Sonntagskolumne „Müßiggang“ Computerfuzzi, Schelmenroman, Suppengemüse

Wie spricht man über Menschen, deren Namen man nicht kennt? Not macht erfinderisch, aber „Elektrofritze“ ist keine höfliche Lösung. Meint Hendrik Werner in seiner Kolumne, die sich auch mit Sellerie befasst.
15.02.2019, 17:07
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Computerfuzzi, Schelmenroman, Suppengemüse
Von Hendrik Werner

Weil die Leser bekanntlich mit ihren Aufgaben wachsen, liegt dem pädagogisch ambitionierten Müßiggänger daran, sie ab und zu mit Alltagsrätseln zu betrauen, die selbst er nicht – um Verzeihung: die er selbst nicht – zweifelsfrei zu knacken imstande ist. Derzeit treiben ihn gleich zwei Menschheitsmysterien um, zu deren Erhellung er dringend Unterstützung braucht. Um nicht zu sagen: Zu Hülfe!

Da ist zum einen die Frage, wie man höflich über einen Menschen spricht, dessen Name einem nicht geläufig ist. Oft ist dem Müßiggänger, dessen zweiter Vorname Kinderstube lautet, aufgefallen, wie despektierlich es klingt, wenn die Rede von einem „Heizungsmenschen“ oder „Computerfuzzi“, von einer „Kassentrulla“ oder „PR-Tante“ geht. Überaus peinvoll, ja ehrabschneidend ist es auch, wenn man sich schnöde als „Kulturfricko“ oder als „Theaterheini“ titulieren lassen muss.

Aus gutem Grund bemerkt Frank Lehmann, Bremens wohl berühmteste Literaturfigur, in Sven Regeners Schelmenromanen, es gehöre sich nicht, über Menschen in der dritten Person zu sprechen, die zugegen sind. Ebenso berechtigt ist freilich die Forderung, sich schicklich über Menschen zu äußern, die nicht im Raum sind. Ja, das gilt auch für Zeitungsfritzen!

Zum anderen gibt dem Müßiggänger gegenwärtig ein Gemüsezuschnitt Rätsel auf, der ihm unpraktisch deucht. Die Rede ist von Suppengemüse, mit dem unser Mann gern jenen Sugo ansetzt, der im Italienischen „al ragù“ heißt, im Deutschen nach einer italienischen Stadt (die auch für akademische Einheitssoße herhalten muss). Während sich die Möhren aus einer handelsüblichen Supermarkt-Suppengemüse-Box problemlos bearbeiten lassen (die Petersilie sowieso), ist die Selleriescheibe meist viel zu schmal bemessen, als dass es Grobmotorikern möglich wäre, sie unfall- und verlustfrei zu schälen und zu häckseln.

Ginge es nach dem Müßiggänger, der nun mal kein Kunstschnitzer ist, würde er in besagten Packungen den Sellerie-Anteil deutlich erhöhen, den lässlichen Lauch dafür aussparen – und diese Weltneuheit bei den Supermarktfritzen als Bolognesegemüse feilbieten. Der Name mag widersinnig klingen, für Vegetarier sogar widerwärtig. Das Produkt aber wäre idealtypisch zugeschnitten – auf die Bedürfnisse des Müßiggängers. „Nur nichts verkommen lassen“, sagt seine Oma.

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