Neue Ausstellung im Focke-Museum Bremer Geschichte von 1945 bis heute

Bremen. Eine Sonderausstellung im Focke-Museum zeigt zum ersten Mal die jüngere Stadtgeschichte des kleinsten Bundeslandes in sehr ausführlicher Weise. Unter dem Titel 'Bremen 1945 bis 2010 - Soviel Wandel war nie' gibt es Gegenstände, Videos und interaktive Grafiken zu sehen.
24.09.2010, 22:50
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Uwe Wichert

Bremen. Eine Sonderausstellung im Focke-Museum zeigt zum ersten Mal die jüngere Stadtgeschichte des kleinsten Bundeslandes in sehr ausführlicher Weise. Unter dem Titel 'Bremen 1945 bis 2010 - Soviel Wandel war nie' gibt es Gegenstände, Videos und interaktive Grafiken zu sehen.

Anderthalb Jahre dauerten die Vorbereitungen. Wir haben einen kleinen Rundgang gemacht. Es beginnt mit einem riesigen Foto, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geschossen. Schwarz-weiß, rund 15 Quadratmeter groß, die Trümmerlandschaft im Westen der Stadt, wo die Alliierten Wohnviertel und Industrieanlagen mit einem Bombenteppich dem Erdboden gleich machten. Ein furchtbares Bild, ein eindringliches Bild. Schutt und Asche einer Stadt, deren Ursprünge weit über 1000 Jahre in die Geschichte zurückreichen. Rund 60 Prozent der Gebäude waren damals zerstört, ein großer Teil der Bremer Kulturgeschichte für immer verloren.

Wie es die Bürger in den folgenden Jahrzehnten trotzdem schafften, aus den Trümmerfeldern der Nazi-Zeit eine prosperierende Stadt entstehen zu lassen, zeigt die Ausstellung in einem Rundgang durch die vergangenen 65 Jahre. Heinz-Gerd Hofschen führt uns vorab durch die Räume des Hauses, die in vier Epochen unterteilt sind. In die Zeit von ?45 bis ?51 - Nachkriegsphase, Entnazifizierung, Hunger und Wohnungsnot . In die Zeit von ?52 bis ?67 - Bremen wird reich, Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung, Borgward. In die Zeit von ?68 bis ?79 - die bewegten Jahre, politische Raufereien, Jukeboxen und die Pille. In die Zeit von ?80 bis heute, 2010 - Krisen, Bremer Vulkan, Universitätsgründung und Pokale von Werder.

Heinz-Gerd Hofschen hat das alles geplant, zusammengetragen und zu einem anschaulichen Rundgang durch die jüngere Vergangenheit geformt. 460 Exponate, erklärt der Historiker, ein Drittel geliehen, von Behörden und Archiven, Organisationen und Privatleuten. Das meiste stammt jedoch aus eigenen Archiven. 'Wir sammeln schon lange und systematisch die für die Stadtgeschichte wichtigen Gegenstände', sagt er. 'Da haben wir nun aus dem Vollen geschöpft.' Schnell läuft er von einer Stelle zur nächsten, zeigt auf Exponate, gestikuliert, erzählt zu fast allem eine kleine Anekdote, lacht und ist im nächsten Moment wieder ganz in sich gekehrt. Nachdenklich blickt er dann durch den langen Ausstellungsraum, in dem ein paar Mitarbeiter die letzten Schilder anbringen, hier und da noch etwas verrücken.

Die Uniform eines Massenmörders

Heinz-Gerd Hofschen hat eine begehbare Chronik geschaffen, oder besser, eine chronologische Auswahl. Plötzlich bleibt er vor einer Uniform stehen. 'Die haben uns die Kinder des Besitzers vor einiger Zeit vermacht', sagt er. 'Die wussten nichts darüber und dachten, die wäre bei uns gut aufgehoben.' Er stellte Nachforschungen an und fand heraus, dass der Träger ein hoher Nationalsozialist war, der in Norditalien für den Tod von 3000 Menschen verantwortlich gemacht wird. Nach dem Krieg lebte er in Bremen, ohne jemals belangt worden zu sein, und kam sogar in eine führende Position bei der Bereitschaftspolizei.

'Wenn man sich in diese Zeit zurückversetzt', sagt der Historiker, 'dann staunt man doch ganz schön, dass es in dieser Gesellschaft geschafft wurde, eine demokratische Ordnung aufzubauen, die bis heute gilt.' Wir gehen weiter, vorbei an der Büroeinrichtung des ersten Bremer Bürgermeisters, Wilhelm Kaisen. Vorbei an dem Borgward und all den anderen Produkten des sich entfaltenden Wirtschaftswunders. Vorbei an den Bildern des damaligen Großbauprojekts in der Vahr, das in seiner Dimension einmalig war in Europa. Wir steuern die Jukebox aus den 60er-Jahren an, hören Rock?n?Roll-Musik und lassen die wilden Jahre an uns vorüberziehen. Poster mit einem jungen Hans Koschnick, Seit? an Seit? mit Willy Brandt. Nackte Hintern. Sexuelle Revolution. Antibabypille.

Einen Raum weiter steht der Besucher umringt von Utensilien der 80er-Jahre bis heute. Mittendrin ein brusthoher Feuerkorb, gefüllt mit Koks. 'An dem haben sich die Arbeiter der sterbenden Vulkan-Werft damals gewärmt, als sie ihre Mahnwachen vor den Werkstoren abhielten', erklärt Hofschen. 'Als es vorbei war, sind wir hingefahren und durften den Feuerkorb als Erinnerung ins Museum mitnehmen.' Bremen stehe nicht für eine lineare Erfolgsgeschichte, es habe auch immer wieder Tiefen gegeben. Dann zeigt er auf Raketenmodelle der Raumfahrtindustrie. 'Doch man hat immer wieder Wege gefunden, als Stadt und Standort attraktiv zu bleiben.'

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag 10 bis 17 Uhr sowie Dienstag 10 bis 21 Uhr.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+