Trotz Krise

Bremerin gründet Buchverlag

Mitten in der Krise der Branche hat die Bremerin Ausma Zvidrina einen Buchverlag gegründet. Ein Besuch bei Golden Press im Viertel.
13.12.2019, 20:53
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Bremerin gründet Buchverlag
Von Katharina Frohne
Bremerin gründet Buchverlag

Zwei Platten und drei Bücher sind bislang bei Golden Press erschienen. Im Mai kommt Buch Nummer vier: ein Band über die Arbeit des Künstlers Daniel von Bothmer. Ein inhaltliches Konzept habe sie nicht, sagt Verlegerin Ausma Zvidrina. "Ich veröffentliche, was in die Welt muss."

Kuhaupt

Neben der Ladentür hängt die Erinnerung an die Krise. In einem an die Wand montierten Zeitschriftenregal klemmt die letzte Ausgabe der „Juice“. Drei Wochen ist es her, dass die Macher des Hip-Hop-Magazins dessen Ende bekannt gaben. Nach 22 Jahren und 195 Heften. Aus, Schluss, vorbei, zumindest auf dem Papier. Weiter gehe es ab 2020 nur noch digital, heißt es auf der Website. Denn: „Das Format Print ist tot.“

Wenige Meter weiter, zwischen Schallplatten und Bücherbergen, sitzt die Frau, die das nicht glaubt. Vor drei Monaten hat Ausma Zvidrina etwas getan, das selbst Freunde von ihr als einigermaßen irre bezeichneten: In einer Zeit, in der Zeitungen verschwinden, Auflagen zurückgehen und Gedrucktem beharrlich der Untergang prophezeit wird, hat sie einen Verlag gegründet.

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Golden Press heißt er – weil das nahelag. Seit zwölf Jahren führt Zvidrina den Buch- und Plattenladen Golden Shop im Viertel. Der sieht aus, wie eine Buchhandlung aussieht, von der alle sagen, dass alle Buchhandlungen so aussehen sollten: deckenhohe Regale, knarzende Dielen, in der Ecke ein alter Sessel, überall Bücher, Kalender, Postkarten, Kunst. Wohliges Durcheinander.

Ihren Verlag verwaltet die 40-Jährige von hier aus. „Bücher und Bücher, das passt doch“, sagt sie. An diesem Dezembervormittag hockt sie auf einem Hochstuhl neben dem Tresen. Der Laden öffnet erst in einer Viertelstunde; Zvidrina, Trainingsjacke und Turnschuhe, klickt sich durch E-Mails. Zu ihren Füßen döst Lefka, ihre 14 Jahre alte Hündin. Das Geschäft liegt in Sielwallnähe; dort also, wo das Viertel so sehr Viertel ist wie nirgendwo sonst. Zu hören ist davon nichts; es ist so still, wie es oft ist, wo viele Bücher sind.

Schwierigkeiten mit großen Verlagen zu verhandeln

Die Idee, selbst zu verlegen, wird Zvidrina später erzählen, sei ihr spontan gekommen, im Gespräch mit einem Bekannten. Der in Kassel lebende Künstler Rolle hatte davon berichtet, dass er gerade mit einem großen Verlag über sein neues Buchprojekt verhandele. Wie schwer das sei, weil beide Seiten viele Vorstellungen haben, aber selten dieselben. Wie frustrierend das sei, manchmal. „Warum fragst du nicht einfach mich?“, habe sie sich da plötzlich sagen hören, erzählt Zvidrina. Also habe er gefragt. Und sie habe gesagt: „Alles klar, ich verlege dein Buch.“

Anderthalb Jahre später erschien der Fotoband „Copines“. Im ersten Teil sind in dem Schwarz-Weiß-Porträts der Bewohner einer der größten Roma-Siedlungen in Bulgarien zu sehen, im zweiten Graffitis in Perpignan, Südfrankreich. Zvidrina hält sich das Buch vor die Brust, zeigt es her wie eine Trophäe. „Ohne mich hätte es das nie gegeben“, sagt sie. „Das ist schon ein geiles Gefühl.“

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Während Zvidrina von „Copines“ spricht, geht die Tür auf, eine Frau mit blonden Locken steuert den Verkaufstresen an, Lefka hebt träge den Kopf. „Ich brauch wieder deine Hilfe“, sagt die Kundin. „Dein Vater?“, fragt Zvidrina. „Genau“, sagt die Frau. Sie erzählt, dass Zvidrina regelmäßig Lektüre empfehle, dass sie immer richtig liege, dass ihr Vater inzwischen „ein großer Fan“ sei. Zvidrina steht da längst vor einem der Büchertische, greift nach einem Buch mit blauem Einband. „Das!“, sagt sie.

Wüsste man es nicht besser, man könnte meinen, Zvidrina hätte für den Besuch der Presse Statisten engagiert. Ein Mann mit Hornbrille erzählt, dass er hier immer finde, was er suche. Und, was er nicht suche – was fast noch besser sei. „Ich hab gehört, du hast Superkräfte!“, sagt ein anderer Kunde gleich zur Begrüßung. „Ich nenne dir ein paar Schlagwörter und du suchst das perfekte Buch raus.“

Ein Comic über die Geschichte des Bremer U-Boot-Bunkers „Valentin"

Zvidrina empfiehlt, kramt hervor, schwärmt, plaudert. Erwähnt ab und zu ihre eigenen Bücher. Jens Genehrs „Valentin“ zum Beispiel, ein Comic über die Geschichte des gleichnamigen Bremer U-Boot-Bunkers, bei dessen Bau Zwangsarbeiter aus ganz Europa umkamen. 1000 Exemplare hatte Zvidrina drucken lassen, weil man es „ja nicht gleich übertreiben“ will. Inzwischen sind die fast ausverkauft. Die zweite Auflage kommt im Januar.

Der neueste der drei bislang veröffentlichten Titel erschien Anfang November: Dietmar Daths „Du bist mir gleich“. Dath ist, anders als die anderen Autoren, ein echter Fang. Einer, den man kennt in der Literaturszene. Mit Romanen wie „Die Abschaffung der Arten“, „Feldeváye“ und „Venus siegt“ hat Dath sich in den vergangenen Jahren ein eigenes Genre erschrieben: intellektuelle Science-Fiction. Sein neuestes Werk kommt da vergleichsweise bodenständig, wenn auch gebührend nerdig daher: Eine Zeitungsredakteurin soll einen Nachruf auf eine geniale Wissenschaftlerin schreiben und verliebt sich in die Welt der Mathematik.

Eigentlich müsste es einen wundern, dass Zvidrina einen wie Dath bekommen hat; einen gestandenen Schriftsteller, der bislang vor allem bei Suhrkamp veröffentlichte. Im Gespräch aber erübrigt sich das. Zvidrina ist eine, die das kann: Direkt diese Nähe aufbauen, für die andere Jahre brauchen. Rumkumpeln, Kontakte nutzen. Mit Dath, erzählt sie, habe sie schon einige Lesungen organisiert. Man kenne sich also, telefoniere ab und zu. Irgendwann habe sie dann Golden Press erwähnt. Und Dath habe gesagt: „Ich hab da was.“

Wer Zvidrina zuhört, der bekommt den Eindruck: Vielleicht ist vieles im Leben leichter, als man denkt. „Einfach“, dieses Wort sagt sie oft; „einfach fragen“, „einfach ausprobieren“, „einfach machen“. Den Verlag, sagt sie, hätten nicht wenige für eine Schnapsidee gehalten. „Die Leute sagen dann: Ehrlich? Bücher? Klar hör ich oft: Bist du bekloppt?“ Sie erwidere dann, dass sie an gute Ideen glaube: „Meine Erfahrung ist: Wenn sich etwas richtig anfühlt, dann klappt's.“

„Immer, wenn ich nicht weiter weiß, frage ich Profis“

Unterstützung, sagt sie, bekomme sie von allen Seiten. Von anderen Verlegern, von Lektoren, von Autoren. „Immer, wenn ich nicht weiter weiß, frage ich Profis“, sagt sie. Unangenehm sei ihr das nicht. „Warum auch? Ich lerne immer noch dazu.“

Das muss sie auch: Golden Press ist ein Eine-Frau-Unternehmen. Abgesehen von der Gestaltung der Bücher, die der Hamburger Grafiker übernimmt, der auch Logos, Flyer und Plakate für den Laden designt, macht Zvidrina alles selbst. Sie lektoriert, korrigiert, hält Rücksprache mit den Autoren, wählt Papier und Einband, begleitet den Druck, verschickt Bestellungen, kontaktiert Journalisten.

Geld für die ersten Bücher lieh Zvidrina sich bei ihren Eltern. Und bei Freunden, die genau so buchverliebt sind wie sie. Starthilfe, auf die sie bald nicht mehr angewiesen sein will. Der Verlag soll sich selbst finanzieren, so schnell wie möglich. Das große Geld, sagt Zvidrina, werde sie so trotzdem nicht machen, natürlich nicht, da sei sie realistisch. Darum gehe es ihr aber auch nicht. „Reich werd' ich damit nicht – aber glücklich, das auf jeden Fall“, sagt sie. Und wenn alles schief gehe, habe sie ja immer noch ihren Laden. Und die Bücher der anderen. Und Lefka. Sie ist sicher: Vor ihr liegen goldene Zeiten. So oder so.

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