Interview mit Flo Mega Bremens Soul kommt aus dem Blockland

Bremen. Heute vertritt Flo Mega beim Bundesvision Song Contest mit seinem Song „Zurück“ das Land Bremen. Vorab erzählt er, warum er sich im Blockland zuhause fühlt, und warum er für den Wettbewerb ausgerechnet ein langsames Stück ausgewählt hat.
28.09.2011, 17:00
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Von Linda Bussmann

Bremen. Er ist der Typ, der nicht auf Nummer sicher geht – zumindest dann, wenn es um einen großen Wettstreit wie den Bundesvision Song Contest geht. Flo Mega vertritt mit seinem Song „Zurück“ das Land Bremen. Linda Bussmann sprach mit dem Musiker, der am Freitag zudem sein Debütalbum veröffentlichen wird.

Am Donnerstag findet der Bundesvision Song Contest statt – welche Chancen rechnen Sie sich aus?

Flo Mega:Ich weiß nicht, wie ich abschneide. Das ganze Ding ist ja auch ein wenig inszeniert. Weil auch Leute mitmachen, die eigentlich keinen Contest mehr nötig haben. Ich glaube, dass ich trotzdem bessere Karten habe als einige andere Bremer Teilnehmer. Außer Revolverheld, das hat ja damals funktioniert. Ich lasse es auf mich zukommen.

Sie präsentieren mit „Zurück“ einen Song, den Sie selbst als „höchst emotional“ bezeichnen. Warum das Stück?

Ich habe es in einer Viertelstunde geschrieben. Ich war in Berlin, meine Ex-Freundin lebt dort. Ich habe sie ein Jahr lang nicht gesehen. Ich war mit voller Seele und nach abgeschlossener Misere dort und habe im Studio eben die Tatsache festgehalten, dass ich echt zurück bin – wie auch immer sich das erste Treffen nach einem Jahr entwickelt. Der Song hat nachvollziehbare Bilder, und es ist für jeden verständlich, worum es da geht. Es ist auch ein langsames Stück. Ich war schon immer so drauf, dass ich – gerade bei so wichtigen Entscheidungen wie diesem Contest, bei dem man eigentlich voll auf die Mütze gehen müsste – eben nicht auf Nummer sicher gehe.

Um herauszustechen aus der Masse?

Ja, genau. Wie auch immer – ob negativ oder positiv. Ob als Gewinner oder Verlierer – egal!

Durften Sie das Lied für den Contest selbst auswählen oder übernehmen Stefan Raab und sein Team die Entscheidung?

Die wählen zwar was aus, aber der Song muss es letztlich nicht werden. Man kann immer einschreiten.

Mussten Sie einschreiten?

Ich war ziemlich zufrieden mit der Wahl. Wir sind dem Entschluss gefolgt – es war eine plausible Lösung.

Einen Tag nach dem Contest erscheint Ihr Album „Die wirklich wahren Dinge“. Wovon handeln die anderen Songs darauf?

Eigentlich von der Übergangsphase Anfang 20 bis 30, die letzten Züge der großen Lernphase. Ab 26 kommt der Drang hoch, Sachen anzupacken und zu vollenden. Mit über 30 kommt dann die große Erkenntnis und der Nachholbedarf. Das Album beschreibt einfach meine wilde Zeit. Es sind Momentaufnahmen, Notizen und Aphorismen. Es geht auch um das Wirken Meister Proppers (Viertel-Aktivist und Poetry-Slam-Moderator Günther Kahrs, verstorben 2009, Anm. d. Red.), vermischt mit dem Nicht-Weiterwissen meines Lebens. „Wer nicht vom Weg abkommt, bleibt auf der Strecke“ – bei Günther Kahrs stand ein Schild mit dem Satz auf der Bühne. Er hat diesen Satz in mein Leben gebracht und ich habe ihn und den Satz nicht vergessen.

Was sind für Sie „Die wirklich wahren Dinge“?

Der Song bietet die größte Interpretationsfläche. Alles ist alles, nichts ist nichts. Für mich ist das Blockland, wo ich wohne, eines der wirklich wahren Dinge. Wenn ich den Song singe, bin ich gedanklich dort. Ich habe alle Stadtteile durch – auch mit emotionalen Erinnerungen an jegliche Ecken. Letztendlich ist das Blockland aber meine größte Energiequelle geworden. Es ist unglaublich schön. Norddeutschland fängt unmittelbar da an.

Ich hätte Sie eher im Viertel beheimatet ...

Ich bin gern im Viertel, habe extrem harte Zeiten auf verschiedenen Kiezen erlebt. Ich muss ein bisschen aufpassen, dass ich nicht mehr im Kiez lebe. Ich lebe gern in Ruhe, besuche aber auch gern das Viertel. Ich bin Teil der Kultur, die Kultur dort hat mich sehr geprägt. Alles, was ich lernen musste, hab ich im Viertel gelernt.

Warum haben Sie sich für das Debütalbum so lange Zeit gelassen?

Das erste Ding – und das wird dir jeder sagen – dauert einfach immer lange. Es gibt so viele Sachen, auf die man sich dabei einstellen muss – das sind Quantensprünge. Was die vermeintlichen Superstars in ihren Castingshows erleben, das macht man eigentlich in einer Zeit durch, die ich jetzt durchgemacht habe. Man muss sich an die Regeln in diesem Geschäft gewöhnen, die Toleranzgrenze sehr tief- oder sehr hochschrauben.

Sie waren früher Teil der Bremer Hip-Hop-Szene und sind jetzt Richtung Soul gewechselt ...

Ja, oder eher gesagt: Ich mach jetzt Popmusik. Auf eine retrohafte Art, mit Einflüssen der Soulmusik und das Ganze an den Zeitgeist angepasst.

Das Debüt hat also so viel Zeit gebraucht, weil Sie erst den richtigen Stil für sich entdecken mussten?

Ja. Ich hatte im Hip-Hop das große Bedürfnis, einfach zu schreiben, wenig zu schreiben. Um Raum zu lassen, nicht alles vorzukauen. Diese Rap-Schreibweise geht so schnell nicht weg. Die Flausen in meinem Kopf erst einmal so zu ordnen, dass daraus wirklich nachvollziehbare Sachen werden, das dauert. So ein Glücksgriff wie der Song „Die wirklich wahren Dinge“, der lange vorher fertig war, und „Philosoph der Stadt“ sind meine ersten Sachen in der Richtung gewesen. Ich brauchte sehr viel Zeit, um eine andere Denke zu bekommen.

Heißt das, dass Sie Ihre Denke jetzt besser ausdrücken können?

Ich bin nicht der Typ, der zum Hip-Hop gehört. Ich war in den 90er Jahren Teil der Szene, da herrschte eine Mitmachkultur. Es ging ums Integrieren. Da gab es gesunde Werte – nicht in Bezug auf ungenießbares, konservatives Denken, sondern für ein gutes Miteinander. Im neuen Hip-Hop sind zu viele neue, strenge Konventionen entstanden, die mich einfach überfordert haben. Die ganzen Subkulturen haben ihre Diamanten und lichten Momente, aber es gibt auch ganz viel Schrott und Verwirrung. Das ist wirklich traurig.

Und die Band The Ruffcats, die Sie begleitet, hat Sie zum jetzigen Stil geführt?

Ja. Ich hatte vorher schon die Intention, den Stil auszuleben. 2004/2005 habe ich mit Soultunes auf Englisch angefangen – und die haben die Ruffcats irgendwann gehört. Dann habe ich sie später ins Schnürschuh-Theater eingeladen. Dort haben wir unsere ersten Sessions gemacht und angefangen, zu produzieren. Seit ungefähr 2007 arbeite ich mit ihnen.

Ihr Bruder Sebastian macht in Bremen unter dem Namen Sebó Musik. Auch er bewegt sich vom Hip-Hop mehr Richtung Soul ...

Ja. Mein Bruder hat mit Anne Schmeckies aus Bremerhaven an Südafrika-Projekten mit Hip-Hoppern und Sängern von dort gearbeitet. Die haben auch zwei, drei Sampler herausgebracht, auf denen auch Clueso drauf ist. Seine Musik wurde vielleicht auch durch die Freundschaft zu Clueso gefärbt, war aber schon vorher individuell und vielversprechend in dem Genre, das er bedient: guter, deutscher Liedermacher-Soul. Er lebt derzeit in Hamburg und ist Background-Sänger von Nico Suave – ein guter Freund von uns.

Unterstützen Sie sich gegenseitig?

Wir haben die ganzen Jahren nur so für uns gearbeitet. Wir sind sehr verschieden. Aber jetzt ist er unser Tour-Support – das ist unsere erste Seilschaft.

Ihre aktuelle Tour startet im Tower. Wird es ein Heimspiel für Sie sein?

Natürlich ist es ein Heimspiel. Ich bin noch nie im Tower aufgetreten. Ich bin auch selten in den Tower gegangen – kann man an ein oder zwei Händen abzählen. Mein Heimathafen ist das Lagerhaus. Aber ich freue mich auf den Tower. Ich hoffe, es wird voll.

Flo Mega& The Ruffcats treten am Donnerstag beim Bundesvision Song Contest (20.15 Uhr, ProSieben) an. Am Mittwoch, 19. Oktober, sind sie ab 20 Uhr im Tower zu Gast. Support leistet dann Flo MegasBruder Sebó.

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