Debatte um „City of Literature“

Bremerin wünscht sich Literaturhaus für Bremen

Bremen braucht ein Literaturhaus, findet Gieslinde Naumburger – und liefert der Kulturbehörde eine Steilvorlage. Zurück kam bislang: wenig.
31.01.2020, 11:22
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Bremerin wünscht sich Literaturhaus für Bremen
Von Katharina Frohne
Bremerin wünscht sich Literaturhaus für Bremen

Gieslinde Naumburger, 66, engagiert sich seit zweieinhalb Jahren für ein Literaturhaus für Bremen. Besonders drängend erscheint ihr die Einrichtung einer solchen Institution, seit Carsten Sieling (SPD), damals noch Bürgermeister und Senator für Kultur, 2018 ankündigte, eine Bewerbung als "City of Literature" anzustreben. Ohne Literaturhaus ein "völlig unrealistisches" Unterfangen, sagt Naumburger. "Ich befürchte, dass die Stadt sich vor allem für das Etikett interessiert, um damit für sich werben zu können."

Frank Thomas Koch

Gieslinde Naumburger ist vorbereitet. Auf dem Café-Tisch vor ihr liegt ein dicker blauer Ordner. Darin: Interviews, Zeitungsartikel, Fotos. Stoff aus zweieinhalb Jahren Recherche. Naumburger wünscht sich ein Literaturhaus für Bremen. Einen Ort, an dem es Lesungen gibt, vielleicht eine Bibliothek, vielleicht ein Café. Eine Institution, wie es sie in vielen anderen deutschen Städten längst gibt; Städten, die teils kleiner sind als Bremen. Rostock zum Beispiel. Oder Kassel.

Also ist Naumburger losgefahren, nicht nur nach Kassel und Rostock, auch nach Hamburg, Berlin, Leipzig und Köln. Sechs Häuser hat sie besucht und besichtigt, sechs Leiter hat sie getroffen, viele Fragen gestellt. Den Fragenkatalog hat sie selbst entworfen, sie hat ihn auch jetzt dabei, anderthalb Din-A4-Seiten, dicht bedruckt. „Wer hat die Initiative ergriffen, das Literaturhaus zu installieren?“, steht da beispielsweise. Oder: „Wie werden Sie finanziert?“ Oder: „Welche Projekte kommen besonders gut an, haben sich bewährt?“ Was sie herausfand, heftete Naumburger ab, fein säuberlich, im blauen Ordner. Herausgekommen ist ein Konvolut an Informationen. Eine Art How-to-Literaturhaus.

Naumburger will, dass endlich etwas passiert

Naumburger tut das alles, weil sie will, dass etwas passiert. Weil sie hofft, dass die Stadt mitmacht, wenn sie sieht, wie es gehen könnte – weil es anderswo schließlich auch geht. Naumburger erzählt das an einem dieser trüben Januartage, an denen es nie richtig hell wird, an denen es schon mittags nach Dämmerung aussieht. Naumburger, 66 Jahre alt, trägt einen pinken Pullover, dazu modischen Schmuck und passenden Lippenstift. Fast vier Jahrzehnte war sie Lehrerin, Deutsch und Sport, erst am Gymnasium, dann an einer Grundschule. Geliebt habe sie ihren Beruf, sagt sie. Den Austausch mit den jungen Menschen; die Möglichkeit, sie ein Stück ihres Weges zu begleiten. Ihnen etwas mitzugeben, sie zu begeistern.

Zum Beispiel für Sprache. Naumburger weiß, wie wichtig das ist: sich artikulieren zu können, nicht nur in Aufsätzen und Klausuren, auch im Alltag, im Gespräch mit anderen, weil sich nur erklären kann, wer die Worte dafür findet. Für genauso wertvoll hält sie das Lesen, das Eintauchen in Geschichten, in andere Welten. Doch genau dafür, sagt sie, sei in der Schule oft zu wenig Zeit. „Lehrpläne und Tests machen es unmöglich, über die Lernziele hinaus zu lesen und vielleicht auch den Kindern Lust auf Literatur zu machen, denen noch der Zugang fehlt.“ Auch für sie, für Kinder und Jugendliche, sagt Naumburger, könnte das Literaturhaus ein Ort sein, der Platz biete für das, was im Unterricht immer zu kurz komme: zwanglos zu lesen und zu schreiben, ohne Leistungsdruck, einfach so. Weil es Spaß macht.

Lesen Sie auch

Naumburger blättert in Papieren. Der Gedanke, dass es einen solchen Ort bräuchte, kam ihr 2015. Eigentlich war er schon vorher da, immer ein bisschen, aber damals, im November, setzte er sich fest, nistete sich ein und blieb. Naumburger saß am Frühstückstisch und las im Kulturteil des WESER-KURIER einen Artikel, der anlässlich des zehnten Geburtstags des virtuellen Literaturhauses erschien. Darin heißt es: „Offenbar ist der Stadt Bremen mehr an ihrem fraglos bedeutsamen Literaturpreis gelegen als einem Obdach für Autoren, das diesen Namen verdient.“ Und weiter: Wenn die Hansestadt nicht nur „alle Jubeljahre zugkräftige Autoren locken will, bedarf sie eines Literaturhauses mit repräsentativem Sitz und angemessener personeller und finanzieller Ausstattung“. Ja, habe sie da gedacht, sagt Naumburger. Ja, ja, ja.

Behörde äußert sich nur auf erneute Nachfrage

Knapp zwei Jahre später fing sie an. Sie war damals gerade in Rente gegangen, hatte nach 38 Jahren im Beruf endlich Zeit. Ihr Ziel: eine Vorlage liefern, die etwas in Gang setzt. Und: Skeptikern die Angst nehmen. „In Bremen geht es ja immer ums Geld“, sagt Naumburger. „Deshalb wollte ich zeigen, dass ein solches Haus die Stadt finanziell gar nicht so sehr belasten müsste.“ Viele andere Häuser etwa würden nur zur Hälfte öffentlich gefördert; die andere Hälfte würde dann von einer Stiftung getragen oder durch die Mitgliederbeiträge eines eigens gegründeten Vereins. Auch die Betriebskosten müssten nicht sonderlich hoch sein; in vielen Häusern gebe es nur drei Angestellte, von denen nicht alle Vollzeit arbeiteten. Für ein Café würden in der Regel externe Betreiber gewonnen.

All das geht auch aus den Interviews hervor, die Naumburger geführt und verschriftlicht hat. Über deren Existenz informierte sie Alexandra Tacke, Literaturreferentin des Senators für Kultur, bereits im September vergangenen Jahres. Bei einem persönlichen Treffen habe sie Tacke, die sich interessiert und aufgeschlossen gezeigt habe, einen offenen Brief übergeben, in dem sie ihr Anliegen ausführte; außerdem eine Kopie des Gesprächs mit Reiner Mnich, dem Leiter des Literaturhauses Rostock. Schon im August habe sie zudem auf einer Podiumsdiskussion Bremer Kulturschaffender, zu der die Behörde geladen hatte, ihr Anliegen vorgetragen. Gehört habe sie seit September nichts.

Lesen Sie auch

Ein Umstand, der sie ärgert. Besonders, da Carsten Sieling (SPD), damals noch Bürgermeister und Kultursenator, schon im April 2018 die Absicht äußerte, sich mit Bremen als „City of Literature“ zu bewerben – ein von der Unesco initiierter Zusammenschluss von Städten, die sich in besonderem Maße für die Förderung des jeweils lokaltypischen Literaturmarkts einsetzen. Gestartet ist das Projekt 2004, 39 Städte aus 28 Ländern wurden aufgenommen. Als einzige deutsche Stadt ist bislang Heidelberg dabei.

„Völlig unrealistisch“

Dass Bremen Chancen auf den Titel hätte, glaubt Naumburger nicht. „Eine Bewerbung als 'City of Literature' ohne Literaturhaus – das geht gar nicht“, sagt sie. „Das ist völlig unrealistisch.“ Und noch etwas stört sie: „Ich befürchte, dass die Stadt sich nur für das Etikett interessiert, um damit für sich werben zu können.“ Viel wichtiger sei es, der literarischen Szene und allen literaturinteressierten Bremern zuliebe erst einmal eine Einrichtung zu etablieren, die es an anderen Orten längst gibt.

Das Literaturhaus am Schwanenwik in Uhlenhorst.

Das Literaturhaus am Schwanenwik in Uhlenhorst.

Foto: imago stock&people

Die Kulturbehörde selbst lässt auf Nachfrage wissen, dass man sich „seit August vergangenen Jahres in einem konstruktiven Austausch“ mit Naumburger befinde, deren Recherchen man als „interessant und informativ“ erachte. Naumburger sei zudem signalisiert worden, so sagt Sprecherin Alexandra Albrecht, „dass die Idee, ein Bremer Literaturhaus zu etablieren, Eingang in den Aktionsplan für die Unesco-Bewerbung um den Titel 'City of Literature' finden sollte“ – eine Absicht, die unter anderem bereits im Kulturförderbericht (wir berichteten) geäußert worden sei. Naumburger sei zudem mitgeteilt worden, dass man sich unmittelbar bei ihr melden werde, sobald die Haushaltsverhandlungen abgeschlossen seien und der Bewerbungsprozess im Herbst konkretere Formen annehme.

Das bestreitet Naumburger nicht – von einem konstruktiven Austausch könne jedoch keine Rede sein; auf eine offizielle Rückmeldung der Behörde warte sie seit vier Monaten vergeblich. Der weitere Kontakt mit Tacke habe sich auf zufällige Begegnungen bei Lesungen und „zweiminütige Wortwechsel“ auf ihre Initiative hin beschränkt. Den Plan, die Etablierung eines Literaturhauses erst mit der Unesco-Bewerbung anzugehen, hält Naumburger für unklug: „Ein Literaturhaus müsste der erste Schritt sein, eine Bewerbung der zweite. Die Priorität liegt bislang deutlich auf dem 'City-of-Literature'-Titel. Alle Äußerungen zum Literaturhaus beschränken sich auf vage Absichtserklärungen.“

Weitermachen will Naumburger trotzdem. Sie hat weitere Literaturhaus-Besuche geplant, nach München will sie fahren, nach Stuttgart, nach Frankfurt. Was sie mitbringt, teilt sie gern, sagt sie. Wenn es jemand sehen will.

Info

Zur Sache

Ein Ort für die Literatur

Das erste deutsche Literaturhaus wurde 1986 in Berlin gegründet. Seither zogen viele Städte nach. Ziel ist es, die Auseinandersetzung mit Literatur in der Gesellschaft zu fördern. Die Häuser bieten Lesungen, Kinder- und Jugendprogramme, Film- und Hörspielabende, Ausstellungen und Workshops, Literaturfeste und Symposien, Vorträge und Podiumsdiskussionen. In der Regel verfügen sie über Veranstaltungsräume, eine kleine Bibliothek oder Buchhandlung sowie ein Café. In Bremen gibt es ein solches Haus bisher nicht. Verschiedene literarische Veranstaltungen werden vom Literaturkontor, gegründet 1986, organisiert; zudem gibt es seit 2005 das virtuelle Literaturhaus – eine digitale Plattform für die literarische Szene.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+