Premiere in der Shakespeare Company

Gar nicht märchenhaft

Was, wenn Märchenfiguren nach dem Ende ihrer Erzählung wieder ihrer eigenen Wege gehen könnten? Dieser Frage widmet sich die Shakespeare Company in „Der Zinnsoldat und die Tänzerin“.
17.10.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Gar nicht märchenhaft
Von Alexandra Knief

Es war einmal ein Zinnsoldat. Er hatte nur ein Bein, war aber dennoch so standhaft wie seine Brüder. Der Zinnsoldat verliebte sich in eine Tänzerin aus Papier. Da sie ihr Bein beim Tanzen so hoch streckte, dass er es nicht sah, ging er davon aus, sie habe auch nur eins. Auch ein gemeiner Kobold hatte ein Auge auf die Tänzerin geworfen und sorgte dafür, dass der Zinnsoldat aus dem Fenster fiel und auf eine beschwerliche Reise ging. Doch der Soldat fand einen Weg zurück und konnte sein Glück kaum fassen. Es wehrte allerdings nicht lange: Ehe er sich versah, warf ein Junge ihn in den brennenden Ofen. Ein Windstoß wehte die Tänzerin hinterher.

Das ist die Geschichte um den standhaften Zinnsoldaten, die Hans Christian Andersen 1838 erdachte. Ein Märchen – wie so oft bei Andersen – ohne Happy End. Eine Erzählung, bei der man sich das „und wenn sie nicht gestorben sind“ am Ende sparen kann. Was aber, wenn literarische Märchenfiguren ähnlich wie Schauspieler beim Film einfach wieder ihrer eigenen Wege gehen könnten, sobald ihre geschriebene Geschichte auserzählt ist? Diese Frage stellt sich die Bremer Shakespeare Company in „Der Zinnsoldat und die Tänzerin – ein Capriccio mit Musik“, einem Zwei-Personen-Stück, das am Donnerstag seine Premiere feierte.

Die Idee zum Stück hatte Ensemblemitglied Michael Meyer, der auch den Zinnsoldaten mimt. Aufgeschrieben, mit Musik bestückt und auf die Bühne gebracht wurde sie von Manfred Schiffers. Katharina Hoffmann schlüpft in die Rolle der Tänzerin.

Wiedersehen im Dämmerlicht

Die beiden Figuren treffen sich in einer nicht weiter definierten Zukunft. Er ist mittlerweile Straßenmusiker, sie spielt Klavier („Jetzt tanze ich halt mit den Händen“). Als sie von ihrer Wohnung aus den Klängen eines Klageliedes lauscht, dass auf der Straße erklingt, bittet sie den Musiker hinein und erkennt in ihm den Zinnsoldaten wieder. Und das, obwohl dieser dank Anleihen bei Andersens Märchen „Der Schatten“ mittlerweile zwei Beine hat.

Das schlichte Bühnenbild, das die Stube der Tänzerin zeigt, besteht nur aus einer Tür, einem Klavier, einem Tischchen mit Grammophon und einer Leseecke, deren imaginäre Wand mit Fotos von Hans Christian Andersen verziert ist. In diesem Setting mit warmem Dämmerlicht entfaltet sich das Kammerspiel um zwei Figuren, die einfach nicht zueinanderfinden. So sehr sie es auch versuchen. Auch Hilfe von ihrem Dichtervater, dem die Liebe selbst zeitlebens verwehrt blieb, können sie nicht erwarten.

Die beiden wollen musizieren, finden aber keine gemeinsame Tonlage: Die Lieblingstonart des Zinnsoldaten ist d-Moll, für eine Wiedersehensfeier ist das nach Ansicht der schnippischen Tänzerin überhaupt nicht geeignet. Nicht nur das Musizieren, auch das Schwelgen in Erinnerungen sorgt früher oder später immer eher für Schwer- oder Unmut anstatt für nostalgische Freude.

Sie finden aber auch heraus, dass sie sich schon häufiger begegnet sind – fernab ihres Andersen-Märchens, unter anderem in einer Erzählung von E.T.A Hoffmann. Auch hatte die Tänzerin einst eine Beziehung mit dem schwedischen Schriftsteller und Komponisten Carl Jonas Love Almqvist, der die Figuren auf der Bühne auch prompt als Marionetten für seine Erzählung „Die Woche mit Sara“ benutzt. Später soll auch noch Shakespeare seinen kurzen Moment bekommen.

Für den Zinnsoldaten, der sich jetzt Anders nennt, was zu einigen Wortspielen und Verwirrungen führt, ist das Zurückblicken besonders bitter und geprägt von Einsamkeit. Kein Wunder also, dass er auf seinen Schöpfer Andersen nicht besonders gut zu sprechen ist. „Warum bin ich nicht bei den Brüdern Grimm gelandet?“, fragt er sich zwischenzeitlich verzweifelt. Während er Andersen als fragwürdigen Geist sieht, in dessen Geschichten viel zu häufig Kinder sterben, betont die Tänzerin immer wieder sein poetisches Geschick – wieder also kommen die beiden nicht zusammen.

Dass es eine Geschichte ist, die ihm am Herzen liegt, ist dem Spiel von Michael Meyer anzumerken. Jede Emotion kauft man ihm ab. Meyer lebt seine Rolle, er tanzt und singt, dass es eine Freude ist ihm zuzusehen. All das lässt Katharina Hoffmann hingegen etwas hölzern wirken, was zwar durchaus ihrer Rolle geschuldet ist, aber auch authentischer hätte gelöst werden können. Wie die Geschichte um den Zinnsoldaten und die Tänzerin hat auch das Stück seine Höhen und Tiefen.

Wer bin ich? Kann ich jemand anders sein? Wie fremdbestimmt ist mein Dasein? Um diese Fragen dreht sich „Der Zinnsoldat und die Tänzerin“. Das Fazit nach 75 Minuten hätte Andersen sicher gefallen. „Komm, wir zünden hier alles an, dann hat der Dichter seinen Willen“, schlägt die Tänzerin zum Ende des Stücks vor. Doch die Zündhölzer werden nicht angerissen.

Weitere Informationen

Weitere Termine: Sonntag, 18. Oktober; Donnerstag, 22. Oktober sowie Sonnabend, 31. Oktober. Tickets, Zeiten und weitere Termine unter www.shakespeare-company.com.

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