Schlechte Zeiten für Literatur

Bremer Buchläden und Verlage im Corona-Kampf

Geschlossene Buchläden, ausfallende Messen, einbrechende Verkäufe: Für viele Verlage geht es dieser Tage ums Überleben. Vier Bremer Verleger erklären, womit sie zu kämpfen haben – und was helfen würde.
02.04.2020, 22:00
Lesedauer: 3 Min
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Bremer Buchläden und Verlage im Corona-Kampf
Von Katharina Frohne
Bremer Buchläden und Verlage im Corona-Kampf

Erst im Januar hat Manuel Dotzauer den Bremer Kellner-Verlag übernommen.

Christina Kuhaupt

Mehr Zeit für Literatur durch Corona? Darüber kann Manuel Dotzauer, seit Januar Chef des Bremer Kellner-Verlags, nur lachen. „Es scheint, als hätten die Menschen gerade anderes im Kopf als Bücher“, sagt er. „Der Verkauf ist durch die Schließung der Buchläden sofort rapide eingebrochen.“ Auch über den Onlineshop des Verlags gingen weniger Bestellungen ein als sonst. „Ich rechne mit Umsatzeinbußen von 25 bis 30 Prozent." Erst mal. Denn was die derzeitige Situation langfristig für den Verlag bedeuten könnte, das kann Dotzauer derzeit kaum bemessen. Nur so viel: „Die Lage ist dramatisch.“

Für viele deutsche Buchverlage geht es in der Corona-Krise ums Überleben. Zwei Wochen ist es her, dass Bremer Buchhandlungen ihre Türen für Kunden schließen mussten; inzwischen sind insgesamt etwa 6000 Geschäfte bundesweit dicht. Für die Verlage, die ihr Geld damit verdienen, die Händler zu beliefern, eine Katastrophe. Denn obwohl immer mehr Literatur im Netz bestellt wird, machen Onlinekäufe nur etwa die Hälfte des gesamten Marktes aus.

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Und es sind nicht nur die geschlossenen Buchhandlungen, die für die Verlage zum Problem werden. Man unterschätze schnell, wie wichtig es sei, neu erschienene Bücher bewerben zu können, sagt Ausma Zvidrina, Inhaberin des Verlags Golden Press mit Sitz im Viertel. Beispielsweise auf Lesungen. Auch Zvidrina musste alle weiteren Termine der für März und April geplanten Lesereise ihres Autors Jens Genehr („Valentin“, wir berichteten) absagen.

Genauso geht es Madjid Mohit, Inhaber des Sujet-Verlags. Mehrere Lesungen mussten gecancelt werden – aus Marketingsicht ein riesiger Verlust. „Eine der wichtigsten Möglichkeiten, die Menschen auf unsere Bücher aufmerksam zu machen, sind Veranstaltungen wie Lesungen und Messen“, sagt Mohit. Auch dass die Leipziger Buchmesse, die Mitte März hätte stattfinden sollen, abgesagt wurde, habe ihn hart getroffen.

„Wenn es so weitergeht, müssen wir aufhören zu produzieren und uns langsam aus dem Markt zurückziehen“, sagt Mohit. Schon jetzt sei er gezwungen, die Arbeitszeit seiner hauptsächlich freien Mitarbeiter zu reduzieren, um die Kosten gering zu halten. Nur einige wenige Bestellungen seien bei ihm in den vergangenen Tagen eingegangen. Um den Fortbestand des Verlages zu sichern, werde das nicht reichen.

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Auch Horst Temmen, Verleger der Edition Temmen, sieht „herben Verlusten“ entgegen. „Wenn wir von zwei bis drei Monaten weitgehenden Stillstands ausgehen, werden unsere Umsätze um bis zu 90 Prozent einbrechen.“ Für Temmen besonders schwierig: „Da wir ein in hohem Maße auf Touristen ausgerichtetes Programm haben, fällt unsere Käufergruppe jetzt vollständig weg.“ Auch der Verkauf über den Onlinehandel habe bislang nicht zugenommen, sondern sich ganz im Gegenteil „drastisch reduziert“.

Panik schiebe in seinem Hause bislang allerdings niemand. „Wir arbeiten weiter an der Fertigstellung des Jahresprogramms“, sagt er. „Irgendwann wird es ja wieder normale Verhältnisse geben.“ Darauf setzt auch Ausma Zvidrina von Golden Press. „Bücher werden ja zum Glück nicht schlecht“, sagt sie. Zvidrina ist derzeit in zweifacher Hinsicht von der Krise betroffen: Außer ihrem noch jungen Verlag gehört ihr die Buchhandlung Golden Shop. Bislang war der gut laufende Laden ihr Sicherheitsnetz; jetzt ist auch er gefährdet. Um ihre Kunden weiterhin zu erreichen, setzt sie vor allem auf Social Media. „Ich schreie quasi auf allen Kanälen: Hallo, hier sind wir!“, sagt sie. Auch den Newsletter verschickt sie nicht mehr nur einmal monatlich, sondern wöchentlich.

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Froh ist Zvidrina außerdem darüber, dass sie einen Onlineshop hat. „Der lief bisher nebenbei, jetzt haue ich da alles rein, was ich neu bekomme“, sagt sie. Bislang zahle sich das aus: „Es gehen viele Bestellungen ein; ich hoffe, das hält sich.“ Ihre Angst: „Ich habe Sorge, dass das gerade eine erste Solidaritätswelle ist, die irgendwann abebbt.“ Auch Madjid Mohit vom Sujet-Verlag versucht, sein Publikum jetzt digital zu erreichen. „Wir sind dabei, einen Youtube-Kanal einzurichten, um Ausschnitte aus unseren Titeln vorlesen zu lassen“, sagt er.

Ferner liefere der Verlag – wie auch Golden Press – derzeit auch per Fahrrad Bücher aus. Kellner-Verlagsinhaber Manuel Dotzauer bewirbt auf der Unternehmenswebsite und über Aushänge am Verlagshaus das Online- und Telefongeschäft. Er ist zudem froh, dass der Bremer Senat schnell finanzielle Hilfen für Kleinunternehmer und Selbstständige auf den Weg gebracht hat. Wie lange die Finanzspritze vorhalten wird, lasse sich schwer beurteilen, sagt er. „Wir haben gute Rücklagen – aber wenn die Krise bis zum Sommer anhält, werden wir um Kurzarbeit wohl nicht herumkommen.“ Das finanzielle Dilemma werde sich dann voraussichtlich nur mit neuen Krediten abfedern lassen. „Etwas, auf das wir natürlich nicht scharf sind.“

Madjid Mohit sieht den kommenden Monaten mit Sorge entgegen. „Wenn sich die Lage nicht relativ bald normalisiert, ist der Verlag definitiv gefährdet“, sagt er. Er hofft, dass die Menschen vielleicht doch noch mehr Zeit zum Lesen finden – „und dass sie an uns, an die kleinen Verlage, Buchhandlungen und freien Autoren denken, wenn sie Bücher bestellen.“ Die Literaturlandschaft, sagt er, könne sonst in ein paar Monaten eine deutlich ärmere sein.

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