Kritik zum Unheilig-Konzert

Bremen sagt „Danke“ zum Abschied

Restlose Begeisterung in der ÖVB-Arena: Der Graf schafft es beim letzten Konzert in Bremen eine besondere Stimmung zu schaffen. Vom ersten Moment an sind Sänger und Publikum eng miteinander verbunden.
31.05.2015, 14:00
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Von Katharina Hirsch
Bremen sagt „Danke“ zum Abschied

Lieferten ein ein herzerwärmendes Gipfelstürmer-Konzert ab, das als Abschiedskonzert der Gruppe gehandelt wird. Der Graf und die Band Unheilig gastierten in der ausverkauften ÖVB-Arena.

Roland Scheitz

Er wirkt wirklich sympathisch, der Graf, der einst schwarze Fingernägel und Vampiraugen-Kontaktlinsen zum Markenzeichen hatte. Heutzutage trägt er ein weißes Oberhemd mit schwarzer Krawatte zur schwarzen Anzughose.

Es macht ihn nicht nur sympathisch, wenn er vor lauter Ergriffenheit durch den Anblick von 13 000 Menschen in der ausverkauften ÖVB-Arena die Hände vor‘s Gesicht schlägt. Oder mit „Ihr seid der Wahnsinn!“ auf genauso viele Stimmen schon bei seinem zweiten Titel „Wir sind alle wie eins“ reagiert. Er ist es auch, wenn er nach tausendfacher Gesangsunterstützung auf die Knie geht, oder er freundlich mit Kindern am Rand der Bühne plaudert. Es ist ein herzerwärmendes Gipfelstürmer-Konzert, das als Abschiedskonzert der Gruppe gehandelt wird, obwohl bis zum geplanten Ende noch ein wenig Zeit vergeht. Der Schlussakkord ist erst für September nächsten Jahres in Köln geplant.

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Vom ersten Moment an sind Sänger und Publikum eng miteinander verbunden. Dabei sind es sind nicht nur viele Menschen, die mit der Band Unheilig schon mal den Bremer Abschied feiern. Das Publikum ist verblüffend durchwachsen. Neben einer Altersstruktur von mindestens sechs bis 66 Jahren sind auch verschiedenste Lebensstile zu entdecken: Da gibt es schwarze Gothic-Mäntel und schwarz umrandete Augen, Altrocker stehen in der Nähe von Karrierefrauen in Freizeitgarderobe, biedere Hausfrauen werden von jüngeren Männern im Pullunder-Chic begleitet. Unheilig trifft anscheinend einen Nerv bei Menschen aus allen Schichten.

Leon gehört ganz sicher zu den jüngsten Fans an diesem Abend. Dass Leon sieben ist, stellt der freundliche Graf in einem kleinen Zwiegespräch mit dem Publikum zu seiner Linken am Rand der Bühne nach „Alles hat seine Zeit“ fest. Fürsorglich erkundigt sich der Sänger auch nach dem nötigen Ohrenschutz. Das passt ins Bild, will er doch seine Karriere beenden, um sich mehr der Familie zu widmen. Dann geht es weiter mit der für seine Mutter geschriebenen Ballade „Unter deiner Flagge“, die in dieser Atmosphäre für Gänsehaut sorgt.

Dabei können die Unheiligen auch anders. Das haben sie schon mit dem ersten Stück „Hinunter bis auf eins“ bewiesen, das mit ganz viel Bass nicht nur in des Grafen Stimme stark an Rammstein erinnert. Auch die erste Zugabe fällt aus dem insgesamt balladesken Rahmen des Abends. Statt der kleinen Dialoge zwischen Sänger und Publikum mimt der Unheilig-Frontmann bei „Maschine“ mit schweißüberströmtem Gesicht den Vorturner für mehrere tausend Arme-Pumper.

All das war nach den beiden Vorgruppen Bollmer und A life Dividend nicht gerade zu erwarten gewesen. Die Berliner und die Oberbayern hatten alles in allem gut hörbare, rockige Musik abgeliefert. Doch darauf hatte das Publikum lediglich freundlich, eher neutral, um nicht zu sagen träge reagiert. Fast war die Stimmung schließlich sogar gekippt, als erst Marlene Dietrichs „Sag mir, wo die Blumen stehen“ eingespielt wurde, und dann auch noch „Für Dich soll’s rote Rosen regnen“ von der Knef in voller Länge durch die Halle wehte.

Mit Pfiffen und zunehmender Unruhe hatten die Besucher ihrer Ungeduld Luft gemacht. Doch wer weiß, vielleicht war genau das sogar Absicht. Mit einem Countdown, wildem Lichterspektakel und dem lauten Pfeifen einer großen Lok mitten auf der Bühne – wohl dem Sinnbild für die bevorstehende Reise auf den Gipfel – ziehen der Graf und seine Unheiligen ihre Mitreisenden direkt hinein in den Sog nach oben, an dessen Konzertspitze die Erkenntnis steht: Wir sind „Geboren um zu leben“.

Am Ende, nach Stücken wie „Dem Himmel so nah“, dem auf dem Flügel intonierten „Zwischen Licht und Schatten“, oder dem gemeinsam gesungenen „Große Freiheit“, bleibt als letzte Zugabe nur eins zu sagen: Für den Aachener und seine Bandkollegen ist es „Zeit zu gehen“.

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