Regionalkrimi-Boom

Brezeln und Totschlag

Heimatroman neuen Typs: Wie sich eine hierzulande lange unterschätzte Literaturgattung flächendeckend etabliert hat.
23.09.2019, 14:39
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Brezeln und Totschlag
Von Hendrik Werner
Brezeln und Totschlag

Zwischen anheimelndem Dialekt und krachlederner Dialektik: Zu den erfolgreichsten Regionalkrimis zählt Rita Falks Romanreihe um den Polizisten Franz Eberhofer. Szene aus der "Dampfnudelblues"-Verfilmung mit Sebastian Bezzel (links) in der Hauptrolle.

Constantin Film Verleih

Bremen. Regionalkrimis hatten es hierzulande über lange Zeit schwer. Jahrelang wurden sie von der Literaturkritik müde bis milde belächelt. Schon der Name dieser Gattung klang wie eine herablassende Schmähung: nach Regionalbahn, einem zuckelnden Zug, der an jeder Milchkanne hält. Und nach behäbigen Provinzpassagieren, denen eine Einfalt und der Geruch von Rüben anhaftet.

Alles Mumpitz! Tatsächlich hat sich die Nähe eines Tatorts zum Wohn- oder auch Urlaubsort der Leserschaft längst als verkaufsfördernde Komponente erwiesen. Kleinere Verlage wie Emons (Köln), Gmeiner (Meßkirch), Grafit (Dortmund) und Pendragon (Bielefeld) haben sich mittlerweile auch deshalb erstaunlich gut etabliert, weil sie programmatisch auf Delinquenz und ortsansässige Fahnder in Oberbayern oder im Münsterland, im Allgäu oder an der ostfriesischen Nordseeküste setzen. So gut (verkäuflich) sind einige ihrer bloß geografisch in der Regionalliga spielenden Fälle, dass die Bundesligisten unter den Verlegern stärker als vormals darüber nachdenken, welcher Autor eine Abwerbung lohnt.

Crossmediale Verwertbarkeit

Wie spannend Heimatkunde sein kann und wie crossmedial sie verwertbar ist, zeigt mustergültig eine absichtsvoll als Provinzkrimis etikettierte Reihe nach Romanen von Rita Falk, die so appetitliche Titel tragen wie „Schweinskopf al dente“, „Grießnockerlaffäre“ und „Zwetschgendatschikomplott“. Unlängst ist der zehnte Band um den Ermittler Franz Eberhofer erschienen, der im fiktiven bajuwarischen Ort Niederkaltenkirchen ermittelt. Seit der fünften Mission für Eberhofer erklimmen die bei im dtv-premium-Verlag erscheinenden Bücher regelmäßig den ersten Rang der Spiegel-Bestsellerliste (in der strandurlaubsfreundlichen Kategorie Paperback Belletristik).

Die von Regisseur Ed Herzog verantworteten Verfilmungen der Reihe mit Sebastian Bezzel in der Hauptrolle sind auf so anarchische Weise gewitzt, dass sie auch in Kinosälen nördlich des Weißwurstäquators zahlreiche Zuschauer locken. Das liegt auch daran, dass sowohl Falk als auch Herzog Lokalkolorit nicht bloß behaupten, sondern es kunstvoll ausstellen und mehren. So ist die Besetzung von Eberhofers kiffendem Hippie-Vater mit dem Komödianten Eisi Gulp ein Coup, der das Format beglaubigt und aufwertet.

Derzeit ist der Boom des Genres an der Intensität ablesbar, mit der sich Krimifestivals damit befassen. Dazu zählt neben der an diesem Sonnabend endenden 22. Auflage des Bremer Festivals „Prime Time – Crime Time“, das unter anderem mit den hiesigen Autoren Jürgen Alberts und Alexa Stein aufwartet. Seit drei Jahren verantwortet Perdita Krämer, künstlerische Leiterin des Bremer Kriminal-Theaters, den Mord-und-Totschlag-Veranstaltungsreigen. Ihr ist es seitdem gelungen, das zuvor dümpelnde Festival zu früherer Größe und Vielfalt zurückzuführen.

Just begonnen haben die 11. Ostfriesischen Krimitage (bis 29. November), deren Tatorte sich auf die gesamte Region verteilen. Die Strahlkraft des Ostfriesenkrimis bemisst sich nicht zuletzt an der Frequenz, mit der Klaus-Peter Wolf seine Reihe um Kriminalkommissarin Ann-Kathrin Klaasen weiterspinnt, deren Part in den quotenträchtigen Verfilmungen Christiane Paul spielt. Überdies scheint schon der Umstand, dass die Regionalkrimis so beachtliche Buchtitel wie “Mörder mögen keine Matjes“, „Granat hat keine Gräten“ sowie „Krabbenbrot und Seemannstod“ tragen, dem Siegeszug des Genres zuzuarbeiten.

Weil in der pittoresken Region zwischen Esens und Leer besonders viele Regionalkrimis spielen, ist seit einigen Jahren sogar ein signifikanter Zuwachs an Touristen zu beobachten, die auf den Spuren literarischer Ermittler wandeln. Sei es in der pittoresken Altstadt Leers, bekannt unter anderem aus der ZDF-Krimireihe „Friesland“. Sei es in einem Café in Norden, wo Besucher gute Chancen haben, Bestsellerautor Klaus-Peter Wolf, ein Vermarktungsgenie in eigener Sache, anzutreffen. Folgerichtig bezeichnet der gebürtige Emdener Peter Gerdes, der die Ostfriesischen Krimitage organisiert und seinerseits Spannungsromane schreibt, den Regionalkrimi als „die neue Heimatliteratur“.

Einen Nimbus als Wegbereiter des Genres hat sich der Ex-Journalist Michael Preute erarbeitet, der sich als Kriminalromancier Jacques Berndorf nennt. Er hat die einst verfemte Gattung vom vermeintlichen Stallgeruch befreit. Vor 30 Jahren legte er den ersten von einem guten Dutzend Bänden um den Ermittler Siggi Baumeister vor. Angesiedelt sind dessen Fälle in der Eifel. Es ist nicht ehrenrührig, dass sie über ähnlich viel stimmungsvolles Lokalkolorit verfügen wie, sagen wir mal, die ZDF-Verfilmungen der Rosamunde-Pilcher-Romanzen. Das Auge ist bekanntlich ein Mitesser, und eine gelungene Naturschilderung kann die Dynamik einer Geschichte unterstützen, indem sie das Seelenleben der Handlungsträger spiegelt oder doppelt, konterkariert oder kommentiert. Merke: Auch die Psyche des Menschen ist eine Landschaft, die gründlich verheert werden kann.

Die Ausdauer von Berndorf, der sozusagen die Scholle in der Spannungsliteratur salonfähig machte, bereitete den Boden für die Verbreitung der Bücher weiterer regional verankerter Autoren. Besonders erwähnenswert in der Erfolgsgeschichte des Regionalkrimis ist der Triumph von Andrea Maria Schenkel und ihrer historischen Heimatthriller. Zugleich sind „Tannöd“ (2006) und „Finsterau“ (2012), diese in der bayerischen Provinz angesiedelten Schauermären um Schuld und Sühne, machtvolle Einsprüche sowohl gegen glatt polierte Euro-Krimis von der Stange als auch gegen handelsübliche Urban-Stalking-Moritaten aus München oder Berlin. Die Bücher Schenkels und ihrer ideellen Nachahmer bieten eine unverwechselbare regionale Identität auf. Gegen eine von sperrigen Eigenheiten gereinigte Rhetorik, wie sie noch den Kriminalroman der 80er-Jahre auszeichnete, setzen sie ein Sprechen, das Wurzeln hat und diese offen herzeigt. Jacques Berndorf und Andrea Maria Schenkel haben gezeigt, dass von deutschem Boden ein guter Krimi ausgehen darf, dessen Güte Stallgeruch nicht abträglich ist.

Krachledernes Lokalkolorit

Davon profitieren heute Autoren, die krachledernes Lokalkolorit kultiviert haben. So wie der Musikkabarettist Jörg Maurer, der vor zehn Jahren eine bemerkenswerte Alpenkrimi-Manufaktur begründet hat – und der 2013 mit dem Radio-Bremen-Krimipreis belobigt wurde. „Föhnlage“ hieß der erste Fall für Kommissar Jennerwein, in dessen Namen nicht von ungefähr ein Berg bei Berchtesgaden echot. Dabei ist es neben dem regionalen Plot – die heikle Vergabe einer Winterolympiade an einen alpinen Kurort – vor allem Maurers Sinn für subversiven regionalen Witz sowie für Dialekt und Dialektik, der Lektürespaß garantiert. Zwölfte und jüngste Hervorbringung: „Am Tatort bleibt man ungern liegen“.

Ähnlich launig verhält es sich mit den inoffiziellen Königen des Regionalkrimis, dem aus Kempten stammendem Autorenduo Volker Klüpfel und Michael Kobr. Dessen Fälle für Kommissar Kluftinger, diesen ebenso kauzigen wie kultverdächtigen Serienheld, der die Sage von der Schönheit des Allgäus bis in fernste Landeszipfel trägt, stehen exemplarisch für den Erfolg eines emanzipierten Formats, das nimmer belächelt wird, sondern zum lauten Lachen lädt – und klasse Kasse macht. Diese komfortable Situation gilt auch für die Verfilmungen des Stoffes mit Herbert Knaup, der schon in seiner Zeit als Ensemblemitglied des Bremer Schauspiels ein sein Faible für skurrile Charaktere bewiesen hat.

Auf den Punkt bringt den Erfolg des Regionalkrimis der Verleger Armin Gmeiner aus dem schwäbischen Meßkirch: „Kein Ort ohne Mord“ attestiert er in allenfalls moderater Übertreibung der deutschen Krimilandkarte. Eine realitätsnahe Einschätzung, die der Büchermacher gut begründet, wenn er von „Verbundenheit in einer zunehmend globalisierten und unübersichtlichen Welt“ spricht.

Strukturell ähnlich argumentiert der Ostfriese Peter Gerdes, wenn er die norddeutsche Küste als archaisch und kleinteilig bezeichnet – und deren Orte als überschaubare soziale Einheiten einordnet, die im Gegensatz zu anonymen Großstädten selbst dann noch anheimelnd wirkten, wenn sie von Mördern handeln, die Matjes nicht mögen.

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