Interviewband des syrischen Lyrikers Adonis

Bremer Verlag veröffentlicht islamkritisches Buch

Das Buch der Stunde ist in Bremen erschienen. Der Sujet-Verlag hat die deutsche Übersetzung eines Interviewbandes veröffentlicht, der in Frankreich für Aufsehen gesorgt hat. Titel: „Gewalt und Islam“.
29.07.2016, 06:00
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Bremer Verlag veröffentlicht islamkritisches Buch
Von Iris Hetscher
Bremer Verlag veröffentlicht islamkritisches Buch

Adonis, der eigentlich Ali Ahmad Saïd Esber heißt, wurde 1930 in Qassabin im Nordosten Syriens geboren und lebt seit 1985 in Paris. Er schreibt Lyrik und Essayistik, in denen es stets um seine religionskritische Position geht – wie auch in dem nun erschienenen Interviewband.

Jesus Ochando, dpa

Das Buch der Stunde ist in Bremen erschienen. Der Sujet-Verlag hat die deutsche Übersetzung eines Interviewbandes veröffentlicht, der in Frankreich für Aufsehen gesorgt hat. Titel: „Gewalt und Islam“.

Das Buch der Stunde ist in Bremen erschienen. Der Sujet-Verlag hat just die deutsche Übersetzung eines Interviewbandes veröffentlicht, der in Frankreich seit seinem Erscheinen im November 2015 für Aufsehen gesorgt hat. Es unterhalten sich: der syrisch-libanesische Lyriker Ali Ahmad Saïd Esber, besser bekannt unter seinem Pseu­­donym Adonis, und Houria Abdelouahed, die als Psychoanalytikerin an der Universität Paris-Diderot lehrt. Das Thema ihrer Gespräche ist der Titel des Buchs: „Gewalt und Islam“, bewusst als Aussage formuliert und nicht als Frage.

Gerade vor dem Hintergrund der jüngsten Anschlagswelle, aber auch der Entwicklungen in der Türkei, haben die Denkansätze, die Adonis und Abdelouahed entwickeln, eine brennende Aktualität. Sie umkreisen unterschiedliche Facetten des Islam historisch, philosophisch und psychoanalytisch. Immer wieder kommt Adonis dabei auf seine Kernthese zurück, die er auch schon in früheren Schriften vertreten hat: Der Islam ist eine starre, intolerante Religion, die die Vergangenheit verherrlicht, ihre Dogmen nicht hinterfragt und in dieser Auffassung nur eine Machtposition sichern, aber keine Zukunftsvisionen entwickeln kann.

Adonis drückt es so aus: „Die Gegenwart ist die Vergangenheitszukunft“ für gläubige Muslime, der Kardinalfehler dieser monotheistischen Religion die fehlende Säkularisierung. Denn: Ein gläubiger Muslim schöpft allein aus seiner Religiosität seine Identität und aus nichts anderem. Als Subjekt ist er nicht gefragt – eigenständiges Denken und Kreativität zählen nichts. Im Gegenteil: Sie machen ihn verdächtig als Abtrünnigen von der einzig erlaubten Meinung.

Von allen großen arabischen Wissenschaftlern, Dichtern und Intellektuellen sei nicht ein einziger religiös gewesen, so Adonis – alle hätten sie außerhalb der islamischen Gemeinschaft, der Umma, gestanden, viele seien verfolgt und getötet worden. Oder in die Emigration getrieben. An dieser geistigen Stumpfheit, so die Analyse, sei auch der „Arabische Frühling“ gescheitert, auf den Adonis zunächst große Hoffnungen gesetzt hatte. Doch auch diese Bewegung habe gezeigt: „Es gibt keine arabischen Ansätze von Problemlösungen, weil das Denken vom Islam bestimmt wird.“

„Es gibt keine arabischen Ansätze von Problemlösungen.“

Genau das hat man dann in allen Ländern, in denen rebelliert wurde, gesehen: Sie sind regrediert zu Militärdiktaturen, es haben sich islamistische Regime etabliert oder es herrscht schlicht Chaos. Der Islam, das ist eine weitere Erkenntnis der Gespräche, sei dominiert von seiner gewalttätigen Geschichte, die bis heute eine Geschichte der Stammesgesellschaften sei: rein auf Eroberungen und Machtzuwachs ausgerichtet, unter Negierung aller Hochkulturen, die vor oder zunächst auch noch neben der islamischen Kultur existiert haben. Und zudem geprägt durch die tiefe Verachtung der Frau. Beides, so Adonis und Abdelouahed, sei angelegt in der Heiligen Schrift, dem Koran.

Gewalt offenbart sich schon im Koran nicht nur als religiöses, sondern auch als soziales, politisches und kulturelles Konstrukt. Allein die Aufzählung der sadistischen Bestrafungen für Frauen, die ihren Männern widersprechen oder für die sogenannten Anders- oder Ungläubigen, lassen die Bilanz, der Islam sei eine triebgesteuerte Religion, die die Psychoanalytikerin Houria Abdelouahed vehement vertritt, schlüssig erscheinen. Da diese Dominanz des Triebs bisher nie hinterfragt wurde – anders als im Christentum und Judentum – , rechtfertige und bedinge „die theoretische Gewalt der Schrift“ die praktische Gewalt gleichermaßen. „Der Islam hat vom Christentum die Apokalypse übernommen, aber nicht die Barmherzigkeit“, konstatiert Adonis, der zudem über den islamischen Mann so urteilt: „Er ist ein Wüstling“. Die Rolle der Frau sei für den Muslim klar definiert: Sie sei zweitrangig, habe sich zu unterwerfen und stehe stellvertretend für die Sünde.

Diese Auffassung, die im Zuge der Übergriffe auf Frauen in der Kölner Silvesternacht und auf diversen Großveranstaltungen wie jüngst der Breminale inzwischen auch in der öffentlichen Diskussion angekommen ist, war auch den Gesellschaften christlich geprägter Länder nicht völlig fremd. Auch im Alten Testament ist das Frauenbild kein wesentlich anderes. Und wenn man sich anschaut, welche Stellung die Frau auch heute noch in evangelikalen oder fundamentalistisch orientierten katholischen und auch jüdischen Gruppen hat, dann gibt es da nur geringe Unterschiede zum Islam.

Doch diese Rollenzuweisungen sind im Gegensatz zu muslimisch geprägten Gesellschaften nicht mehr Mainstream in den beiden anderen monotheistischen Weltreligionen. Die Auffassung von der Frau als (gefährlichem) Objekt ist in einem langen wie mühsamen Prozess überwunden worden: Im Christentum durch die Reformation, im Christen- wie im Judentum durch die kritische Auslegung biblischer Texte, Aufklärung, Säkularisierung und – mit Einführung demokratischer Gesellschaftssysteme – Meinungsfreiheit und Gleichberechtigung.

„Der arabische Mann ist ein Wüstling.“

Konsequenterweise sieht Adonis auch für die arabischen Länder die einzige Chance auf Erneuerung in laizistischen Gesellschaften. Dafür müssten die Staaten sich aber vollständig vom herrschenden „anti-modernen Obskurantismus“ verabschieden, der seinen Höhepunkt derzeit in den Aktionen von Daesch finde, den Adonis als „das Ende des Islam“ beurteilt: „Die Araber vernichten sich gegenseitig.“ Längst hat dieser blindwütige Hass auch auf Europa und die USA übergegriffen.

Auch der Westen habe allerdings seinen Teil zu der derzeitigen Eskalation beigetragen, betont Adonis. Man sei nur am Handel mit den arabischen Ländern interessiert und nicht daran, für die Idee der Aufklärung zu werben. Der Westen behandele die Araber immer noch wie zu Kolonialzeiten als potenziell unmündig und zeige wenig Verständnis für oppositionelle Ideen. Nicht nur das, er habe seit Jahrzehnten regelmäßig die falschen Gruppierungen unterstützt. So seien beispielsweise linke Bewegungen systematisch bekämpft worden, dafür wurden islamistisch geprägte unterstützt. Unrechtsregime wie das in Saudi-Arabien seien sakrosankt, da sei gerne weggeschaut worden. Und auch die lange Geschichte von Folter und Unfreiheit unter dem Assad-Clan in Syrien sei ein halbes Jahrhundert lang kein Thema gewesen.

Mit diesem packend zu lesenden Dialog mit Houria Abedelhouahed, der Adonis‘ Thesen bündelt und schärft, wird sich der Dichter nicht nur Freunde machen. Doch das ist Adonis gewohnt. Seit Jahren erhält er Morddrohungen von Islamisten. Auch linke Intellek­tuelle und diejenigen, die sich für einen „modernen Islam“ einsetzen, kritisieren ihn scharf für seine grundsätzlichen und wenig auf konkrete Situationen bezogenen Überlegungen. Denn Adonis‘ Haltung ist eine pessimistische: Für ihn ist der Islam nicht refomierbar. Strömungen wie den Sufismus oder den Mystizismus sieht er nicht als islamisch an, sondern als philosophisch; die Begründer dieser Schulen hätten ihre Vorstellungen lediglich unter der grünen Flagge segeln lassen, um nicht in Konflikt mit den strenggläubigen muslimischen Herrschern zu geraten.

Der 86-Jährige, der seit 30 Jahren in Paris im Exil lebt, wurde einem breiteren Publikum im vergangenen Jahr durch die Querelen um die Vergabe des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises bekannt. Die Stadt Osnabrück verlieh dem Autor diese Auszeichnung im November, im Vorfeld gab es massive Proteste von anderen Autoren gegen die Entscheidung; Friedenspreisträger Navid Kermani weigerte sich, die Laudatio zu halten. Der Vorwurf: Adonis habe sich nicht deutlich genug vom Regime des syrischen Diktators Bashar al-Assad distanziert und keine klare Haltung zum Bürgerkrieg formuliert. Adonis hat auf diese Vorwürfe in mehreren Interviews auf seine Art reagiert. Er habe den syrischen Machthaber 2011 in einem Brief zum Rücktritt aufgefordert. Einen weiteren Brief habe er an die syrischen Revolutionäre geschickt und sie nach ihrer politischen Vision für ein Syrien nach Assad gefragt. Eine Antwort habe er in beiden Fällen nicht bekommen.

Adonis: Gewalt und Islam – im Gespräch mit Houria Abdelouahed. Aus dem Französischen von Christine und Neïl Belakhdar. Sujet, Bremen. 240 Seiten, 19,80 €.
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