Die hiesige Shakespeare Company überzeugt beim Festival „Globe to Globe“ mit dem Stück „Timon aus Athen“ Bremer Theater-Triumph in London

In London stand das Wochenende im Zeichen der an und auf der Themse ausufernden Feierlichkeiten anlässlich des diamantenen Queen-Krönungsjubiläums. Ein weiteres Glanzlicht in der britischen Hauptstadt setzte die Bremer Shakespeare Company, die mit gleich zwei Aufführungen von William Shakespeares Stückwerk gebliebenem Drama „Timon aus Athen“ im 1997 rekonstruierten Globe-Theater an besagter Themse gastierte und viel – sehr viel – Beifall für ihre so zeitgemäße wie brisante Interpretation erntete.
11.06.2012, 13:27
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Bremer Theater-Triumph in London
Von Hendrik Werner

In London stand das Wochenende im Zeichen der an und auf der Themse ausufernden Feierlichkeiten anlässlich des diamantenen Queen-Krönungsjubiläums. Ein weiteres Glanzlicht in der britischen Hauptstadt setzte die Bremer Shakespeare Company, die mit gleich zwei Aufführungen von William Shakespeares Stückwerk gebliebenem Drama „Timon aus Athen“ im 1997 rekonstruierten Globe-Theater an besagter Themse gastierte und viel – sehr viel – Beifall für ihre so zeitgemäße wie brisante Interpretation erntete.

London·Bremen. Deutlich mehr als 1000 Zuschauer gab es bei der zweiten Vorstellung des Stückes, die für einen zwar kühlen, aber wärmstens gefeierten Abend anberaumt worden war. Über einen solch überragenden Publikumszuspruch kann sich die hiesige Shakespeare Company üblicherweise nicht freuen. Schon gar nicht seit jenen beklagenswerten Tagen, da das verdiente Ensemble in Bremen wegen unabdingbarer Baumaßnahmen am Leibnizplatz gewissermaßen als vorübergehender Obdachloser von Spielstätte zu Spielstätte taumelt – und sich auf diese Weise zwar reichlich Sympathien sichert, nie aber das erhabene Gefühl, angekommen zu sein.

In London indes konnte die Mannschaft um Geschäftsführerin Renate Heitmann den Eindruck gewinnen, willkommen, ach was: heimisch zu sein. Dies auch insofern, als die William Shakespeares wuchtigem Werk verpflichtete Truppe von gut 30 Zuschauern angefeuert wurde, die ihrer lokalpatriotischen Verbundenheit im Rahmen einer Leserreise dieser Zeitung frönten.

Frenetischer Beifall quittierte nach gut zwei Stunden die Darbietung der Theatertruppe. Das lag keinesfalls nur an der vergnügten Unterstützerfront aus heimatlichen Gefilden, sondern auch und gerade an Sebastian Kautz’ sehr launiger Inszenierung des Stückes „Timon aus Athen“. Einer Inszenierung, die im Oktober 2010 Premiere hatte – und die mit viel Weitblick und mit noch mehr Witz und Sarkasmus die griechischen Verheerungen im Zuge der Finanzkrise thematisiert.

Völlerei und Misswirtschaft

Es ist ein denkbar dankbares Thema, mit dem die Bremer das anno 1997 nach Originalplänen neuerlich errichtete Globe-Theater bespielt haben: Es geht um einen brisanten Cocktail aus Völlerei und Misswirtschaft. Ihn kredenzt Timon, der Titelheld des Stückes, der seiner Entourage beharrlich Speis und Trank nebst einer Überraschung verheißt. Doch zur Überraschung gerät ihm, seinen Getreuen und Europa vor allem der Umstand, dass das angekündigte Fest zum Desaster, ja zu einer Trauerfeier verkommt. Weil es Timon nicht gelingt, angemessen maßzuhalten, hilft kein Rettungsschirm. Wenn dann wie aufs Stichwort der Himmel über London Schnürlregen absondert, der in England redensartlich mit Katzen und Hunden in Verbindung gebracht wird, freut sich das Auditorium so sehr wie die bestens aufgelegte Bremer Schauspielerschar. Obwohl die Nässe all jene trifft, die billigere Plätze gebucht haben – und im Innenraum des Globe-Theaters stehend und frenetisch die Akteure unterstützen, als wären sie bei einem Open-Air-Konzert von, sagen wir mal, Unheilig.

Unabhängig von Sitz- oder Stehplatz: Das Bremer Ensemble macht die ohnedies treffliche Inszenierung zu einem Ereignis: Die Darsteller, allen voran Michael Meyer (als verschwenderischer Timon) und Frank Auerbach (als machtgeiler General Alcibiades), gefallen durch ihre löbliche Verspieltheit, die selbst improvisierte Kalauer nicht scheut – und durch ihre kobolzenden Auftritte, die eine Bühne auf der Bühne gewissermaßen in Gestalt eines riesigen Trampolins finden. Darauf lässt sich das Auf und Ab der Weltwirtschaft naturgemäß trefflich abbilden. Und wem dieses Spektakel bisweilen etwas plakativ erscheint, sollte unbedingt bedenken, dass sich die mitreißende Darbietung für Menschen, die des Deutschen nicht mächtig sind, nur durch kurze Zusammenfassungen erschließen lässt, die zu Beginn einer jeden Szene auf einer Anzeigentafel erscheinen.

Das Globe-to-Globe-Festival, das alle 37 Dramen des elisabethanischen Theaterautors in verschiedenen Sprachen präsentiert und in dessen Rahmen die Bremer Shakespeare Company den deutschen Part gibt, ist ein mutiger kultureller Grenzgang. Es ist dem Bremer Ensemble zu danken, dass es seinen Auftritt so leicht und zeitgemäß hinlegte, dass es als Botschafter in London auch reichlich externen Applaus erntete.

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