Bremer Philiharmoniker

Christian Kötter-Lixfeld: „Wir arbeiten mit einem Plan B“

Die Bremer Philharmoniker haben ihr Saisonbuch für die Spielzeit 2020/21 veröffentlicht. Im Interview spricht Intendant Christian Kötter-Lixfeld über Konzerte in Zeiten von Corona und die Treue der Abonnenten.
13.06.2020, 08:26
Lesedauer: 5 Min
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Christian Kötter-Lixfeld: „Wir arbeiten mit einem Plan B“
Von Iris Hetscher
Christian Kötter-Lixfeld: „Wir arbeiten mit einem Plan B“

Christian Kötter-Lixfeld blickt mit Vorsicht, aber auch voller Zuversicht auf die kommende Saison.

Christina Kuhaupt

Herr Kötter-Lixfeld, die Bremer Philharmoniker haben das Programmbuch für die Saison 2020/2021 veröffentlicht. Ganz schön mutig unter den derzeit wackligen Bedingungen für Orchester.

Christian Kötter-Lixfeld: Wir müssen mutig sein, weil die Corona-Situation für alle eine Herausforderung ist. Da kann man den Kopf in den Sand stecken und hoffen, dass alles irgendwann vorbeizieht. Oder man macht es wie wir, stellt sich der Realität und macht das Beste draus.

Und das Beste sieht wie aus?

Wir gehen davon aus, das wir unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln ab Herbst wieder Konzerte geben können. Allerdings in verändertem Rahmen, und wir werden wahrscheinlich das Programm hier und da anpassen müssen.

Inzwischen ist klar: Konzerte sind schon seit dem 12. Juni wieder erlaubt. Sie könnten Ihre Saisonpräsention am Sonnabend, 4. Juli, in der Glocke also spielen.

Das eine ist, Formate wieder zu ermöglichen. Das andere ist: Macht das Sinn? Eine Saisonpräsentation lebt von einem großen Orchester mit 80 bis 90 Musikern, lebt von der Stimmung und davon, dass viele Menschen an einem Sonnabendvormittag in die Glocke strömen, um sich auf die neue Saison einzustimmen. Das alles wird nicht gehen, da wir derzeit nur in kleinen Besetzungen auf die Bühne dürfen. Von daher nutzen wir erst mal die Zeit um auszuloten, was jetzt eigentlich möglich ist. Da die Glocke momentan noch keine Veranstaltungen vor Publikum durchführen darf, werden wir aber noch vor den Sommerferien den einen oder anderen Ausflug in die Öffentlichkeit unternehmen, als Überraschung für unser Publikum. Bevor wir wieder in der Glocke konzertieren, müssen alle Rahmenbedingungen solide vorbereitet werden.

Was heißt das im Detail?

Wir sind mit der Glocke im Gespräch und überlegen, wie die Zuschauer in den Saal gelassen werden, was mit der Garderobe ist, wie die Wege in einem Konzerthaus sich gestalten, welche Reihen wie belegt werden, ob die Klimaanlage ausreichend funktioniert. Dies steht zurzeit im Vordergrund. Erst nachdem das Logistische geklärt ist, kümmern wir uns um das zu diesen Rahmenbedingungen passende Konzertprogramm.

Die derzeit bundesweit diskutierten Ansätze lauten beispielsweise: Wir spielen kürzer, dafür häufiger. Geht das auch bei den Bremer Philharmonikern in diese Richtung?

Wir werden unsere Konzerte wahrscheinlich bis mindestens zum Jahresende ohne Pause spielen, auch dann könnte es Programme der Philharmonischen Konzerte von 75 bis 90 Minuten Länge geben. Und unsere Afterwork-Konzerte „5nachsechs“ sind ja ohnehin kürzere Konzertformate. Sie können wir aller Voraussicht nach in gewohnter Form mit Moderation und wie immer ohne Pause durchführen.

Sie spielen nicht nur in der Glocke, sondern auch im Theater. Was muss da beachtet werden?

Da gibt es mehrere Orte, an denen wir spielen können: den Orchestergraben, den Platz vor dem Eisernen Vorhang, die Hauptbühne. Das probieren wir derzeit in unterschiedlichen Konstellationen bis zur Sommerpause.

Im Herbst wollen Sie dann loslegen, das Programmheft ist ähnlich umfänglich wie immer. Welche Änderungen ursprünglicher Pläne mussten Sie jetzt schon vornehmen?

Wir wollen bis zu unserem Jubiläum im Jahr 2025 die Geschichte der Symphonie mit unserem Publikum gemeinsam nachvollziehen. Da sind wir jetzt in der Romantik angekommen, Johannes Brahms ist ein Schwerpunkt, ähnlich wie Beethoven. Seine neunte Sinfonie steht im Dezember auf dem Programm. Dabei ist der Chor natürlich noch ein besonderes Problem: Chöre benötigen für anspruchsvolle Programme ausreichend Zeit für die Einstudierung, dürfen aber derzeit nicht proben. Eventuell könnte es da also Änderungen geben. Aber wir wollen möglichst bei dem Grundgerüst unserer Dramaturgie für die Spielzeit bleiben. Wenn einige Werke nicht umsetzbar sein sollten, weichen wir auf Ersatzkompositionen aus. Wir werden daher bei allen philharmonischen Konzerte bis Dezember mit einem Plan B und einem Plan C arbeiten, immer in Absprache mit den Gastsolisten und -dirigenten.

Das Publikum muss sich auf eine Wundertüte einrichten.

Unter Umständen ja. Aber vielleicht ist das auch mal ganz schön, dass alles nicht von Anfang an durchgeplant ist. Und wir werden versuchen, unter diesen Rahmenbedingungen das Bestmögliche rauszuholen.

Sie haben das Thema Gäste angesprochen. Auf wen können sich die Bremer freuen?

Ein paar Beispiele: Der Dirigent Michael Schønwandt kommt wieder und dirigiert ein Programm mit Debussy, Beethoven und Brahms, es wird ein leicht verrücktes Neujahrskonzert geben mit Igudesman & Joo – das ist eigentlich eine Show, da gehört das Orchester zum Spektakel dazu. Wir haben den Pianisten Severin von Eckardstein da, und wir laden drei Dirigentinnen ein, weil wir Frauen am Pult vorstellen möchten: Jessica Cottis, Corinna Niemeyer, Elena Schwarz. Der Pianist Francesco Tristano, der auch in der Hip-Hop-Szene zu Hause ist, gestaltet unser Abschlusskonzert.

Ihre Abonnentinnen und Abonnenten mussten in der aktuellen Saison auf einige Konzerte verzichten – welche Reaktionen gab es darauf?

Wir haben sofort viel Zuspruch bekommen à la „wir sind an eurer Seite“ und „es wird weitergehen“. Das war sehr wohltuend für uns. Es gab kaum Forderungen, Tickets erstattet zu bekommen. Wir stehen in engem Kontakt zu unserem Publikum und haben die Abonnenten angerufen, daran haben sich auch unser Generalmusikdirektor Marko Letonja und Musikerinnen und Musiker beteiligt. Das hat zu einer neuen und intensiven Nähe geführt, so eins zu eins am Telefon. Wir sind sehr dankbar für die große Solidarität, die wir erfahren.

Und wie sieht es mit dem Abonnement für die kommende Saison aus?

Wir werden die Abonnementreihen aussetzen, weil nicht endgültig klar ist, wie viele Plätze wir in der Glocke anbieten können. Es wird sich wahrscheinlich um die 300 bis 350 Plätze handeln, aber wir haben an die 3000 Abonnenten; das ist also nicht handhabbar. Wie soll man da entscheiden, wer wann kommen darf? Wir haben uns das nicht leicht
gemacht, aber alles andere wäre unseriös gewesen.

Gab es Kündigungen nach dieser Ankündigung?

Keine einzige. Im Gegenteil, es gab Nachfragen, ob das Abo dann in der übernächsten Saison aber auf jeden Fall weiterlaufen könne. Es wird ein Vorkaufsrecht für die Einzeltickets für Abonnenten geben. Man kann die Konzerte direkt auswählen und buchen. Das wird unser kleines Treue-Bonbon sein.

Das Gespräch führte Iris Hetscher.

Info

Zur Person

Christian Kötter-Lixfeld

wurde 1967 in Witten geboren und begann mit neun Jahren, Cello zu spielen. Der Jurist ist seit 2005 Intendant der Bremer Philharmoniker.

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Zur Sache

Philharmonische Konzerte 2020/2021

Das Programm startet am 27. September (und: 28./29.). Zu Gast sein soll William Barton mit seinem Didgeridoo, Solist bei Peter Sculthorpes „Earth Cry – Konzert für Didgeridoo und Orchester“. Haydn und Strawinsky stehen ebenfalls auf dem Programm. Weiter geht‘s am 26./27. Oktober mit Werken von Ligeti, Mozart, Schubert, danach ist am 22. und 23. November ein Brahms-Programm vorgesehen. Der „Winterzauber“ am 13./14./15. Dezember soll der Symphonie Nr. 9 von Beethoven gewidmet sein, „Big Nightmare Music“ mit Igudesman (Violine) & Joo (Klavier) steht am 17./18./19. Januar auf dem Programm. Das sechste Philharmonische Konzert am 14./15. Februar präsentiert Severin von Eckardstein mit Prokofjievs „Konzert für Klavier und Orchester“. Ein zweites Johannes Brahms gewidmetes Programm gibt es am 28. Februar und am 10. März; Wilhelm Furtwänglers „Symphonie Nr. 2“ unter dem Dirigat von Yoel Gamzou ist für den 22./23. März geplant. Der Dirigent, Oboist und Komponist Heinz Holliger prägt das Konzert am 19./20. April, die Pianistin Martina Filjak das am 9. und 10. Mai (Debussy, Beethoven, Brahms). Isabelle van Keulen und ihre Viola sowie die Dirigentin Jessica Cottis gestalten die Termine am 31. Mai und 1. Juni (Sibelius, Pettersson, Dvorak). Zum Finale am 20./21./22. Juni reist Pianist Francesco Tristano an und spielt sein „Island Nation“.

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