Durch Corona-Pandemie

Einbußen für Bremer Aufnahmestudios

Dass Musiker seit Monaten keine Konzerte spielen können, merken auch die Betreiber der Aufnahmestudios. Denn: kein Geld, keine neuen Produktionen. Die Krise treffe die Branche zeitverzögert, heißt es.
22.06.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Einbußen für Bremer Aufnahmestudios
Von Katharina Frohne
Einbußen für Bremer Aufnahmestudios

Oliver Sroweleit, Leiter des Aufnahmestudios Studio Nord, kann noch nicht absehen, wie groß die Einbußen durch die Krise sein werden.

Christina Kuhaupt

Ein bisschen verloren steht der Mann mit der Gitarre mitten im Raum. „Ich bin auf euch angewiesen“, sagt er in Richtung Kamera. „Bei mir is ja immer so’n bisschen mit Mitsingen und so.“ Eigentlich. Denn Konzerte kann er wegen der Corona-Pandemie nicht spielen, zumindest nicht vor Publikum. Der Mann mit der Gitarre ist der Bremer Liedermacher Jonny Glut. Wie alle Musiker gilt für den 70-Jährigen seit Mitte März Auftrittsverbot. Für ihn heiße das, so erklärt er seinen für ihn unsichtbaren Zuschauern, die das Video ein paar Tage später auf Youtube finden werden: „Ausgaben, aber keine Einnahmen, klar.“

Der Raum, in dem Jonny Glut ganz allein seine Lieder spielt, ist das Aufnahmestudio des Studio Nord in Bremen-Oberneuland. Um den Musikern aus der Region zu helfen, hat Oliver Sroweleit, Leiter des Tonstudios, zusammen mit seinem Kollegen Gunnar Maatz das Format „M.I.O.L“ initiiert: Konzertmitschnitte, die wechselnden Künstlern aus der Region eine digitale Bühne bieten. Die Videos teilt Sroweleit auf Facebook, teils auch auf Instagram. „M.I.O.L.“, das steht für „Music Is Our Life“, Musik ist unser Leben. Und in Sroweleits Fall ist sie das tatsächlich: Seit 30 Jahren unterstützt der 53-jährige Toningenieur Künstler dabei, Songs oder Alben einzuspielen, 2012 übernahm er die Geschäftsführung des Studios im Bremer Norden.

Aufmerksamkeit anderer Künstler gewinnen

Mit jedem Konzertvideo rufen er und seine Kollegen zu Spenden für die Musiker auf. Dem Studio selbst bringen die Konzerte in finanzieller Hinsicht nichts, erst mal zumindest. „Da geht es uns eher um Aufmerksamkeit, darum, dass wiederum andere Künstler uns bemerken und vielleicht auch mit uns arbeiten wollen.“ Die Corona-Krise, erzählt Sroweleit, habe auch ihn und seine Kollegen hart getroffen. „Sämtliche Aufnahmen im Zeitraum März bis Juni wurden abgesagt oder verschoben“, sagt er. Welcher finanzielle Schaden dadurch entstanden sei, könne er aktuell schwer absehen – „weil unsere Einnahmen immer extrem schwanken“.

Seit er in der Branche tätig sei, sagt er, arbeite er „von Monat zu Monat“. „Mal hast du die Taschen voll, mal ist es richtig eng – mich um Geld zu sorgen, ist mir also nicht fremd.“ Und immerhin: Ein großer Teil seiner Arbeit bestehe darin, bereits eingespieltes Material nachzubearbeiten, „das ist glücklicherweise auch ohne Kontakt mit der Außenwelt möglich“. Sroweleit glaubt: „Die Musiker, die außer Konzerten oft keine Einnahmequelle haben, hat es noch mal wesentlich härter getroffen als uns.“ Vorerst zumindest. Denn dass viele Musiker nun über viele Woche große Verluste machen, teils keinen Cent verdienen, könne auch für seine Zunft zum Problem werden: „Ein Musiker, der kein Geld hat, nimmt auch keine Platte auf.“

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Die gleichen Sorgen hat Robert Meister. Seit 32 Jahren betreibt er das Aufnahmestudio Tonart, das seit 2011 seinen Sitz in der Überseestadt hat. „Einigermaßen okay“ sei er durch die vergangenen Monate gekommen – obwohl auch ihm für fünf Wochen alle Aufnahmen wegbrachen. Erst im Mai erholte sich die Lage. „Aktuell komme ich klar“, sagt Meister. Nur: „Wenn es so weitergeht, dass die Künstler keine öffentlichen Auftritte haben, dann fehlt ihnen auch das Geld für neue Produktionen.“ Viele seiner Kunden, sagt er, seien seit Monaten arbeitslos. „Viele spielen auf Firmenfeiern, Kreuzfahrtschiffen oder Zeltfesten – das fällt alles bis auf Weiteres flach.“

Ein ähnlich gelagertes Problem hat Christoph Hoppe-Thiele, Betreiber des Klangquartiers in der Neustadt. Er sagt: „Die Krise kommt zeitverzögert bei uns an.“ Hoppe-Thiele setzt in seinem Studio auf das sogenannte Mastering, also den technischen Feinschliff bereits aufgenommener Musikstücke. Einige geplante Produktionen seien ausgefallen, weil die Bands die Musik nie hatte einspielen können, sagt Hoppe-Thiele. Vor allem aber bekomme auch er zu spüren, dass viele Künstler gezwungen seien zu sparen. „Die Dienstleistung, die wir hier erbringen, bewegt sich im Highend-Bereich; einige Musiker verzichten nun auf diese Art der Nachbearbeitung – weil sie es sich gerade nicht leisten können.“

Einbußen "halbwegs kompensiert"

Auch Peter Schulze, Vorsitzender des Vereins Freunde des Sendesaals, spricht von einer „heftigen Situation für alle Beteiligten“. Internationale Produktionen hatten wegen der Reisebeschränkungen abgesagt oder vertagt werden müssen, dafür, sagt er, „konnten teilweise Musiker aus Deutschland die freien Produktionstage übernehmen“. Bei einzelnen Musikern und kleinen Ensembles habe es hingegen ohnehin keine Schwierigkeiten gegeben, da sich der Aufnahmetechniker in einem anderen Raum als der einspielende Künstler befinde. Die Einbußen, sagt Schulze, habe man „halbwegs kompensieren“ können. Allerdings: „Aufnahmen mit größeren Ensembles oder Chormusik lassen sich auch weiterhin nicht realisieren.“ Darüber hinaus fielen die Einnahmen durch die seit Kurzem wieder zulässigen Konzerte geringer aus, da wegen der Abstandsregeln nur 60 der 250 Sitzplätze besetzt werden dürften. „So, wie es jetzt ist“, sagt Schulze, „ist das für uns keine vernünftige Perspektive“.

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Wie also geht es für die Studiobetreiber weiter? „Das werden erst die kommenden drei, vier Monate zeigen“, sagt Christoph Hoppe-Thiele vom Klangquartier. Klar sei, dass die Aufträge spürbar zurückgingen – ob das anhalte, sei nun davon abhängig, wie sich die Lage in der Musikszene gestalte. Immerhin beobachtet Hoppe-Thiele auch eine positive Entwicklung: „Was die Dezentralisierung in der Musikproduktion angeht, hängt die Branche zehn Jahre hinterher; das ändert sich gerade.“ Notgedrungen würden viele Sessions, für die sonst ein Treffen notwendig sei, jetzt digital abgehalten. „In meinen Augen ist es zwingend erforderlich, diese Möglichkeiten weiterhin zu nutzen“, sagt Hoppe-Thiele. „Man muss heutzutage keinen Flug mehr ans andere Ende Deutschlands buchen, um dann ein paar Stunden mit jemandem im Studio zu sitzen.“

Oliver Sroweleit vom Studio Nord indes will das Videokonzertformat auch nach Corona beibehalten. „Wir haben das für uns als schöne Möglichkeit entdeckt, unseren Musikern zu mehr Reichweite zu verhelfen“, sagt er. Was die Spenden angehe, könne es durchaus besser laufen. „Aber das Feedback unserer Zuschauer und -hörer war von Anfang an sehr positiv.“

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