Literaturpreis der Günter Grass Stiftung Bremer "Albatros" für David Grossman aus Israel

Bremen. Mit dem Albatros der Günter Grass Stiftung Bremen ist Sonntagabend im Rathaus der israelische Schriftsteller David Grossman ausgezeichnet worden. Dem 56-Jährigen wurde der Preis für seinen Roman 'Eine Frau flieht vor einer Nachricht' (Hanser-Verlag) zuerkannt.
25.04.2010, 17:30
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Bremer
Von Hendrik Werner

Bremen. Mit dem Albatros der Günter Grass Stiftung Bremen ist gestern Abend im Rathaus der israelische Schriftsteller David Grossman ausgezeichnet worden. Dem 56-Jährigen wurde der Preis für seinen 2009 in Deutschland veröffentlichten Roman 'Eine Frau flieht vor einer Nachricht' (Hanser-Verlag) zuerkannt. Von der mit insgesamt 40000 Euro dotierten Ehrung gehen 15000 Euro an Anne Birkenhauer, die das berührende Buch aus dem Hebräischen übersetzt hat.

Dass diese vom Nahost-Konflikt und seinem Furchtpotenzial erzählende Prosa so sehr bewegt, liegt auch an einer tragischen persönlichen Koinzidenz. Im Gespräch mit dieser Zeitung führt der Autor aus, wie sich die literarische Fiktion und die Kriegsrealität in denkbar bitterer Weise vermengten: Im Jahr 2003 hatte Grossman besagten Roman begonnen, der die Geschichte von Ora erzählt, deren Sohn sich freiwillig zum Militäreinsatz im Westjordanland gemeldet hat - und seine Mutter mit unguten Ahnungen zurücklässt. Drei Jahre später, das Buch war noch nicht fertig, wurde Grossmans Sohn Uri im zweiten Libanonkrieg von einer Panzerabwehrrakete getötet - wenige Tage nach einem dramatischen Appell des Schriftstellers und seiner Kollegen Amos Oz und Abraham B. Jehoshua, die Kampfhandlungen zu beenden; nur wenige Stunden vor dem Waffenstillstand zwischen Israel und Libanon.

Nach der Trauerwoche nahm Grossman die Arbeit an jenem Roman wieder auf, der das Thema seines existenziellen Verlusts so frappierend vorweggenommen hatte. Große Begriffe wie Bewältigung, Trauerarbeit oder gar Schreibtherapie vermeidet er in diesem Zusammenhang. 'Weiterzumachen. Kreativ zu sein. Die Fantasie gegen den Tod aufzubieten. Darum ging es mir zuallererst', sagt er. 'Um die Möglichkeit, die Bedeutung jedes einzelnen Lebens festzuschreiben.'

Eine solche literarische Mission fällt naturgemäß nicht leicht in einem Land, in dem der Ausnahmezustand seit jeher der Normalfall ist. Diese Erfahrung musste der nahe Jerusalem lebende Autor bereits machen, als er in den achtziger Jahren als Journalist für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeitete. Kritik an der offiziellen Politik, zumal in Kriegs- und Friedensfragen, war unerwünscht, jeder Anflug von Ironie verpönt. 'Als man mich schließlich feuerte, war ich erleichtert. Denn erst als Schriftsteller hatte ich alle Freiheiten, die mir verwehrt worden waren, als ich noch Angestellter der offiziellen Stimme Israels war.' Grossman nutzte die neue Freiheit. Zunächst vor allem in Kinder- und Jugendbüchern wie 'Zickzackkind' (2000) und 'Wohin du mich führst' (2001). In diesem Genre schulte er seine Fertigkeit, eingängige politische Allegorien ohne überhöhten Moralinsäuregehalt zu schaffen.

Zugleich mischte sich der Friedensaktivist, der gegenwärtig neben Amos Oz als wichtigste literarische Stimme seines Landes gilt, wiederholt couragiert in die Realpolitik ein. 'Diesen Krieg kann keiner gewinnen' lautet der programmatische Titel eines Essaybandes, der 2003 für Aufsehen sorgte. Darin bezieht Grossmann, der Theaterwissenschaft und Philosophie studierte, engagiert Stellung zum israelisch-palästinensischen Konflikt. 'Was ich bei den streitenden Parteien beobachte, ist eine beunruhigende Zunahme von Fanatismus und Entfremdung', sagt er. 'Darum scheint mir ein Friedensschluss nicht ohne fremde Hilfe etwa durch die USA und Europa machbar.'

Wenn Anne Birkenhauer mit dem Autor über Krieg und Frieden oder auch nur über die ihr verborgene Konnotation eines Wortes sprechen will, hat sie es nicht weit: Gerade mal 20 Kilometer von Grossmans Haus wohnt die 1961 geborene Übersetzerin, die seit gut 20 Jahren in Israel lebt. Es ist ihre erste Zusammenarbeit. An Grossmans Prosa schätzt sie deren Andeutungsreichtum, die 'abgründigen Worte zwischen den Zeilen', schließlich die 'minimalistischen Dialoge, die so viel Unausgesprochenes bergen'.

Ihre staunenswerte Übersetzung des ausgezeichneten Romans ist ihrerseits preiswürdig, weil sie nach Auffassung der Jury 'Nuancen und Farbenreichtum' in einer bestechend 'souveränen Leistung' verbindet. Birkenhauer habe 'den Romangestalten jeweils eine eigene Sprache gegeben', heißt es in der Laudatio des Übersetzers Helmut Frielinghaus. Ihrer 'meisterhaften Übersetzung' könne dem Autor selbst dann folgen, wenn dieser grausame Geschehnisse nicht direkt erzähle und auch seine Figuren in ihrem Schmerz keine Worte finden könnten.

Als Laudator für David Grossman und seinen Familien- und Politikgeschichte virtuos verbindenden Roman um seelische Verheerungen in der Dauerkrisenregion Nahost konnte SPD-Fraktionsvorsitzender Frank-Walter Steinmeier gewonnen werden. Aus seiner Zeit als Außenminister, in der er an der Vermittlung eines Waffenstillstands zwischen Israel und Libanon beteiligt war, kennt er den preisgekrönten Autor - und auch dessen persönliche Leiderfahrung, die dem Roman 'Eine Frau flieht vor einer Nachricht' unauslöschlich eingeschrieben ist.

Noch immer rechnet es Grossman Frank-Walter Steinmeier hoch an, dass dieser ihm mit einem 'berührenden Brief kondoliert' habe. Und noch immer wissen beide, der Politiker und der Schriftsteller, dass auf ihrem jeweiligen Feld unendlich viel zu tun ist, damit eines utopischen Tages keine Frau und kein Mann mehr vor schlechten Nachrichten aus Kriegsgebieten in Verdrängung und Realitätsverleugnung fliehen muss. Es ist dieser engagierte Zusammenschluss, der die Preisverleihung zu einem Zeichen der Hoffnung macht.

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