Kunstexzentriker Horst Janssen

Bürgerschreck, Bohemien, Borderliner

Zum 90. Geburtstag des Zeichners, Radierers und Grafikers Horst Janssen planen Oldenburg und Emden im Herbst eine verheißungsvolle Ausstellungskooperation.
25.07.2019, 09:03
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Bürgerschreck, Bohemien, Borderliner
Von Hendrik Werner
Bürgerschreck, Bohemien, Borderliner

Talentiert und beladen: der in Oldenburg geborene Künstler Horst Janssen.

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Oldenburg. Nur und immerhin eine Stunde. So viel Zeit veranschlagt ein vom Horst-Janssen-Museum herausgegebener Flyer für Besucher, die in Oldenburg auf den Spuren des Künstlers wandeln wollen, dem der „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein die kernigen Worte „Mordskerl, Monstrum, Mann“ nachrief. Der 1995 verstorbene Zeichner und Grafiker, Plakatkünstler und Illustrator Horst Janssen, dessen Geburtstag sich am 14. November zum 90. Mal jährt, wuchs in Oldenburg auf, wurde ebenda belehrt (Grundschule Röwekamp, Heiligengeisttorschule, Margaretenschule) und auch dort bestattet. Ein trefflicher Aphorismus von Georg Christoph Lichtenberg ziert seinen Grabstein auf dem Gertrudenkirchhof: „Mir tut es allemal weh, wenn ein Mann von Talent stirbt, denn die Welt hat dergleichen nötiger als der Himmel.“

Drei Jahre vor seinem Tod entdeckte dieser gleichermaßen talentierte wie beladene Mann, der notorisch zwischen Selbstzweifeln und Selbstüberhöhung mäandrierte, die Liebe zu seiner Heimatstadt neu. Das legt unter anderem seine Entgegnung auf die späte Verleihung der Ehrenbürgerwürde im Jahr 1992 nahe: „Es ist keine Koketterie: ein bisschen verlegen macht mich diese Ehrung schon!“ Horst Janssen gab damals zu Protokoll, sein Selbstverständnis liege „immer noch in der Hundehütte Lerchenstraße 14, wo Opa – er sprach vielleicht pro Tag ein Dutzend Wörter – einmal sagte: Aus dem Jungen wird mal was.“

Entfaltungsraum für Klein-Horst war auch und gerade in der kleinsten Hundehütte. Das war, notabene, kein Haustierunterschlupf, sondern der Neckname für die vorzugsweise zwischen 1875 und 1920 in Oldenburg entstandenen Giebelhäuser. In einem davon trainierte der designierte Künstler seine später zuverlässig überbordende Einbildungskraft, die eine ästhetische und emotionale Durchlässigkeit einbegriff, die zeitlebens zugleich Chance und Belastung war: „Die Lerchenstraße 14 war der Kreis, in dem ich mich drehte, und der Ausgangspunkt all meiner Phantasie-Exkursionen. Sie war das vollkommene Nest für mein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis, die Mutter quasi, in der ich noch steckte.“

Wortgewalt, Behütungsbegehren

Das gewohnt drastisch formulierte Behütungsbegehren – der nicht nur wortgewaltige Erotomane und poetisch empfängliche Säufer Horst Janssen formulierte gern doppeldeutig, schwül und obszön – ist nachvollziehbar: Seine Mutter Magda war Damenschneiderin; seinen Vater, einen schwäbischen Vertreter, lernte er nie kennen. Der uneheliche Sohn wuchs bei den Eltern seiner Mutter auf. Janssens Großvater Johann Friedrich, ein Schneidermeister, nahm das Kind an Sohnes statt an; als er 1939 an Tuberkulose starb, wurde ein Amtsvormund für Horst bestellt. Später adoptierte ihn Anna Janssen, die jüngere Schwester seiner Mutter. Zu ihr, die er Tantchen nannte, zog er 1945 nach Hamburg, wo er den Großteil seines Lebens verbrachte. Sie war es auch, die sein Kunststudium finanzierte – und der er aus Dankbarkeit etliche Werke widmete.

Zur Kunst kam Janssen früh. Gerade 13 Jahre alt war er, als ihn Hans Wienhausen, sein Zeichenlehrer an der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt im emsländischen Haselünne, entdeckte und zu fördern begann, notabene: inmitten eines Schulalltags, der aus massivem psychischem und physischem Drill bestand. Das Glück des Protegés genoss er auch in den ersten Jahren seines künstlerischen Werdegangs: An der Landeskunstschule in Hamburg wo er zwischen 1946 und 1951 studierte, machte ihn der gefragte Maler und Gebrauchsgrafiker Alfred Mahlau, der unter anderem die Verpackung von Niederegger-Marzipan verantwortete, vom ersten Semester an zu seinem Meisterschüler. Zu den ersten Aufträgen, die er Janssen zuschanzte, zählte 1947 eine Zeichnung für die Wochenzeitung „Die Zeit“, kurz darauf die Illustration eines Kinderbuches. Ungleich weniger als sein Mentor hielt der Direktor der Landeskunstschule von ihm: Gustav Hassenpflug war daran gelegen, den Hochbegabten ohne Abschluss zu relegieren.

Auch ohne akademische Weihen machte Janssen seinen vor Produktivität, Kreativität und virilen Gesten strotzenden Weg. Ein gigantisches Werk entstand innerhalb einer vergleichsweise kurzen Lebensspanne: Sage und schreibe 3000 Radierungen, mehr als 20.000 Zeichnungen und Aquarelle listet sein Werkverzeichnis auf. Vergleichbar maßlos war das Schwergewicht, ein empfindsames Raubein mit Nickelbrille, was Gelüste anbelangt: Seine Gier nach Frauen war ebenso groß wie sein Verlangen nach Alkohol und Zigaretten – mindestens –; neben drei Ehen ging der exzentrische Koloss, den Biografen, darunter Joachim Fest, unisono als egozentrischen und exhibitionistischen Gefühlsextremisten charakterisieren, zahllose Affären ein, die sich in etlichen erotischen Porträts und noch mehr Liebesbriefen äußerten.

Die gegenwärtig im Oldenburger Horst-Janssen-Museum gezeigte Schau zeugt eindringlich von den ideellen und materiellen Exzessen dieses nicht nur ästhetischen Grenzgängers, obwohl die Rolle des Namensgebers darin ungewohnt nachgeordnet ist: „Natur schöpfen – Eine wachsende Ausstellung“ stellt Werke Janssens unter anderem Werken des Bremers Künstlers Werner Henkel gegenüber. Die spät einsetzende Beschäftigung mit Phänomenen der äußeren Natur war Horst Janssen zur Inspektion seiner inneren Natur ungemein dienlich, ja willkommen. Er, der chronisch Aufbrausende, der sich so schwer mit Affektkontrolle tat, nutzte zeitweilig die Chance, Stämme, Äste und Zweige, Blüten, Blätter und Stängel als Pendant seiner überschäumenden Emotionen zu überhöhen. „Zu Beginn der 70er-Jahre wurde Janssen von Freunden sozusagen in die Natur eingeführt“, sagt Sabine Siebel, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums, das sich der Bildenden Kunst auf Papier verschrieben hat. Das Schöpfen von Papier und den kreativen Umgang mit Naturpigmenten, beides Schöpfungsakte par excellence, können die Besucher im Rahmen der Ausstellung noch bis zum 18. August unter fachkundiger Anleitung lernen.

Abgründige Dichterporträts

Was die aktuelle Schau, in deren Zentrum gewitzte Werke der Huder (Umwelt-)Künstlerin Insa Winkler stehen, an Janssen-Werken einspart, bietet sie umso opulenter zum 90. Geburtstag auf. In Kooperation mit der Kunsthalle Emden soll der „Kosmos Janssen“, so das Leitwort der Doppel-Hommage, neu vermessen werden. Emden erhellt kunstgeschichtliche Einflüsse (28. September bis 26. Januar 2020), Oldenburg literarische Schnittstellen (14. November bis 15. März 2020). Janssen, ein Virtuose der Assoziationen und Anspielungen, tat sich nicht nur mit der Gestaltung von Bucheinbänden hervor, sondern war seinerseits ein origineller Schriftsteller, dessen tief- und abgründige Dichterporträts (in Text und Bild) auch viel über eigene Besessenheit verraten.

Ernst Jünger (1895-1998) beispielsweise, dem Janssen zu dessen 85. Geburtstag einen prächtigen Band mit Radierungen widmete, die der Lektüre des Prosabandes „Das abenteuerliche Herz. Figuren und Capriccios“ geschuldet sind, der surreale Miniaturen enthält, die um Wahrnehmungen und Strukturen kreisen. Die Jünger-Faszination, die sich auch in einem Porträt niederschlug, speiste sich auch und gerade aus Kriegs-, Gewalt- und Verlusterfahrungen, die für das Werk beider Künstler in unterschiedlicher Weise prägend waren.

Jähzorn und Gewalttätigkeit – vor allem im Suff – sind nur zwei der zahlreichen Attribute, die den Umgang mit Horst Janssen, dem Jahrhundertgenie, schwierig bis unmöglich machten. Zwei weitere: depressive Dispositionen und eine schwer auszurechnende Labilität, die jähe Wechsel von larmoyanter Kindlichkeit und großspurigem Machogehabe beförderte. Weitgehend unabhängig von dieser explosiven Affektgemengelage, die in mancher Hinsicht an eine Borderline-Persönlichkeit gemahnt, funktionierte der Verstand des zerrissenen Hünen mit beeindruckender Präzision. Ein „hypersensibler, blitzschnell denkender Intellektueller“ sei er gewesen, schreibt Janssens langjähriger Freund, der Publizist Manfred Bissinger, in der im September erscheinenden Ausgabe von „Freipass“, einer Schriftenreihe der Günter-und-Ute-Grass-Stiftung. Höhepunkt des Porträts ist die Schilderung des Zwistes bei einem gemeinsamen Projekt, das in einem Sprech- und Hausverbot endete. Naturgemäß für Janssen.

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