Staats- und Universitätsbibliothek

Bühnen-Spielpläne aus 250 Jahren

Die Staats- und Universitätbibliothek hat ihre Sammlung Bremer Theaterzettel online zugänglich gemacht. Sie geben Auskunft über 250 Jahre Theater-Kultur.
15.07.2019, 20:49
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Bühnen-Spielpläne aus 250 Jahren
Von Silke Hellwig

„Mit hochobrigkeitlicher Bewilligung“ wurde am Montag, 16. Oktober 1809, in Bremen Friedrich Schillers bürgerliches Schauspiel „Kabale und Liebe“ in fünf Aufzügen gezeigt. Beginn der Aufführung war um 18 Uhr, Ende gegen 21 Uhr. Der Ort ist nicht benannt, es gibt nur folgenden Hinweis. „Die Auffahrt der Kutschen zum Schauspiel geschieht über die Bischofsnadel.“ Woher weiß man das?

Von einem Bremer Theaterzettel – rund 23 000 solcher Zettel aus dem 18. bis 20. Jahrhundert sind seit Kurzem digitalisiert und stehen auf den Seiten der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen (SuUb) zur Verfügung. „Damit wird ein bisher nur in Magazinen verwahrter Schatz hanseatischer Geistes- und Kulturgeschichte wieder öffentlich zugänglich“, sagt Maria Elisabeth Müller, Direktorin der Bibliothek. Möglich gemacht wurde das mit einem SuUB-Projekt, das seit dem Jahr 2016 verfolgt wird.

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Was sind Theaterzettel? Das gesammelte Wissen der Online-Enzyklopädie Wikipedia beinhaltet auch das: „Ein Theaterzettel ist ein Plakat, das sehr kurzfristig produziert und am Tag einer Aufführung im und vor dem Theater ausgehängt wird“, heißt es da. Manchmal seien die Zettel auch, Flugblättern ähnlich, per Hand verteilt worden.

Sie waren dazu da, die Ränge zu füllen: Die Theatergesellschaften waren als Privatunternehmen auf derartige Werbung angewiesen. Neben dem Stück, dem Ort und der Uhrzeit tragen die Zettel die Namen der Schauspieler und ihrer Rollen, heutigen Programmheften ähnlich, nur in aller Kürze.

Auch Preise sind genannt: „erster Rang und Parquet: 48 Grote“ (in Bremen eine Hauptmünze bis 1872). Es gibt auch Zettel, auf denen über plötzliche Spielplan-Änderungen informiert wurde: „Wegen Heiserkeit des Fräulein Nolden wird statt ,Don Joan‘ ,Der Troubadour‘ gespielt.“ Anfang des 20. Jahrhunderts werden Wochenpläne verteilt, mit einer Sieben-Tage-Übersicht, beispielsweise vom „Stadttheater an der Weide“.

Von der Freilichtbühne zu feststehenden Häusern

Ortsangaben fehlen auf einigen der Exemplare – „der Schauplatz ist bekannt“, heißt es dort. Das liegt laut Maria Elisabeth Müller zum einen an der Verteilungspraxis: Wer die Zettel auf seinem Stuhl im Theater fand, wusste, wo er am nächsten Abend mit der angekündigten Aufführung rechnen konnte. Außerdem bespielten Theatergesellschaften und Schauspielervereinigungen eine Reihe unterschiedlicher Spielstätten und Freilichtbühnen, bevor es (von 1792 an) feststehende Häuser gab, erläutert die Direktorin weiter.

So erkläre sich eine Spielort-Angabe wie „zwischen den beiden Weserbrücken“ aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Die Ankündigungen für das nächste Stück seien nie für die Ewigkeit gedacht gewesen, so die Direktorin weiter, sondern hatten „eine eher kurzlebige Präsenz“. Meist seien sie auf billigem Papier gedruckt, entsprechend vorsichtig müsse mit ihnen umgegangen werden. „Die Digitalisierung dient auch der Sicherung der kulturellen Überlieferung.“

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Die Zettel geben nicht nur Auskunft über die Organisation des Bremer Schauspiels und die Zahl solcher Privatunternehmen – wie die „Kesselsche Gesellschaft deutscher Schauspieler“ oder die „Dietrichsche Gesellschaft deutscher Schauspieler“ – sondern auch über den Publikumsgeschmack, Theater-Moden und politische Vorgaben. Der älteste Programmhinweis stammt aus dem Jahr 1762, der jüngste datiert aus den frühen 1940-Jahren.

1762 steht das Lustspiel „Democrit, der lachende Philosoph bei Hofe“ (in Versen und fünf Aufzügen) auf dem Spielplan der „Gesellschaft der deutschen Schauspieler“, gefolgt von dem „pantomimischen Ballet“ namens „Die Fischer“. Am „Theater der Hansestadt Bremen“ werden im Sommer 1943 unter anderem „Tosca“, „Der Zigeunerbaron“ und „Madame Butterfly“ gegeben.

Die Sammlung spiegele, was Michael Rüppel vor einigen Jahren in seinem Beitrag zu „200 Jahre Bremer Theatergeschichte“ festgestellt habe, so Müller weiter: Ende des 18. Jahrhunderts wurden in Bremen oft französische Lustspiele gegeben sowie Opern und Singspiele. Im 19. Jahrhundert wurde das Schauspiel von „Unterhaltungsdramatik bestimmt“. Stücke von Lessing, Goethe, Schiller, Kleist, Grillparzer und Hebbel seien regelmäßig gezeigt worden, außerdem Shakespeares Dramen.

Die Digitale Theaterzettel-Sammlung

Dass die Sammlung in diesem Umfang erhalten ist, ist auch dem Theater Bremen zu verdanken, das die Theaterzettel selbst Jahrzehnte lang aufbewahrte und archivierte. Ende des 19. Jahrhunderts sei der Fundus der Staatsbibliothek anvertraut worden.

Erst damit habe die Bibliothek selbst begonnen, die Zettel zu sammeln. Auf diese Weise sei „eine herausragende Primärquelle zur Geschichte der Bremer Theater“ entstanden, die einen Überblick über „250 Jahre Theaterpraxis“ in Bremen erlaube, sagt Maria Elisabeth Müller. Die Zettel vermittelten „ein Bild der kulturellen Identität der jeweiligen Zeit und stellen ein reiches Quellenmaterial für ein breites Spektrum kulturwissenschaftlicher Fächer bereit“.

Das Digitalisierungsprojekt in Bremen war laut Maria Elisabeth Müller zunächst Teil eines größer angelegten Projekts, an dessen Ende eine bundesweite digitale Theaterzettel-Sammlung stehen sollte. Der Plan scheiterte an der Finanzierung. Dass die Theaterzettel in Bremen digital archiviert werden konnten, liegt laut SuUB-Direktorin an der finanziellen Unterstützung der Bremer Heroldstiftung. Weitere digitalisierte Sammlungen gibt es in Oldenburg, Darmstadt, Jena, Kiel, Stuttgart, Karlsruhe und drei weiteren deutschen Universitäts- und/oder Landesbibliotheken.

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