Bremer legt Graphic Novel über den Afghanistan-Konflikt vor

Bremen. Wir schreiben das Jahr 2009. Irgendwo in der afghanischen Provinz Kundus sitzen zwei Einheimische neben einem Panzerwrack und deuten ins Tal, wo sich eine deutsche Militärpatrouille nähert. Gleich darauf gerät der kleine Soldatentrupp in einen Hinterhalt, ein Fahrzeug explodiert unter Raketenbeschuss. Später schreibt Hauptmann Chris Menger – unter den gerahmten Bildern dreier getöteter Kameraden – einen Bericht in sein Notebook und denkt: "Das ist ein Scheißkrieg hier, aber das will ja keiner wahrhaben."
12.07.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Ruppert Koppold

Bremen. Wir schreiben das Jahr 2009. Irgendwo in der afghanischen Provinz Kundus sitzen zwei Einheimische neben einem Panzerwrack und deuten ins Tal, wo sich eine deutsche Militärpatrouille nähert. Gleich darauf gerät der kleine Soldatentrupp in einen Hinterhalt, ein Fahrzeug explodiert unter Raketenbeschuss. Später schreibt Hauptmann Chris Menger – unter den gerahmten Bildern dreier getöteter Kameraden – einen Bericht in sein Notebook und denkt: "Das ist ein Scheißkrieg hier, aber das will ja keiner wahrhaben."

Mit dieser Szene beginnt Arne Jyschs "Wave and Smile", der erste deutsche Comic – oder besser: die erste deutsche Graphic Novel – über den Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch. Der Zeichner und Filmregisseur, der 1973 in Bremen geboren wurde und von 1995 bis 2002 Animation an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg studierte, hatte sich vorher nur wenig für diesen Krieg interessiert. Anfangs war er "eher für den Einsatz", wollte dann, nach einer Diskussion, mehr wissen. Jysch hat für seine Geschichte also Bücher gelesen, mit Journalisten und Soldaten gesprochen, und war dann, wie er sagt, ein wenig überrascht, als ihm auch das Verteidigungsministerium bereitwillig Kontakt zu einem Oberstleutnant des Einsatzführungskommandos in Potsdam vermittelte.

Seine mit Bleistift gezeichnete und dann aquarellierte Geschichte um den Hauptmann Menger, die Fotografin Anna und den Hauptfeldwebel Marco ist von realen Figuren inspiriert, sagt Jysch. Sie spielt in einer "Art erfundenem Afghanistan auf der Basis der Realität, um möglichst viele Konflikte und Widersprüche der Situation in meiner Erzählung unterzubringen". Ein bisschen zu viele vielleicht, aber letztlich trägt das Handlungsgerüst die Informationen. Zumal diese didaktisch geschickt in den Plot integriert sind. Als ein Bundeswehr-Hubschrauber beschossen wird und im feindlichen "Indianerland" notlanden muss, bezeichnet der Soldat Rocker diesen Krieg als "Kinderkacke" und sagt: "Entweder richtig rein, die Schweine ausschalten. Oder gar nicht."

"Wave and Smile" ist eine von kampfanzugsbraunen Tönen und Ockerfarbe gefärbte Geschichte, die sich die Sicht der desillusionierten und frustrierten Soldaten vor Ort vielleicht nicht ganz zu eigen macht, aber doch großes Verständnis für sie aufbringt. Auch deshalb setzt Arne Jysch wohl auf einen Detailrealismus. Er baute sogar Panzer und Helikopter als Modelle, um sie aus jeder Perspektive zeichnen zu können. Er benutzt einen an Abkürzungen reichen Fachjargon (da rollen "TPZ", da fliegen "RPG"). Er lässt in der "Lummerland-Bar" des deutschen Lagers Bin-Laden-Witze erzählen – und er zeigt Wegweiser mit der Angabe: "Limburg 5056 Kilometer".

Aber diese Graphic Novel will nicht nur aus der Perspektive der Soldaten an der Front glaubwürdig sein. Sie will auch in Deutschland von einem Krieg berichten, den der größere Teil der Bevölkerung ablehnt und von dem selbst viele Befürworter nichts hören wollen. In TV-Krimis taucht ab und zu ein traumatisierter Heimkehrer auf. Ansonsten aber wird der soldatische Alltag in Afghanistan eher verdrängt. Seit einem Jahrzehnt ist die Bundeswehr dort im Einsatz. Und es ist in dieser Zeit, so sagen es die Comicfiguren, schlimmer geworden. Früher sei man mit ungepanzerten Jeeps rausgefahren, heute sei jeder Kontakt zu einer enttäuschten bis aggressiven Bevölkerung problematisch. Die zum Winken und zum Lächeln auffordernden Schilder ("Wave and Smile") an den Lagertoren sind längst abmontiert.

Am Ende kehrt Chris Menger, dessen Ehe in die Brüche gegangen ist, nach Afghanistan zurück, um seinen vermissten Kameraden Marco allein und als Journalist getarnt aufzuspüren. Er reist auch nach Pakistan und spricht mit einem Taliban-Führer, für den die Deutschen nur Lakaien der USA sind: "Wenn ihr nicht in einem Krieg kämpfen wollt, dann dürft ihr nicht mitmachen!" In dieser Geschichte, in der auch ein tadschikischer Warlord einen Auftritt hat, werden viele Sichtweisen und Standpunkte verhandelt. Seine eigene Haltung indes stellt Arne Jysch zurück. Er erzählt, so lobt erwartungsgemäß der Carlsen-Verlag, "spannend, ohne ideologisch oder belehrend zu sein". Jysch selber aber spricht inzwischen von der "Sinnlosigkeit des Ganzen", es träfen "Welten aufeinander, die nicht zusammenkommen können."

Arne Jysch: "Wave and Smile". Carlsen-Verlag, Hamburg. 200 Seiten, 24,90 Euro.

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