Kommentar über das Filmfestival Cannes

Cannes fällt zurück

Das Filmfestival Cannes hat dieses Jahr eine seltsame Rückwärtsgewandtheit demonstriert - weniger, was die gezeigten Filme, als was seine Strukturen angeht, findet Iris Hetscher.
24.05.2019, 15:15
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Cannes fällt zurück
Von Iris Hetscher
Cannes fällt zurück

Die Schauspieler Leonardo DiCaprio (l) und Brad Pitt kommen zur Premiere des Films «Once Upon a Time in Hollywood» zum 72. Internationalen Filmfestival in Cannes.

Vianney Le Caer/Invision /AP /dpa

Das Filmfestival Cannes war dieses Jahr nicht nur wegen bewegter Bilder, sondern auch wegen allerlei Misstönen in den Schlagzeilen. Verstand es sich im vergangenen Jahr auch als Plattform für die #MeToo-Bewegung, war 2019 ein merkwürdiges Zurückrudern zu beobachten.

Da ehrte Festivalchef Thierry Fremaux einen Schauspieler für sein Lebenswerk, der zugibt, Frauen geschlagen zu haben, Homosexualität für „widernatürlich“ hält, dem Le Pen-Clan nahe steht. Man sei eben immer aufseiten der Künstler, so Fremaux etwas lahm über die „Ehrenpalme“ für Alain Delon – dieser habe zudem „keine Angst zu missfallen“. Da kann man gespannt sein, ob 2020 Kevin Spacey oder Gérard Depardieux geehrt werden.

Auch ansonsten fiel Cannes durch eine gewisse Musealität der Strukturen auf. 21 Filme gab es im Wettbewerb, nur vier von Regisseurinnen. Angeblich lag das am zu geringen geeigneten Angebot, vielleicht frönte das Festival aber lieber seiner Passion für Recken wie Terrence Malick oder Pedro Almodóvar, die inzwischen jeden Stein auf der Croisette kennen. Diese Zögerlichkeit passt zu einer weiteren: Erneut verweigerte sich das Festival den Produktionen von Streaming-Diensten.

Das kann man natürlich zur Marke ausbauen: Cannes als kleines gallisches Dorf des Kintopps. Andere Festivals, darunter die Berlinale, haben erkannt, dass aufregendes filmisches Erzählen nicht mehr nur auf der großen Leinwand stattfindet. Viele der Stars und Regisseure, die in Cannes dabei waren, übrigens auch.

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