Theaterpunk aus dem „Heartbreak Hotel“

Sieben Jahre Punk

Kneipenkultur hat normalerweise nichts mit Theater zu tun. Bei der Bremer Theaterpunkproduktion ist das anders. Sie spielen auf der kleinsten Bühne Bremens – in einer stadtbekannten Kneipe.
09.11.2020, 05:00
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Sieben Jahre Punk
Von Simon Wilke

Leben und arbeiten zwei verschiedene Arten zusammen, um daraus gegenseitigen Nutzen zu ziehen, dann sprechen Biologen auch von einer Symbiose. Und wenn eine Kneipe, die man im besten Sinne des Wortes auch als Spelunke bezeichnen könnte, und ein Theater-Verein dauerhaft zusammenfinden, dann liegt es nahe, dass die Protagonisten auf ein solch sym­biotisches Arrangement hoffen. So ist es ­zumindest im Fall der Theaterpunkproduktion, bei der der Punk groß geschrieben wird und deren „Herzkammer“ eine Kneipe ist, das Bremer Heartbreak Hotel, kurz Heartbreak.

Felix Rieder-Grundmann ist studierter Biologe, praktizierender Kneipenchef des „Heartbreak“ und einer der Vorsitzenden der Theaterpunkproduktion. Und nur damit kein falscher Eindruck entsteht: Die Mitglieder sind keinesfalls vom Tresen weg gecastet, sondern professionelle Theatermacher.­ ­Jonathan Prösler zum Beispiel ist als ­Schauspieler und Regisseur in festen und freien Engagements seit Jahren auf und hinter deutschen Bühnen unterwegs. Jonas Steglich war jahrelang Ensemblemitglied des Schauspiels Hannover. Nina Zimmermann arbeitete als Theaterpädagogin im Blaumeier- Atelier und am Thalia-Theater in Hamburg. Es gibt tatsächlich nur eine Ausnahme: Felix Rieder-Grundmann, der in der neusten Produktion eine der zwei Rollen spielen soll.

Aber wie sieht er nun aus, der doppelte Nutzen, der eine Symbiose kennzeichnet? Zunächst ist eine Kneipe als Gastgeber von Theaterstücken um eine Attraktion und etliche Geschichten reicher. Und Kneipen wie das Heartbreak leben wiederum von den Geschichten, die sie umranken.

Sie sind ein Mikrokosmos, in dem zwischen Abendrot und Morgengrauen, zwischen Eintritt und Abgang, alles Mögliche passieren kann. Und damit ist der Weg zum Theater ganz offensichtlich nicht mehr weit. Umgedreht profitieren die Darsteller und Produktionen des Theaterpunks von der anarchischen und zugleich intimen Atmosphäre in der Bar. Wer hierher kommt, bekommt Besonderes geboten. Nicht nur, aber vor allem an Theaterabenden.

Impulsen folgen

Aber wofür steht die Theaterpunkproduktion? Rein formal zunächst für einen frisch gegründeten Verein aus 13 Kulturschaffenden. Seine Mitglieder sind Pädagoginnen und Schauspieler, Bühnenbildnerinnen und Tontechniker – vor allem aus Bremen, aber auch aus Hamburg, Hannover oder Berlin. Und schon vor der Vereinsgründung für ein Netzwerk von Menschen, das jederzeit in der Lage sein möchte, kleinere und größere Produktionen selbstständig auf die Beine zu stellen. Tatsächlich gehört das zum erklärten Ziel der Gruppe: eigene Ideen zu verwirklichen und dabei auf gewachsene Strukturen bauen zu können. Vor allem aber soll der Punk für eine gemeinsame Philosophie stehen. Für selbstbestimmtes Theaterspiel von und in einem Kollektiv, für die Erarbeitung gemeinsamer künstlerischer Fantasien und für ein wertschätzendes Miteinander auf dem Weg zur fertigen Produktion. Ohne Schubladendenken, ohne Autoritäten, Punk eben. Denn am Ende wollen sie schließlich alle das Gleiche: ihren Impulsen folgen und im Vertrauen auf die Fähigkeiten ihrer Mitstreiter am Ende Herzensprojekte auf die Bühne bringen. Und zwar nicht nur auf die des Heartbreak Hotels.

Bereits in den vergangenen Jahren konnte man Punkproduktionen außerhalb ihres „Wohnzimmers“ erleben. „Nachwehen“ lief in der Schwankhalle, „Mephisto.Sein.Goethe.“ in ihrem zweiten Zuhause, dem Schlachthof, aber auch überregional. Das funktioniert, haben sie gemerkt. Die Herzbühne ist das Heartbreak, aber festlegen wollen sie sich nicht auf einen Ort.

Form ist Teil der Verabredung

So war es, als der Theaterpunk vor sieben Jahren gegründet wurde und so ist es geblieben. Damals hatten Nina Zimmermann und Jonathan Prösler das Projekt gemeinsam ins Leben gerufen. Die Verabredung war: Das Netzwerk gründen, es möglichst profes­sionalisieren und nach sieben Jahren setzt man sich zusammen, um zu resümieren. ­Warum genau sieben Jahre? Weil es für sie keinen besseren Meilenstein gibt. Und wie fällt das Resümee aus? Bis dato ziemlich positiv.

Denn mittlerweile sind sie eingespielt, die Abläufe funktionieren. Hat heute jemand von ihnen eine Idee für ein Stück, wird innerhalb und außerhalb des Vereins nach ­Menschen gesucht, die an ihrer Verwirklichung mitarbeiten wollen. Dabei sind die Rollen nicht starr verteilt. Prösler zum ­Beispiel ist mal Schauspieler, mal Regisseur, mal Produktionsleitung. Meist gibt es klassisches Sprechtheater, aber auch die Form ist Teil der Verabredung unter den Prota­gonisten.

Derzeit allerdings steht die Produktion still. Corona, natürlich. „Lady Chatterley’s Revenge“ stand kurz vor der Premiere, als die Gruppe der politischen Entscheidung zuvor kam und schweren Herzens entschied, die Aufführung auf das kommende Jahr zu ­verschieben. Weil sie befürchten, dass die Pandemie eine nachhaltige Auseinan­­der­setzung mit dem Thema des Stücks nicht möglich macht. Und dann war auch noch lange Zeit unsicher, ob die nicht-bremi­schen Mitglieder bei ihrer Rückreise in die jeweilige Heimatstadt in Quarantäne müssten.

So geht ihr siebtes Jahr nach Gründung also doch irgendwie verflixt zu Ende. Doch es gibt bereits eine neue Verabredung: noch einmal sieben Jahre sollen es werden, mindestens. Mit mehr Mitgliedern, mehr Ideen und mehr Selbstbestimmung. Mit einem verlässlichen Spielplan und ohne Pandemie. Sie wollen befreit Theater machen. Ganz im Sinne des Punks.

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