Leihgaben aus aller Welt ab Samstag zu sehen

Bremer Kunsthalle zeigt Ikonen-Ausstellung

Die Kunsthalle Bremen zeigt ab dem 19. Oktober die Ausstellung „Ikonen – was wir Menschen anbeten“. Das Museum wagt mit der Schau etwas Kühnes: Jeder Raum wurde mit nur je einem Kunstwerk bestückt.
17.10.2019, 20:42
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Kunsthalle zeigt Ikonen-Ausstellung
Von Iris Hetscher
Bremer Kunsthalle zeigt Ikonen-Ausstellung
Der große „Balloon Dog“ von Jeff Koons wurde in 13 Kisten angeliefert und ist eins

der Paradestücke der Schau.

Christina Kuhaupt

Es gibt ein Kunstwerk von 1988, das die Ausstellung „Ikonen“ in einer Frage zusammenfasst. Im zweiten Stock der Kunsthalle Bremen hängt ein Strickbild von Rosemarie Trockel, auf dem zu lesen ist: „Who will be in in ‚99?“ Wer also wird angesagt sein in diesem Jahr, das damals so weit entfernt schien? Darunter ist ein schwarzes Kreuz gestrickt. Das ist eine Anspielung auf Kasimir Malewitsch und seine Formensprache, die sich jeglicher Referenzen enthielt. Auch Malewitsch ist in der neuen Ausstellung der Kunsthalle vertreten mit seinem „Schwarzen Quadrat“ von 1929. Trockels Werk wirkt so unbeabsichtigt wie ein Doppelkommentar. Und ist als bekanntes Kunstwerk selbst eine Ikone.

„Was wir Menschen anbeten“ lautet der Untertitel der Schau, die am Samstag öffnet und etwas Kühnes wagt. „Noch nie“ sei ein Museum komplett leer geräumt und seien die einzelnen Räume dann mit je einem Kunstwerk bestückt und dadurch inszeniert worden, sagte Kunsthallendirektor Christoph Grunenberg am Donnerstag. Ganz profan heißt das: 4500 Quadratmeter, 60 Räume, hochkarätige Kunst aus neun Jahrhunderten, die aus Museen wie der Tretjakow-Galerie, der Tate, dem Stedelijk-Museum und vielen Privatsammlungen stammt. Zehn Jahre sei die Idee dazu in der Kunsthalle hin- und hergewendet worden, so Grunenberg. Nun haben die Kuratorin Eva Fischer-Hausdorf und er die Schau realisiert.

Das Thema ist dankbar, weil „Ikone“ längst nicht mehr ein Fachbegriff, sondern in der Umgangssprache verankert ist. Die Kunsthalle hat mit einem rundum überzeugenden Konzept eine spannungs- und facettenreiche Schau an den Start gebracht. Man kann herumschweifen, aber man kann auch dem chronologisch geordneten Ausstellungsrundgang folgen, der im ersten Stock beginnt. Was sind eigentlich Ikonen? Aus dem Ikonenmuseum in Recklinghausen begrüßt die Kopie des russischen „Mandylions“ aus dem zweiten Viertel des 16. Jahrhunderts. Die Ikone bildete die Ausnahme vom alttestamentarischen Bilderverbot, die Legende dazu geht so: Christus hat den Abdruck seines Gesichts auf einem Tuch hinterlassen, um damit einen König zu heilen. Das Tuch wurde eingemauert; der Gesichtsabdruck hat sich wundersam auf einen Ziegel übertragen. So gab es ein Abbild, das, so ist es zu lesen, eben nicht „von Menschenhand entstanden“, also „durch Gott legitimiert ist“, so Eva Fischer-Hausdorf.

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Die Kunstgeschichte ist reich an Darstellungen der Christus-Figur, der Gottesmutter, von Heiligen und Szenen der biblischen Geschichte. Kehinde Wiley hat den New Yorker Tänzer Malak Lunsford in ähnlichem Rahmen und stolzem Habitus porträtiert – ähnlich wie zuvor schon den ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama – und weist damit zugleich auf das Fehlen schwarzer Protagonisten in der Kunstgeschichte hin. Das Werk stammt aus seiner Serie „Iconic“. Gedanken über die heutigen Rezipienten alter Werke hat sich Thomas Struth gemacht.

Ist das Kunstwerk einfach nur noch Pop?

Er hat 2005 Besucher der St. Petersburger Eremitage beim Betrachten eines Leonardo da Vinci zugeschriebenen Madonnen-Bildnisses fotografiert: Ist es überhaupt möglich, die Aura eines sakralen Kunstwerks in einem säkularen Raum, der mit nach Selfies hungernden Menschen vollgestopft ist, adäquat nachzuvollziehen? Oder ist das Kunstwerk einfach nur noch Pop, ein hipper Bildschirmschoner? Hermann Nitsch, Niki de Saint Phalle oder Francis Bacon entwerfen ihre eigenen schmerzvollen Versionen von Kreuzigungen oder Altären, die nicht so leicht konsumierbar sind. Die Ausstellung wirkt auch in solchen Konfrontationen.

Anbetungswürdig wird, als die Kirche im 19. Jahrhundert an Einfluss verliert, der Künstler selbst. Er wird zur Ikone, voller Ehrfurcht kniet man vor seinem Talent nieder. Es sind nun auch Kunstwerke, in denen Menschen Spiritualität und Andacht suchen und finden – selbst, wenn sie es selbst vielleicht nicht so nennen würden. Caspar David Friedrich und William Turner mit ihren stimmungsvollen Naturdarstellungen zählen dazu, Vincent van Gogh, von dem das „Selbstporträt mit grauem Filzhut“ (1887) zu sehen ist, inszeniert sich bewusst in seiner Rolle. Ihm folgen im 20. Jahrhundert Künstler wie Joseph Beuys („Konzertflügeljom“), Marina Abramovic („Freeing the Body“) oder Bruce Nauman („The True Artist Helps the World by Revealing Mystic Truths“). Überhaupt wird der Begriff der Ikone zunehmend schneller und wahlloser verwendet, wie der Themenraum „Iconic People – Iconic Moments“ zeigt. Marx, Mandela, Marilyn, Madonna sind zu sehen, aber auch Greta Thunberg, die noch keine so lange Wirkungsgeschichte vorzuweisen hat.

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Die Abstrakten dagegen wandten und wenden sich ab vom Darstellbaren und suchen das Grundsätzliche in der Reduktion der Form. So der bereits erwähnte Kasimir Malewitsch oder aber Piet Mondrian mit „Composition de lignes et couleur: III“ (1937), die aus vertikalen und horizontalen Linien, weiß, schwarz und der Primärfarbe blau besteht. Auf die Spitze treiben lässt sich die Undarstellbarkeit auch: Janet Cardiff hat 40 Lautsprecher im Kreis aufgestellt, aus denen eine Motette des englischen Renaissance-Komponisten Thomas Tallis erklingt. Mit der Ikone teilt sich die Ironie nicht nur diverse Buchstaben. In der Kunst ist beides verknüpft:

Sobald es einen Starkult gibt, ist dort sofort auch dessen Infragestellung wie auch seine Umdeutung zur Marke zu finden. Auch das nimmt breiten Raum ein. Gleich vier Kopien der „Mona Lisa“ sind im Erdgeschoss zu sehen, einer davon hat Marcel Duchamp einen Bart gemalt, während Isa Genzken der Nofretete eine Sonnenbrille aufgesetzt hat. Von Duchamp ist zudem „Fountain“ zu sehen, das 1917 zur Kunst erklärte Pissoir, das den Originalitäts-Anspruch verspottete. Und dadurch ironischerweise selbst zur Ikone aller Readymades wurde. Mit dem Alltagsgegenstand, der zum Heiligen erklärt wird, spielt Andy Warhols „Lavender Marilyn“ ebenso wie der riesige rote „Balloon Dog“ von Jeff Koons, mit dem er der Sehnsucht nach Kindheitsidylle ein Denkmal setzt.

Die Ausstellung ist ein Füllhorn; man braucht bequemes Schuhwerk, um die Wege ohne Blessuren zu bewältigen. Zeit sollte man sich sowieso nehmen. Das Meditative eines Mark Rothko oder eines Yves Klein lässt sich nicht im Vorübergehen erfahren.

Weitere Informationen

Ikonen – was wir Menschen anbeten. Kunsthalle Bremen, 19. Oktober bis 1. März 2020. ­Öffnungszeiten: dienstags 10 bis 21 Uhr, mittwochs bis sonntags 10 bis 18 Uhr, montags ­geschlossen.

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