierten der Verein Bremer Leselust, die Stadtbibliothek, die Verlage Schünemann und Temmen sowie der Unternehmer Patrick Strauß die Aktion.

Strauß freut sich über die Anerkennung: „Es war einfach toll, welche große Resonanz wir bekommen haben.“ Er war es auch, der die Idee hatte, Stadtmusikanten und Flüchtlinge in den Mittelpunkt zu rücken. Strauß hatte in der Zeitung gelesen, dass Freiwillige der Flüchtlingshilfe das Märchen übersetzen wollen und dafür Spenden sammeln. Das Geld sei nach dem Artikel im WESER-KURIER schnell zusammen gekommen, 8000 Exemplare seien an Neu-Bremer verteilt worden.

So entstand der Gedanke, in Flüchtlingsunterkünften vorlesen zu lassen. Patrick Strauß erinnert sich gern an diesen Tag. Als Umweltsenator Joachim Lohse (Grüne) in einer Einrichtung vorlas, sei die Atmosphäre ganz anders gewesen als bei sonstigen Politikerbesuchen in Flüchtlingsheimen, sagt er. Freundlich, fast intim. Lohse las auf Deutsch, ein Übersetzer fasste auf Arabisch zusammen. Spontan habe ein junger Mann plötzlich die gesamte Geschichte übersetzt, erzählt Strauß. Besonders im Gedächtnis blieb ihm auch die Lesung von Edith Schütt. Die 93 Jahre alte Dame habe es sich es trotz des schlechten Wetters nicht nehmen lassen, das Märchen unter freiem Himmel auf Englisch und Französisch vorzulesen.

Beim Vorlesetag am 20. November hat es in Bremen viele Programmpunkte gegeben.

Beim Vorlesetag am 20. November hat es in Bremen viele Programmpunkte gegeben.

Foto: Frank Thomas Koch

„Großartig, wir freuen uns sehr über die Auszeichnung“, sagt auch Ulrike Hövelmann vom Verein Bremer Leselust über den Titel „Lesehauptstadt“. Lesen beliebter zu machen, ist Hövelmann ein persönliches Anliegen. Als ehemalige bildungspolitische Sprecherin der SPD-Bürgerschaftsfraktion hat sie im Jahr 2002 die Initiative Leselust gegründet. Seither lässt sie sich immer wieder etwas Neues einfallen, um Kinder und Jugendliche für das geschriebene Wort zu begeistern, vom Lese-Tipi bis zu Schauspielaktionen in Schulen. Die Bremer Stadtmusikanten als positive Imageträger seien eine sehr gute Wahl gewesen, um die Aktion so bekannt wie möglich zu machen. Sie weiß: „Hauptgrund für Bremens schlechtes Abschneiden beim PISA-Test war die schlechte Lesekompetenz“.

Dem pflichtet der stellvertretende Direktor der Bremer Stadtbibliothek bei. „Je früher Kinder an den Umgang mit Büchern herangeführt werden, desto spielerischer und leichter gestaltet sich für sie der Erwerb der Schriftsprache und der Ausbau des Wortschatzes“, sagt Christian Kuhlmann. Leseforschung habe gezeigt, dass schon Kleinkinder übers Vorlesen ans Lesen herangeführt werden müssten. Für Kuhlmann ist Vorlesen „ eines der schönsten Rituale der Welt – nicht nur für Kinder“.

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