Corona-Lockerungen

Bremer Buchläden öffnen am Montag

Ab kommender Woche haben die Bremer Buchläden wieder geöffnet. Für die Händler eine große Erleichterung. Vier von ihnen erzählen, wie es jetzt weitergeht – und wie sie die vergangenen Wochen erlebt haben.
18.04.2020, 08:30
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Buchläden öffnen am Montag
Von Katharina Frohne
Bremer Buchläden öffnen am Montag

Irene Nehen, Inhaberin der Buchhandlung Melchers in Schwachhausen, freut sich, ihr Geschäft wieder öffnen zu dürfen.

Frank Thomas Koch

Der erste Anruf kam morgens um zehn. Donnerstagvormittag, Logbuchladen in Bremen-Walle. Sabine Stiehler, Inhaberin der Buchhandlung in der Vegesacker Straße, hatte gerade mit der Arbeit begonnen, da wollte der erste Kunde wissen, ob es stimme, dass der Laden am Montag wieder geöffnet sei.

Vier Wochen ist es her, dass Stiehler ihr Geschäft hatte schließen müssen; seither, sagt sie, befinde sich ihr Unternehmen, das sie gemeinsam mit ihrem Mann Axel betreibt, im Ausnahmezustand. Denn obwohl die Stiehlers keine Kunden mehr empfangen durften, machten sie weiter – als Lieferservice für Lesestoff.

„Nichts zu tun, war keine Option“

Deutschlandweit haben die coronabedingten Geschäftsschließungen Buchhändlerinnen und Buchhändler zur Improvisation gezwungen. „Nichts zu tun, war keine Option“, sagt auch Beruta Adolf von der Buchhandlung Georg Büchner im Viertel. „Für uns war klar: Wenn die Menschen nicht mehr zu uns kommen dürfen, kommen wir zu ihnen.“ Wie Stiehler nimmt sie Buchbestellungen per Telefon, E-Mail und Onlineshop entgegen, ausgeliefert werden die in der näheren Umgebung von den Angestellten selbst – unter Berücksichtigung des gebotenen Abstands. Organisatorisch eine „brutal schwierige“ Angelegenheit, sagt Adolf. Elf bis zwölf Stunden täglich arbeitet sie seit Wochen, ein großer Teil gehe für die Koordination der Kundenbesuche drauf. Schließlich seien auch in Coronazeiten nicht immer alle zu Hause.

Im Grunde aber ein erfreuliches Problem, sagt Adolf. „Es wird unheimlich viel bestellt – das ist toll!“ Geradezu überwältigt sei sie von der Unterstützung der Bremerinnen und Bremer gewesen, von denen viele sicherlich bewusst das eine oder andere Buch mehr bestellten, um den lokalen Handel zu unterstützen. „Das freut und rührt uns sehr“, sagt Adolf.

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Irene Nehen, Inhaberin der Buchhandlung Melchers in Schwachhausen, findet ähnliche Worte, wenn sie über die Erfahrungen der vergangenen Wochen spricht: „Wir können unseren Kunden gar nicht genug dafür danken, wie sehr sie uns gerade den Rücken stärken“, sagt sie. Neben Buchbestellungen erreichten sie besorgte Nachfragen, aufmunternde Worte, kleine Präsente. „Es ist schön zu spüren, dass den Menschen daran gelegen ist, dass wir gut durch diese Zeit kommen“, sagt Nehen.

Auch Stiehler vom Logbuchladen in Walle und Stefanie Bux, Betreiberin der Buchhandlung Balke in der Neustadt, berichten von Fürsorge und Anteilnahme. „Wenn wir mit Bollerwagen, Fahrrad oder Hund durch die Straßen laufen, lächeln die Menschen uns an und freuen sich“, sagt Bux. Stiehler indes hat zu Ostern fünf Din-A4-Blätter ins Schaufenster gehängt, auf jedem Zettel steht ein Buchstabe, „D-A-N-K-E“, darunter der Satz „Vielen Dank für Ihre Treue!“.

Umsätze deutlich zurückgegangen

Trotzdem, sagt Bux, seien die Umsätze deutlich zurückgegangen – ein Einkauf im Buchladen sei eben kein Gang durch den Supermarkt; die Menschen nähmen sich Zeit, kauften vielleicht nicht nur ein Buch, sondern zusätzlich Postkarten, Spielzeug, Geschenkartikel. Gerade dieser sogenannte Non-Book-Bereich sei seit Wochen vollständig weggefallen, sagt Bux, genauso das wichtige Ostergeschäft.

Auch sie, sagt Beruta Adolf von der Buchhandlung Georg Büchner im Viertel, habe sparen müssen, wo es geht. Ihre Angestellten musste sie schweren Herzens in Kurzarbeit schicken, Steuern und Miete konnte sie wie Lohnnebenkosten und Krankenkassenbeiträge stunden. Klar sei aber auch: „Geschoben ist nicht aufgehoben – all diese Kosten werden zeitverzögert auf uns zukommen.“ Die Hilfszahlung der Aufbaubank, die ihrem Laden als Kleinbetrieb zustehe, werde davon lediglich einen geringen Teil ausgleichen.

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Umso mehr freut sie sich darüber, wieder öffnen zu dürfen. Bereits am Mittwoch hatten sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder darauf geeinigt, Buchhandlungen ungeachtet ihrer Größe von den Schließungsverpflichtungen auszunehmen; am Freitag bestätigte Bürgermeister Andreas Bovenschulte diese Entscheidung auch für Bremen. „Für uns war das eine große Erleichterung“, sagt Adolf. Nicht zuletzt deshalb, da ihre Arbeit in den vergangenen Wochen nicht die gewesen sei, für die sie sich vor vielen Jahren entschieden habe. „Der Papierkram hat uns am Leben gehalten – was diesen Beruf aber eigentlich ausmacht, ist der persönliche Kontakt mit den Kunden“, sagt sie. „Ich mag es, wenn ich in den Gesichtern der Menschen sehe, ob ich mit einer Empfehlung ins Schwarze getroffen habe; am Telefon ist das nicht das Gleiche.“

Am Montag also geht es weiter – im Corona-Modus. „Wir nähen schon fleißig Schutzmasken für unsere Angestellten“, sagt Adolf; außerdem werde sie darauf achten, dass sich nur wenige Kunden gleichzeitig im Laden aufhielten. Auch in den anderen Buchhandlungen, sagen die Frauen, werde es Einlassbeschränkungen geben. Nehen und Bux setzen zudem auf Spuckschutzwände im Kassenbereich, Bux und Stiehler ebenfalls auf Schutzmasken für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. „Am wichtigsten ist es jetzt sicherlich, dass wir alle gemeinsam auf ausreichend Abstand zueinander achten“, sagt Nehen.

Persönliche Buchlieferungen auch weiterhin

Die persönlichen Buchlieferungen in Schwachhausen und Umgebung werde sie ab Montag reduzieren. „Sowieso äußern viele Kunden, dass sie ihre Bücher gern selbst abholen würden; ich denke also, dass der Bedarf da stark zurückgehen wird“, sagt sie. In Einzelfällen sei es aber auch weiterhin denkbar, die Bücher zu den Menschen nach Hause zu bringen. „Wir geben uns große Mühe, alles möglich zu machen.“ Das plant auch Bux: „Wir haben viele ältere und auch einige gesundheitlich vorbelastete Kunden, für die es zu gefährlich wäre, das Haus zu verlassen – denen bringen wir ihren Einkauf natürlich weiterhin nach Hause“, sagt sie.

Und auch Beruta Adolf findet: „Es sollten alle die Möglichkeit haben, an Bücher zu kommen; ich möchte niemanden ausgrenzen oder unnötig aus dem Haus locken.“ Stiehler will ihren Lieferservice in Walle ebenso fortsetzen, „bis wir ein Gefühl dafür bekommen, in welchem Umfang da ein Bedarf besteht“. Sie sagt: „Wir denken und planen von Tag zu Tag – auch für uns ist diese Zeit ein Abenteuer.“

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